19.01.2018, 3°C
  • 12.01.2018
  • von Barbara Buchholz

Taniguchi hardboiled: „Tokio Killers“: Kerle, Kugeln und Klischees

von Barbara Buchholz

Verfolgt von der Erinnerung: Eine Szene aus „Tokio Killers“. Foto: Schreiber & Leser

Jirô Taniguchi ist berühmt geworden für seine stillen Autorencomics voller Innensicht. Aber er mochte es auch mal handfester.

Der im Februar 2017 gestorbene Jirô Taniguchi wurde gerne als „europäischster“ unter den Mangaka bezeichnet. Seinen Erfolg vor allem bei der westlichen Comic-Leserschaft verdankte er langsam erzählten, introspektiven Comics wie „Vertraute Fremde“, „Der spazierende Mann“ oder „Ein Zoo im Winter“.

Aber Taniguchi produzierte gerade im ersten Teil seiner gut 45 Jahre langen Karriere deutlich weniger Besinnliches. In den siebziger und bis Ende der achtziger Jahre zeichnete er zu Skripten verschiedener Autoren Genre-Geschichten wie Krimi, Action oder Science-Fiction. Die Serie „Trouble is my business“ um den bissigen Privatschnüffler Fukamachi gehört etwa dazu, das knallige Kampfsport-Drama „Wie hungrige Wölfe“, die apokalyptische Zukunftssaga „Ice Age Chronicle of the Earth“ oder der Sci-Fi-Thriller „Ikarus“ zu einem Szenario von Jean Giraud alias Moebius.

Dem Mythos der Yakuza auf der Spur

Ebenfalls in diese Reihe der Genre-Comics, die Taniguchis andere Seite zeigen, gehört der kürzlich auf Deutsch erschienene Band „Tokio Killers“ aus dem Jahr 1986. Er versammelt fünf Storys um Auftragskiller, vier davon geschrieben von Natsuo Sekikawa, mit dem Taniguchi auch für „Trouble is my business“ zusammengearbeitet hatte. Die fünfte basiert auf einer Kurzgeschichte des Autoren Alain Saumon, die Sekikawa für die Comicadaption bearbeitet hat.

Diese letzte Geschichte, „Mord in Tokio“, mutet am wenigsten japanisch an, was daran liegen mag, dass sie zuerst in dem französischen Magazin „Métal Hurlant“ erschienen ist. Sehr klare Schwarzweiß-Kontraste und klassischere Panels fallen hier ins Auge, weniger schräge Linien oder in viele Einzelsequenzen zerlegte Bewegungsabläufe. Auch inhaltlich fällt diese Geschichte aus dem Rahmen: Sie dreht sich um einen Franzosen, der in Tokio dem Mythos der Yakuza auf die Spur kommen möchte und einen Angehörigen dieser japanischen Mafia bei einem Auftrag begleiten darf.

Die vier ersten Geschichten hingegen haben eine lockere Verbindung, nämlich einen Mann und eine Frau, deren beider Beruf das Töten ist. Er wird in „Good Luck City“ vorgestellt, verfolgt von der Erinnerung an sie, deren Foto er in Gesellschaft einer Whiskyflasche, einer Katze und einer Knarre anstarrt. Auf den folgenden Seiten sucht der offenbar gerade unbeschäftigte Killer seinen Liebeskummer zu lindern, zum Beispiel mit spärlich bekleideten Frauen, die dann auch mal völlig unmotiviert auf Seitengröße ihre vom Duschwasser glänzenden Brüste festhalten dürfen, vor pinkfarbenem Hintergrund. Die fein gestrichelten Zeichnungen in ansonsten eher gedämpften Farbschattierungen befinden sich in zumeist extrem hochformatigen Panels. Darunter steht der recht rätselhafte und eher schwülstige Text. Dass die Geschichte unvollendet abbricht, ist nicht ganz so schlimm.

Blicke unter den Rock

Die übrigen Storys sind inhaltlich stärker und abwechslungsreicher, was Grafik und Seitengestaltung angeht; die ebenfalls in feinem Strich angefertigten Zeichnungen mit Grautönen von Rasterfolie oder in harten Schwarzweiß-Kontrasten erzählen auch mal ohne Text. „Hotel Harbour View“ etwa beginnt mit der detaillierten Darstellung des Flugs einer abgefeuerten Kugel, die einen roten Apfel durchschlägt, der fast wie ein Herz aussieht. In horizontalen Panels bahnt sich das Geschoss seinen Weg aus dem Lauf, durch die Luft, in die Frucht und wieder heraus.

Solch eine Kugel bohrt sich schließlich auch in das Herz des Protagonisten, der in einem Hong Konger Hotel am Tresen den Tod erwartet und seine Mörderin selbst angeheuert hat – bei der es sich um ebenjene Frau handelt, die der Held aus „Good Luck City“ nicht zu vergessen vermag.

Er begegnet ihr schließlich in der vierten Geschichte, „Flüchtige Bekannte“, wieder – allerdings anders, als er das wohl erhofft hatte. Auf einem Bahnsteig der Pariser Metro erschießt die smarte Scharfschützin ihren einstigen Liebhaber, und zwar nach dessen eigener Methode beim Einfahren eines Zuges.

Zwar muss auch sie Blicke unter den Rock auf ihre Unterwäsche gestatten, begünstigt von Froschperspektive und voyeurfreundlicher Windböe. Kerle, Kugeln und ein fragwürdiges Frauenbild eben – so weit, so Klischee und ein Erbe der Hardboiled-Tradition (auch wenn Taniguchi und Sekikawa mit „Trouble is my business“ gezeigt haben, dass es auch origineller, leichtfüßiger, moderner geht). Aber immerhin hat eine toughe Killerin das letzte Wort.

Jirô Taniguchi/Natsuo Sekikawa: Tokio Killers, Schreiber und Leser, 108 Seiten, 16,95 Euro.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!