19.07.2018, 23°C
  • 30.04.2018
  • von Nicola Kuhn

Globalkunst im Hamburger Bahnhof: So kann die Kunst des 20. Jahrhunderts aussehen

von Nicola Kuhn

Historische Halle im Hamburger Bahnhof in Berlin oh

Willkommen in der Gegenwart: Der Hamburger Bahnhof zeigt mit der Ausstellung „Hello World“ auf 10.000 Quadratmetern, wie die Kunst des 20. Jahrhunderts aus globaler Sicht aussehen kann.

Was wäre, wenn...? Diese ersten drei W’s jeder spekulativen Frage schwirren nur so durch die Säle des Hamburger Bahnhofs. Welcher Reichtum kultureller Beziehungen, welche Fülle an gegenseitiger ästhetischer Beeinflussung wären in der Sammlung sichtbar, wäre die Nationalgalerie in ihrem Blick auf die Kunst nicht so eurozentrisch verengt gewesen, hätten sich die Ankaufskommissionen nicht allein gen Westen orientiert, vorzugsweise Richtung USA.

„Hello World“ lautet die erfrischende Erwiderung auf eine solche eher betrübliche Selbstbefragung. Zu ändern sind die Versäumnisse nicht mehr. Mit dieser Ausstellung zeigt das Museum der Gegenwart auf seinen gesamten 10 000 Quadratmetern, wie es aussehen könnte, wenn es schon vor 100 Jahren ein globales Kunstverständnis gegeben hätte. Das Haus hat seine Türen aufgerissen und lässt endlich die ganze Welt hinein.

Kleiderständer, Hut, Mantel

Was bislang als ureigene kulturelle Leistung westlicher Größen erschien, gewinnt eine neue Perspektive. „Woher kommen wir?“ ist das Kapitel „Skulpturale Formen der Aneignung“ überschrieben. Der Grieche Jannis Kounellis gab darauf 1978/79 eine profane Antwort. Er kombinierte die Gipsreproduktion eines antiken Kopfes hoch oben an der Wand mit einem Kleiderständer, an dem ein Hut und Regenmantel hängen. Anfang des 20. Jahrhunderts orientierten sich die Bildhauer noch an den klassischen Formen.

Der Kanon zerbrach, als afrikanische Skulptur in den gerade neu gegründeten Ethnologischen Sammlungen Einzug hielt. Die Antike stand damit im Regen, so scheint Kounellis zu sagen. Denn die Bildhauerei öffnete plötzlich ihr Repertoire. Doch die Quelle ihrer Inspiration gelangte nicht mit ins Kunstmuseen, sie blieb als Primitivismus separiert. Das ist bis heute so geblieben.

Die Nationalgalerie hat sich einer Radikalkur unterzogen und ihre Sammlung auf solche blinden Flecken hin untersucht. Das Ergebnis ist eine phänomenale Öffnung in die verschiedenen Weltgegenden – Japan, Indien, Mexiko, Tahiti, Armenien. Die Globalisierung ist damit greifbar auch im Museum angekommen, eine Realität, die es draußen schon lange gibt. Die Institution beginnt sich neu zu definieren. Die Nationalgalerie hat damit durchaus Erfahrung. Wurde ihre Bezeichnung schon früh in Frage gestellt, indem nicht nur die eigenen Malersfürsten, sondern vor allem die Impressionisten des Nachbarlandes gezeigt wurden, so macht das Haus nun nochmals einen Sprung.

Große Sammlungen, blinde Flecken

Die Anregung dazu kam allerdings nicht von innen. Gleich mehrere Museen der Republik mit starken Sammlungen im Bereich der 20er, 30er und 40er Jahre waren von der Bundeskulturstiftung angesprochen worden, ihre Bestände einer solchen Revision zu unterziehen. 800 000 Euro standen zur Verfügung. Nicht alle waren von dieser Idee begeistert, sagt Hortensia Völckers, Leiterin der Stiftung. Nur das Frankfurter Museum für Moderne Kunst, die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, das Münchner Lenbachhaus und die Berliner Nationalgalerie ergriffen die Chance, transkulturelle Beziehungen im 20. Jahrhundert wieder zu beleben, die es vor dem Zweiten Weltkrieg schon einmal gegeben hat.

Frankfurt nutzte die Gelegenheit zum Austausch mit Buenos Aires, um die experimentelle Kunst Lateinamerikas der 40er bis 80er im Dialog mit der eigenen Sammlung auszuprobieren; die Ausstellung ist gerade auf dem Weg nach Argentinien. Düsseldorf zeigt im Herbst das Ergebnis seiner Tiefenbohrungen, München folgt im nächsten Frühjahr.

Berlin hat nun mit seiner Bestandaufnahme einen Kraftakt hingelegt. Über 250 Künstler sind zu sehen. Aus den eigenen Beständen stammen 200 Werke, 150 Leihgaben kommen aus weiteren Sammlungen der Staatlichen Museen wie Kupferstichkabinett oder Kunstbibliothek, 400 Leihgaben – darunter auch Zeitschriften und Dokumente – sind extern. Im Vorfeld wurden zusätzliche Kuratoren angestellt, aus Ljubljana, Paris, Kapstadt, Indien, um den Blick zu weiten. Nicht nur inhaltlich, auch personell beginnt mit „Hello World“ für die Nationalgalerie eine neue Zeitrechnung, machte Direktor Udo Kittelmann bei der Eröffnung klar. In allen anderen Museen der Welt werde längst international gearbeitet, nur Deutschland hinkt bislang hinterher. Auch das muss sich ändern.

Schaulauf für das Humboldt-Forum

„Hello World“ bringt die Nationalgalerie nach vorne, auch wenn sie damit letztlich Nachholarbeit leistet, wie sie derzeit an vielen Orten passiert – etwa in den Ethnologischen Sammlungen Berlins angesichts des näher rückenden Eröffnungstermins vom Humboldt-Forum. Die Ausstellung im Hamburger Bahnhof gibt eine Idee davon, wie es auch dort aussehen könnte, wenn die gegenseitigen Einflussnahmen der Kulturen aufgegriffen werden. Zu den schönsten Beispielen der auf insgesamt 13 Kapitel aufgefächerten Ausstellung gehört die Abteilung Mexiko. Im Land selbst ist die „Arte Popular“, die Verwebung von „hoher“ und „populärer“ Kunst Zeil des Alltags. Präkolumbianische Techniken fusionieren darin mit Handwerk und Hochkunst. Von dem Formenmix ließen sich auch die Surrealisten inspirieren. Vor diesem Hintergrund wirken die jüngst erst erworbenen Skulpturen von Mariana Castillo Deball, die archaische Formen und Götterfiguren zitieren, noch mal so eindrucksvoll.

Die Reaktion zeitgenössischer Künstler auf die eigene Historie ist ein Band, das sich durch alle Bereiche zieht. „Wir werden dieses Gefäß der Weisheit wieder öffnen, das uns zur Aufbewahrung anvertraut ist“ überschrieb der US-Künstler Nicholas Galanin sein zweikanaliges Video von 2008. Auf dem einen Bildschirm macht ein Schamane rituelle Schrittbewegungen, während auf dem anderen ein Rapper tanzt. Die Tonspuren sind jedoch vertauscht. Das Werk stammt vom Ethnologischen Museum.

Maler auf Wanderschaft

Der Besucher muss wiederkommen. All die Themen sind nicht auf einmal zu schaffen, die Querverweise nicht zu erfassen. Ob nun Tagores Wirken in Berlin, von dem 1937 Werke als „entartete Kunst“ aus der Sammlung konfisziert wurden, der Einfluss der europäischen Avantgarde auf Japan in den 20ern, als Künstler wie Tomoyoshi Murayama oder Yoshimutu Nagano die Galerie „Der Sturm“ besuchten, oder Heinrich Vogelers „Agitationstafeln“, mit denen der Worpsweder Maler auf Wanderschaft ging, um für den Kommunismus zu werben. Ist die Überforderung Programm? „Hello World“ will keine Sonderausstellung wie andere sein, sondern der Beginn eines neuen Verständnisses von Museum.

Zugleich ist die Schau ein Probelauf für das künftige Museum des 20. Jahrhunderts, das am Kulturforum entstehen soll. Hinter die sichtbare Bezugnahme etwa zwischen der modernen Plastik und afrikanischer Skulptur kann man nicht mehr zurückfallen. Auch die Verbindung von Abstraktem Expressionismus und indigener Kunst gehört nun zum Kanon. Die Kunstgeschichte ist fortan anders zu erzählen. Vor allem im Museum.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, bis 26. 8.; Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11– 18 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 59,90 €.

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