16.01.2018, 5°C
  • 12.01.2018
  • von Ulrich Amling

Berliner Philharmoniker: Delikatesse und Rohheit

von Ulrich Amling

Antonio Pappano Foto: EMI Classics

Rückkehr nach Berlin: Antonio Pappano dirigiert die Philharmoniker mit Stücken von Ravel, Duparc und Mussorgsky.

Es scheint ein Rätsel, warum ein so profilierter Dirigent wie Sir Antonio Pappano zwölf Jahre nicht bei den Philharmonikern zu Gast war. In dieser Zeit stabilisierte er das Royal Opera House in London und bescherte der ins Trudeln gekommenen Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom neuen künstlerischen Glanz. Seine Gastspiele und Aufnahmen geben lebhaftes Zeugnis von einem Musiker, der anpackt, bis ein Orchester seinen theatralischen Impetus aufzunehmen vermag und zu fliegen beginnt. Für seine Rückkehr in die Philharmonie hat sich der 58-Jährige ein klangmächtiges französisch-russisches Programm zurechtgelegt, das viel Delikatesse und ein bisschen Rohheit verlangt. Wer beides von den Philharmonikern haben will, muss eine intime Beziehung zu den Musikerinnen und Musikern aufbauen können.

Wie tief ist dieses Meer?

Gleich das erste Stück, Ravels Instrumentalfassung seines Klavierstücks „Une Barque sur l’océan“, wird da zur Nagelprobe: Wie weit ist dieses Meer, wie tief, wie von Stürmen und Wellen gefurcht? Wie zart ist das Boot, wie warm die Sonne über ihm, wie hoch der Himmel? Pappano bleibt hier zu sehr gefeierter Musikdramatiker, um den Klangzauber in Gänze aufblühen zu lassen, bewegt Wassermassen, ohne den Blick für die Lichtreflexe auf ihnen. Bei vier Liedern aus dem schmalen, wundersamen Werk von Duparc findet er hingegen spielend in die Rolle des Begleiters einer Sängerin, die Geheimnisse zu wahren weiß. Véronique Gens ist die ideale Interpretin für diese aus tiefem Seelenbeben erwachsene Poesie, für ihre ahnende Melancholie, für alles, was sich nur schwer sagen lässt.

Ihr irisierender Traum von „luxe, calme et volupté“ prallt nach der Pause auf die Originalversion von Mussorgskys „Johannisnacht auf dem kahlen Berg“, die brachiale Klangwerdung des Hexensabbats. Doch es tut sich kein Abgrund auf, weil der Schockeffekt nach Theatercoup riecht, nach alter Kulisse anstatt nach Schwefel. Der Eindruck des vorzeitig Verblühten durchweht auch Skrjabins „La Poème de l’extase“. Pappano zeigt sich hier weit entfernt von der glühenden Klarheit Kirill Petrenkos. (Noch einmal diesen Samstag, 19 Uhr).

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