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  • 12.01.2018
  • von Von Nicola Kuhn

Filmporträt über Julian Schnabel: Vom Wellenreiter zum Malerstar

von Von Nicola Kuhn

Der Mann im Pyjama. Julian Schnabel bei der Arbeit in seinem Atelier. Foto: Weltkino / Porfirio Munoz

Er ist bekannt für sein übergroßes Ego. Eine filmische Hommage an den neoexpressionistischen Maler und Regisseur Julian Schnabel.

Einem Mann, der das Meer so liebt, dem kann man eigentlich nichts übel nehmen, nicht sein Super-Ego,nicht seine Überheblichkeit, denn er wird hier wieder zum Kind. Auch als 66-Jähriger ist Julian Schnabel im Wasser noch in seinem Element. Trotz seines massigen Körpers springt er erstaunlich elegant von einem Felsen kopfüber in die Fluten. Selbstvergessen planscht er am Strand mit seinem Jüngsten, einem Baby noch. Wackelige Schwarz-
Weiß-Aufnahmen zeigen ihn genauso hingebungsvoll Jahrzehnte zuvor mit seinen Erstgeborenen.

Der Regisseur Pappi Corsicato weiß, wie er das Publikum für seine Hauptfigur gewinnen kann. Sein Porträt ist eine Hommage an Julian Schnabel, den Malerstar und in seiner zweiten Karriere ebenso erfolgreichen Filmemacher. Eigentlich liefert sein Leben den besten Stoff für Fiktionen. „Julian Schnabel. A Private Portrait“ aber hält sich an die Tatsachen, ist eine Dokumentation. Ein Biopic von Schnabels wechselvoller Vita à la van Gogh, mit dem sich der Künstler in einer Liga wähnt, ist also eigentlich nur eine Frage der Zeit. Er selbst begann seine Karriere als Regisseur mit einem Künstlerporträt, einer Erinnerung an seinen jung verstorbenen Malerfreund Jean-Michel Basquiat. Der aktuelle Film von Pappi Corsicato bedeutet für den Superkünstler Schnabel, für den es immer „bigger than life“ zu sein hat, nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zu noch mehr Ruhm.

Dazu passt der geradezu mythische Beginn, dass der Sohn deutsch-polnischer Auswanderer aus gänzlich unkünstlerischen Verhältnissen in Brooklyn stammt. Der Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, erübrigte nur wenig Zeit für seine Kinder. Die Mutter nahm den Knirps zwar ins Metropolitan-Museum mit, ein Ur-Erlebnis für den weiteren Lebensweg, aber nach dem Umzug der Familie von New York aufs Land, nach Brownsville in Texas, einem Ort „ohne jede Schönheit“ laut Schnabel, fehlte fortan jegliche weitere Anregung. Der kleine Julian malte und zeichnete trotzdem weiter, wo er stand und ging. Familien-Fotos in Schwarz-Weiß zeigen ihn beständig mit Papier und Stift in der Hand, Erinnerungen der Schwester bezeugen das frühe Ausnahmetalent.

Größer, wilder, schneller

Diese Methode zieht sich durch den gesamten Film: eingeblendete Bilder aus dem Familienalbum, später aus den Gazetten, die den Künstler zusammen mit anderen Shootingstars der 80er Jahre, mit Andy Warhol, Basquiat, Keith Haring, auf glamourösen Parties zeigen. Dazu kommen O-Töne von Wegbegleitern, zwei seiner Ex-Frauen, den ältesten seiner sechs Kinder, von Künstlerkollegen wie Jeff Koons, Schauspielern wie Willem Dafoe und Al Pacino, die in seinen Filmen mitspielten, mit Laurie Anderson, deren verstorbener Mann Lou Reed ebenfalls ein enger Freund war. Schnabels eigene Widerspenstigkeit verhindert zum Glück, dass Corsicatos Filmporträt zum Panorama prominenter Stichwortgeber wird, die nur bewundernde Kommentare abgeben, mögen auch Tochter und Sohn durchblicken lassen, dass ihre Kindheit mit einem solchen Übervater nicht gerade heiter war.

Das Wasser rettete den Teenager in den 60er Jahren vor der Langeweile von Brownsville, er wurde zum Surfer, suchte auf den Wellenkämmen den Thrill. Das Prinzip übertrug der Kunststudent später auch auf seine Malerei: größer, wilder, schneller. Schnabel malt auf Lkw-Planen, Schiffssegel, auf zerschlagenes Porzellan und Glas. Statt den Pinsel zu benutzen, bewirft er mit aller Kraft seine metergroßen Leinwände mit farbgetränkten Tüchern. Bei den XXL-Formaten lässt er sich in seinem Freiluft-Atelier in Montauk auf Long Island zur weiteren Bearbeitung mit einem Kran auf die richtige Höhe fahren.

Schmunzelnd erzählt die Galeristin Mary Boone, wie Schnabel ihr bei seiner ersten Soloschau 1979 strotzend vor Selbstbewusstsein verkündete, dass er in fünf Jahren auf dem Titel des Magazins „Artforum“ stehen werde. Der gehypte Neoexpressionist zierte die erste Seite bereits zwei Jahre später. Der Grund: seine Doppel-Schau bei Boone und Leo Castelli, damals ein Novum in der Galerienwelt New Yorks. Schon vor der Eröffnung war die Ausstellung ausverkauft. Der große Boom der „Neuen Wilden“ begann.

Die schönsten Szenen des Films aber zeigen Schnabel, wie er heute malt, im Freien, wo er wie ein Feldherr einen langen Besenstiel schwingt, an dem der Pinsel befestigt ist. Hier wirkt er hochkonzentriert und ganz bei sich. Trotz der erfolgreichen Abstecher ins Filmbusiness – für „Before Night Falls“ wurde Schnabel bei den Filmfestspielen in Venedig zwei Mal ausgezeichnet, für „Schmetterling und Taucherglocke“ erhielt er in Cannes den Regiepreis und in den USA einen Golden Globe – versteht sich der Künstler weiterhin in erster Linie als Maler. Die zwischenzeitigen Wechsel ins Regiefach erklärt er damit, dass er immer schon eine cineastische Sicht auf die Welt besessen habe. Corsicatos Filmporträt versucht leider nicht zu erklären, was die Brüche in Schnabels Karriere begründet hat: die Flaute auf dem Markt, das plötzliche Abgemeldetsein der neoexpressionistischen Malerei. Schnabels Kommentar „Die 60er und 80er waren die beste Zeit für Kunst“ muss genügen.

Steigende Nachfrage nach Schnabels Bildern

Doch der Exzentriker mit den wahlweise orange oder blau getönten Brillengläsern, der am liebsten Seidenpyjamas trägt, ist in der Kunstwelt zurück. Es gibt wieder Ausstellungen, eine steigende Nachfrage nach seinen Bildern. Sein pinkfarbener „Palazzo Chupi“, ein siebenstöckiges Wohnhaus im venezianischen Stil, das er auf eine ehemalige Parfümfabrik im West Village bauen ließ, muss unterhalten, das kostenintensive Leben zwischen New York und Europa, wo sein jüngster Sohn mit der Mutter lebt, muss finanziert werden.

Und plötzlich wird verständlich, was diesen Rastlosen heute zum Wasser zieht: nicht mehr das Wilde, die Unberechenbarkeit, die Urgewalt, sondern die Stille, für einen Moment die reine Zweisamkeit mit seinem Kind.

In vier Berliner Kinos

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