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  • 12.01.2018
  • von Hans-Christian Riechers

Jonas Grethlein über Homers „Odyssee“: Wer mit Unsterblichen kämpft

von Hans-Christian Riechers

Jonas Grethlein ist Professor für Klassische Philologie in Heidelberg. Foto: Privat

Erzählung über das Erzählen: Der Altphilologe Jonas Grethlein untersucht in seinem neuen Buch Homers „Odyssee“.

Einmal wird Goethes Werther als Bürgerlicher von einem noblen Gastmahl unter Adligen ausgeschlossen. Zur Selbstvergewisserung liest er in einem Buch „den herrlichen Gesang, wie Ulyß von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Das war alles gut.“ Das Buch, das wie so oft in seinen Händen liegt, ist Homers „Odyssee“. Nicht nur Werther liest darin. Das Epos ist ein prägender Text der europäischen Kulturgeschichte, der seine Magie auch nach Jahrtausenden nicht verloren hat. Dieser Magie geht in „Die Odyssee. Homer und die Kunst des Erzählens“ nun der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein nach.

Vor drei Jahrzehnten erschien im selben Verlag Uvo Hölschers bis heute lieferbares Alterswerk „Die Odyssee. Märchen oder Roman“. Schon der Titel lässt den literaturwissenschaftlichen Paradigmenwechsel ermessen, dem Grethlein nun Rechnung trägt. Wo früher Gattungsbestimmungen die größte Aufmerksamkeit erfuhren, ist nun im Zeichen der Narratologie das Erzählen in den Fokus gerückt: An die Stelle der Frage nach dem Was der Textsorte tritt die nach dem Wie des Erzählens.

Inwiefern die „Odyssee“ ein besonders zentraler Text ist, wird gerade aus erzähltheoretischer Sicht deutlich. Wie selbstverständlich durchziehen Elemente der „Odyssee“ die europäische Literatur- und Kulturproduktion, oftmals ungenannt oder gar unerkannt. Vorstellungen von Helden, die Irrfahrten und Prüfungen zu bestehen haben, um nach Hause zu gelangen, sind das Grundmuster unzähliger Romane, Spielfilme – und Biografien.

Gegenstand und Betrachtungsweise passen gut zusammen

Der Urtext aber, die „Odyssee“, thematisiert das Erzählen selbst und greift ihrer eigenen Wieder-und-Wieder-Erzählbarkeit damit gewissermaßen vor. Seien es die Troja-Veteranen, die der Sohn des Odysseus, Telemach, auf der Suche nach seinem Vater trifft, seien es die Barden, die in der Odyssee als Binnenerzähler eingesetzt werden, oder Odysseus selbst, immer wieder treten Figuren auf, die Teile der Handlung erzählen, zum Teil in unterschiedlichen Versionen.

„Die Odyssee“, so Jonas Grethlein, „erzählt über das Erzählen“. Sein Buch vollzieht daher das Epos Gesang für Gesang nach, mit der steten Perspektivierung auf das Wie des Erzählens. Auch die „Odyssee“ charakterisiere schließlich eine „auf das Wie gerichtete Spannung“.

Gegenstand und Betrachtungsweise passen also gut zusammen – vielleicht etwas zu gut. Wo sind die Gegenstimmen, die Einwände? Der narratologische Zug ist plausibel, Leserinnen und Leser werden indes mit dem müden wissenschaftsnarrativen Wir allzu sehr an die Hand genommen. „An zwei Stellen wollen wir innehalten und aus dem Strom der homerischen Erzählung heraussteigen“, heißt es da wie von einem Reiseleiter. Dieses Innehalten kann jeder aber auch gegen das Wir in diesem Buch vollziehen. In der „Odyssee“ geht es ja ebenfalls um jemanden, der lernen muss, sich ohne Reisegruppe zurechtzufinden.

Beliebige Referenzen aus der Gegenwartskultur

Man kann sich zum Beispiel fragen, warum da, wo von Spannung in der modernen Popkultur die Rede ist, Alfred Hitchcock nicht genannt wird, der Vater des Suspense? Warum überhaupt die Referenzen aus der Gegenwartskultur so beliebig ausfallen, als wären sie zwei, drei Fernsehabenden und einer Woche Urlaubslektüre entnommen. Oder, und da geht es nun tatsächlich um den Kern der Sache, ob das Erzählen wirklich so lebensnah ist, wie immer wieder gegen die abstrakte Theorie behauptet wird. Ist sie nicht vielmehr hochartifiziell? Und wo ist die Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Gegenwart?

Man könnte den Eindruck gewinnen, die klassische Philologie erstrecke sich allein auf dem Höhenkamm zwischen Christian Gottlob Heyne im späten 18. Jahrhundert, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff im späten 19. Jahrhundert und schließlich der Generation von Uvo Hölscher, der 1996 mit 82 Jahren starb. Danach komme nichts mehr Nennenswertes. Doch halt: Es gibt den 1978 geborenen Verfasser dieses Buches, der als Bergführer den Spuren der Alten nachwandelt.

Jonas Grethlein: Die Odyssee. Homer und die Kunst des Erzählens. C.H. Beck, München 2017. 329 Seiten, 26,95 €.

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