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  • 16.10.2017
  • von Frederik Hanssen

Jonathan Meeses "Mondparsifal": Dein ist mein ganzes Erz

von Frederik Hanssen

Daniel Gloger als Parsifal, mit Blumenmädchen. Foto: Jan Bauer

„Geilstgruseln“ für Wagnerianer: Jonathan Meese zeigt im Haus der Berliner Festspiele seinen Wiener „Mondparsifal“ in einer Beta-Version.

Hätten sie ihn den „Parsifal“ doch bloß in Bayreuth machen lassen – es wäre eine Kultinszenierung geworden! Denn was Jonathan Meese unter dem Titel „Mondparsifal Beta 9-23“ jetzt mit Richard Wagners Bühnenweihfestspiel im Haus der Berliner Festspiele anstellt, ist absolut harmlos. Und ein Riesenspaß.

Nachdem Katharina Wagner ihm schön skandalträchtig die zugesagte Regie für den Grünen Hügel wieder entzogen hatte, griffen die Wiener Festwochen zu, luden den Maler-Performer Meese ein, seine Vision der Oper in der österreichischen Hauptstadt zu realisieren. Mit altbekannter Handlung, aber neuer Musik von Bernhard Lang. Und mit den Berliner Festspielen als Koproduzenten.

Auf die Wiener Alpha-Fassung folgt also jetzt eine Beta- Version an der Schaperstraße, samt knallbunter Wohlstandsmüll-Installationen in den Foyers. Zur Bilderflut auf der Bühne werden dann nicht nur Übertitel eingeblendet – gesungen wird der Librettotext teilweise auf Englisch, Französisch und Altgriechisch –, sondern auch Kommentare des Künstlers, in typischer Meese-Diktion à la „Mütze ab“, „Parsifal ist Caligula“, „Erzmutter kommt“ „Richarddaddy“ und so weiter.

Ein Publikum, wie es das Opernoriginal niemals anziehen würde, hat sich am frühen Sonntagabend im Haus der Festspiele versammelt: weltläufig-urbane Menschen, altersmäßig bestens durchmischt. Die dann im Dunkel des Zuschauerraums dann aber doch in dieselbe quasireligiöse Demutshaltung verfallen wie die Besucher von Musikdramen des Bayreuther Meisters.

Eine Zukunft hat nur die Kunst

Die „Mondparsifal“-Szenerie spielt in einem unbestimmten Morgen – denn nur die Kunst hat Zukunft im Meese-Universum, während Kultur immer Rückschau ist. Kotzmonauten landen mit einem Raumsiff, Parsifal ähnelt fatal dem Brachial-Comedian Sacha Baron Cohen in seiner Rolle als kasachischer TV-Reporter Borat, Gurnemanz trägt zum Zottelbart das typische Meese-Outfit mit schwarzer Adidas-Trainingsjacke und wohnt in einem überdimensionalen Kühlschrank. Kundry wiederum kommt mal als supersexy Barbarella daher, umschwirrt von Blumenmädchen in japanischen Schulmädchen-Uniformen, mal verkleidet als Richard Wagner. Und die Gralsritter sind mit ihren Spitzohren und Topf-Frisuren selbstverständlich Klone des Star-Trek-Commanders Spock.

„Von einem der auszog, den ,Wagnerianern des Grauens’ das ,Geilstgruseln’ zu erzlernen“ lautet der Untertitel. Und er verspricht nicht zu viel: Wohlige Schauer überrieseln den Fan des Komponisten durchaus, während er sich gleichzeitig hip fühlen darf, bei diesem Immersions- Event dabei zu sein. Das so wüst ist wie die besten Inszenierungen eines Hans Neuenfels – nur eben ohne dessen humanistischen Furor.

Was Jonathan Meese bei seiner Malerei noch übertünchen kann, offenbart er in der Tripelfunktion als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner hier unverstellt: Dass er sich weigert, zwischen Pop und Politik zu unterscheiden, weil er nun einmal ein selbsternanntes Muttersöhnchen ist, gefangen in der Komfortzone der ewigen Pubertät. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sich Parsifal bei Meese nach Art von Wickie, dem Wikinger, die Nase reibt, bis er’s hat, werden auch eiserne Kreuze vorgezeigt oder die Diktatur der Kunst ausgerufen. Er will halt nur spielen. Mit den Symbolen.

Von Fritz Lang bis Softporno

Und weil der Künstler dabei alles, was er als der besonders mediengefräßige Vertreter der Generation Golf verschluckt hat, unverdaut auf die Bühne speit, von der Kinderserie bis zu Science-Fiction, von Fritz Langs expressionistischem Kino bis zum Softporno, einschließlich diverser Anspielungen auf weitere Wagner- Opern, vergehen die gut vier Stunden Aufführungsdauer wie im Fluge. Dreimal überquert Meese dabei selbst die Bühne, als wäre er Alfred Hitchcock, der in seinen Filmen ja gerne als Statist auftrat.

Was hätte das erst für eine Gaudi werden können, wenn dazu die originale „Parsifal“-Partitur erklungen wäre! Allerdings zieht sich der für die Neukomposition engagierte, 1957 geborene österreichische Komponist Bernhard Lang auch nicht schlecht aus der Affäre. Indem er das Geschehen mit einer Raufaser-Klangtapete ummantelt, in die neben viel instrumentalem Geschabe und Geschmirgel immer wieder auch kurze wagnersche Melodiezitate eingewoben sind. Und die er mit Jazzelementen anreichert, von subkutanen Rhythmen bis hin zur ausgewachsenen Jamsession, die den zweiten Akt eröffnet.

Das Ensemble Klangforum Wien bewegt sich mit chamäleonhafter Virtuosität zwischen den divergierenden Stilebenen, souverän koordiniert die Dirigentin Simone Young Musiker und Darsteller. Dass die Sänger von Bernhard Lang einem Wiederholungszwang unterworfen werden, fast jeden Halbsatz drei-, viermal wiederholen müssen, nervt zwar kolossal. Und ist doch eine legitime Form, um auf Wagners Klangrede zu reagieren, die bei „Parsifal“ in ihrer rücksichtslosen Weitschweifigkeit ja auch etwas von Zumutung hat.

Ein absoluter Glücksgriff ist Daniel Gloger als Titelheld. Unter den Tenören wäre einer wie er wohl nicht zu finden. Dieser Countertenor aber ist bereit, sich dem Spektakel vollends hinzugeben, ebenso scham- wie furchtlos in der Darstellung des tumben Toren, vokal an die Grenze des Vertretbaren vordringend, für sich wie für die Zuhörer. Nur so aber kann er zum Erzzentrum dieser irren Parsifalpurgisnacht werden.

Noch einmal am Mittwoch um 19 Uhr im Haus der Berliner Festspiele.

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