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  • 13.02.2018
  • von Christian Endres

Manga „Siúil, a Rún“: Die Kleine und das Biest

von Christian Endres

Monströser Beschützer: Eine Szene aus dem zweiten Band von „Siúil, a Rún“. Foto: Promo

Im Manga „Siúil, a Rún“ entführt der japanische Künstler Nagabe in eine düstere fantastische Welt, in der ein kleines Mädchen bei einem sanftmütigen Monster lebt.

Die kleine Shiva lebt in einem Wald, in dem anscheinend nur sie und der Doktor hausen, ein humanoides, hochgewachsenes Monster mit Schwanz, Schnabel und Hörnern. Der bizarre, jedoch sanftmütige Gentleman im Frack passt auf das naive Mädchen auf, das vergebens auf die Rückkehr seiner Großmutter hofft. Allerdings bringt der Doktor es nicht über sich, dem Mädchen die Wahrheit zu sagen.

In Wahrheit handelt es sich bei dem Wald um eine unter Menschen verrufene Todeszone, in der die nervösen Soldaten aus der nahen Stadt die Leichen derer abladen, die dem ominösen Fluch zum Opfer gefallen sind, der die ganze Gegend plagt – einer hoch ansteckenden Krankheit, die allein schon durch eine einzige Berührung übertragen werden kann.

Der Doktor hat deshalb große Angst, Shiva mit genau dieser tödlichen Krankheit anzustecken, sollte er sie in einem unbedachten Moment berühren. Und die Soldaten sind wegen der Situation in ihrer geplagten Heimat so von Furcht durchdrungen, dass sie selbst ein unschuldiges kleines Kind mit Pfeilen spicken würden, wenn es aus dem Wald der verseuchten Monster kommt ...

Fantasy über Fremdartigkeit

Unter dem Pseudonym Nagabe schreibt und zeichnet der 1993 geborene, in Tokio lebende Ayumu Yoshida das Manga-Märchen „Siúil, a Rún: Das fremde Mädchen“, das im japanischen Original seit 2015 veröffentlicht wird. Die hübschen Cover sind dabei so stilsicher und anziehend gestaltet wie der Inhalt des Manga, der übrigens nach einem irischen Volkslied benannt ist, das von einem schweren Abschied handelt.

Nur zögerlich gibt Nagabe die Zusammenhänge und Geheimnisse seiner düsteren, mittelalterlich anmutenden Fantasy-Welt preis, deren Fluch man innerhalb des großzügigen Interpretationsspielraums der Story mit der universellen Angst vor Fremdartigkeit und Andersartigkeit gleichsetzen könnte.

Nagabe hat ein gutes Gespür dafür, wie viele knapp bemessene Informationsbruchstücke und Puzzleteile er nach und nach rausrücken muss, damit sein Leser gespannt umblättert, um wieder ein bisschen mehr über das Monster und das Mädchen oder die Welt zu erfahren, die sie zusammenbrachte.

Bisher zwei Bände auf Deutsch

Zeichnerisch inszeniert Nagabe „Siúil, a Rún: Das fremde Mädchen“ in einem mal kratzigen, mal weichen, jedoch immer sehr feinen und hinreißend detailreichen Stil. Besonders hervorzuheben sind die realistischen natürlichen Texturen und die Panelverteilung seiner Seitensprache.

Gekonnt spielt er zudem mit dem Kontrast von Schwarz und Weiß, wobei das kleine Mädchen und das große Monster ein ständiger Kontrast für sich sind. So erzeugt der Japaner in seinem stillen Wald und seinem abgelegenen Haus eine starke Stimmung, die reich an Zwischentönen ist. Diese Atmosphäre würde Filmemacher Guillermo del Toro („Pan’s Labyrinth“, „Shape of Water“) gut gefallen, zumal der Comic aus Fernost den klassischen, ursprünglich europäischen Märchenarchetypen von der Schönen und dem Biest eine neue Ausrichtung und Auslegung beschert.

Auf Deutsch erscheint „Siúil, a Rún: Das fremde Mädchen“ seit Ende 2017 beim Hamburger Verlag Tokyopop in der Übersetzung von Miryll Ihrens. Anfang 2018 kam just das zweite Buch heraus, das dritte soll im April folgen. Bereits der märchenhaft-mysteriöse Auftaktband lädt dazu ein, von der ersten Seite an tief in Nagabes vertraute und doch fremdartige Fantasy-Welt einzutauchen, in der man sich von langsam enthüllten Einzelheiten überraschen lässt, während der sanfte Ton und die schönen Bilder nicht nur Manga-Fans bezaubern dürften.

Nagabe: Siúil, a Rún: Das fremde Mädchen, bisher zwei Bände, Tokyopop, je 180 Seiten, je 9,95 Euro

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