24.11.2017, 13°C
  • 16.10.2017
  • von Neil MacGregor

Neil MacGregor zur Kolonialdebatte: Welterbe und Besitz

von Neil MacGregor

Der Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Hermann Parzinger, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Gründungsintendant des Humboldt-Forums Neil MacGregor, und Kunsthistoriker Horst Bredekamp 2015 vor der Schlossbaustelle. Foto: picture alliance / dpa

Dem Humboldt Forum wird vorgeworfen, es vernachlässige sein koloniales Erbe. Aber wie kann ein Museum heute überhaupt Grundwerte vermitteln? Ein Gastbeitrag des Gründungsintendanten Neil MacGregor.

Die Rolle enzyklopädischer Museen in komplexen Zeiten gesellschaftlichen Wandels muss sich neu definieren. Die meisten von ihnen befinden sich aus historischen Gründen in Europa und Nordamerika. Die Kernfrage lautet: Wem gehören die Sammlungen und warum gibt es sie?

In den 1730er Jahren brach der britische Admiral Anson zu einer Weltumseglung auf. Das Ziel dieser Expedition war es, den Pazifik mithilfe der neuen Technik des Schiffbaus wie des Chronometers zu erkunden. Es ging darum, sich neu zu orientieren und zu verorten. Niemand wusste, wohin die Reise führt. Anson umsegelte Kap Hoorn an der Südspitze, und wie erhofft, begegnete er unterwegs einem spanischen Schiff – mit mehr als einer Million peruanischer Silbermünzen an Bord. Das edle Metall wurde nach Entdeckung der Minen im Cerro Rico von Hunderttausenden der Quechua geschürft, die die spanischen Besatzer zur Fronarbeit in den Stollen gezwungen hatten. Anson kaperte das Schiff, das auf dem Weg nach China war, und wurde phänomenal reich.

Der Admiral war ein Kaperer

Aus China bestellte er ein Tafelservice aus Porzellan, für das er mit dem von den Spaniern gestohlenen und mit dem von der indigenen Bevölkerung erpressten Silber bezahlte. Einen dieser Porzellanteller besitzt das British Museum. Auf der Unterseite befindet sich Ansons Wappen, denn derart reich geworden, musste er geadelt werden. Die rechte Seite zeigt den Hafen von Guangdong (Kanton) in China, die linke das englische Plymouth, in der Mitte sind unterschiedliche Teile des Pazifiks und die Inseln zu erkennen, die er entdeckt oder bereist hatte. Anson dinierte also täglich mitten auf dem Meer, zwischen Plymouth und Kanton.

Dieser Teller kann symbolisch für die Reformbewegung der Aufklärung und für Europas Auseinandersetzung mit der Welt stehen. Er steht für technischen Fortschritt, Neugier, Wagemut genauso wie für Bemächtigung, Gier und Prahlerei. Und für die Erkenntnis, dass man Teil einer gewandelten Welt ist, die auf neuartige Weise ein Ganzes bildet.

Erst ab diesem Moment, wo die Weltumsegelung, aber auch eine Rückkehr möglich wurde, entstand die Idee des enzyklopädischen Museums, des Sammelns der Welt zu Hause. Dieser Teller repräsentiert all unsere enzyklopädischen Museen mit all ihren konfusen Motivationen und dies zu einem Zeitpunkt, da China als Weltreich Europa nicht nur technisch überlegen war.

Porzellan aus China, Silber aus Bolivien

Das Silber, das Anson gestohlen hatte, stammte aus der großen Mine in Potosí. Wenn man auf Spanisch ausdrücken möchte, es sei ein Vermögen wert, sagte bereits Cervantes’ Don Quichote „Vale un Potosí“, was bis heute so viel bedeutet wie: "Es ist die ganze Mine von Potosí wert." Großer Reichtum heißt auf Französisch „C'est le Pérou!“ – Das ist ein (peruanisches) Vermögen! Wenn man im Englischen sagen möchte, dass man etwas nicht machen will, obwohl es sehr einträglich sein könnte, heißt es: „I wouldn't do it for all the tea in China.“ Unsere Sprachen transportieren noch immer einen Nachhall dieser Realitäten. Streng genommen belegen sie den tiefen Kolonialismus in unseren Köpfen.

Die Museumsinsel in Berlin zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Man sollte meinen, es ist ein Ort, der allen gehört. Das gilt jedoch nicht für die Inhalte, sondern nur für die Gebäude. Haben wir überhaupt eine konkrete Vorstellung vom Weltkulturerbe? Wenn es so etwas wie ein Weltkulturerbe gibt, was bedeutet es für uns, die wir für diese Stätten verantwortlich sind? Und was bedeutet es für den Rest der Welt, an ihnen teilzuhaben? Verstehen wir es als ein gemeinsames Erbe der gesamten Welt? Wie können unsere Museen in politisch komplexen Zeiten eine Rolle spielen, wenn große Teile der Bevölkerung sich den Eintritt nicht leisten können? Wen erreicht man? Wen will man erreichen?

Das 1753 vom Parlament gegründete British Museum gab die Richtung und Fragen vor, denen alle Museen dieser Art bei ihrer Präsentation der Sammlungen und Kulturen der Welt folgten. Es strebte Universalität an: Jede Kultur sollte, wenn möglich, repräsentiert sein. Das Modell für eine solche universale Sammlung findet sich in Swifts Satireroman „Gullivers Reisen“.

Gulliver führt den Leser in eine merkwürdige Welt. Man betrachtet und bestaunt sie und sieht nach der Rückkehr die eigene Welt mit neuen Augen. Alle Universalmuseen oder enzyklopädischen Museen erzeugen dieses Doppelbild.

Indianerkult im Kaiserreich

Über das Fantasiebild von uns selbst haben wir vielleicht eine Ahnung, doch das Fantasiebild, das wir vom Anderen haben, ist weitaus komplexer. Beispielsweise ist die Vorstellung vom „Indianer“ ein historisch fest verankertes Zerrbild der westlichen Kultur. In den 1890er-Jahren, dreißig Jahre bevor der indigenen Bevölkerung in den USA das Bürgerrecht zuerkannt worden ist, beschloss der Berliner Museumsdirektor Adolf Bastian, die „Indianer“, wie er sie wohl nannte, sollten ihre Kultur selbst präsentieren. Er lud den native american Francis La Flesche, der ebenfalls Ethnologe war, nach Berlin ein, eine Sammlung seiner eigenen Ethnie, der Omaha, zu erwerben und zusammenzustellen. La Flesche übergab die Objekte zusammen mit einer Notiz. Er schrieb: „Die Zerschlagung der ursprünglichen Organisationsstrukturen der Omaha, die Abschaffung ihrer religiösen Rechte und die Zerstörung der Autorität ihrer Häuptlinge und ihrer Stammesordnung, die geistige Verwirrung nach dieser plötzlichen Umwälzung von Idealen und geläufigen Formen des sozialen Lebens: Sie ergeben eine traurige Geschichte voller Pathos und Lehren, müssen jedoch hier entfallen, denn sie sind nicht Teil meiner gegenwärtigen Aufgabe.“

Eine höchst faszinierende Erklärung. Ein Mann, der weiß, dass seine Gesellschaft im Begriff ist, ausgelöscht zu werden und unterzugehen, legt Beweise für ihre Existenz vor, scheut sich jedoch, offen anzuklagen und über die traumatischen Folgen von Genozid und Vertreibung zu sprechen. Unsere Herausforderung ist es, diesen Stimmen zuzuhören.

Wenn wir über Europa sprechen, sind aktuell Zuwanderung und der damit einhergehende Nationalismus und Fremdenhass die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen, denen sich auch Museen stellen sollten. Uns allen mit der Vermittlung von Kunst, Kultur und Wissenschaft Beschäftigten kommt eine entscheidende Rolle zu, die Edward Said als die Pflicht philologischer Forschung bezeichnet hat; sie kann die Unwahrheiten hinter einer falschen und künstlich erzeugten nationalen Identität aufzeigen.

Ohne Religion kein Weltwissen

Wir müssen auch die Frage religiöser Intoleranz ansprechen. Weltweit steht die Religion heute im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit. Man kann die moderne Welt nicht ohne die politische Dimension von Religion und ohne die Berücksichtigung des Problems globaler Ungerechtigkeit verstehen. In meinen Augen war die völlige Separierung religiöser Objekte von ihrem Zweck und ihrer Geschichte, als sie im Rahmen der Kirchenenteignung 1793 in den Louvre verbracht wurden, eine der großen Katastrophen der westeuropäischen Museumstradition. Sie durften nicht mehr als religiöse Gegenstände betrachtet werden, was einen entscheidenden Aspekt ihrer Geschichte auslöschte.

Wir zeigen zwar religiöse Gegenstände in unseren Museen, aber fast immer ausschließlich aus einer kunstgeschichtlichen Perspektive, die sie von ihrem eigentlichen Zweck, aber auch ihrer Wirkung entfremdet. Wir berufen uns auf europäische Grundwerte, die auf Toleranz und friedlicher Auseinandersetzung fußen, aber die Geschichte der Länder Europas verlief hinsichtlich des Ablösungsprozesses von Staat und Kirche sehr unterschiedlich. In Westeuropa ist man mittlerweile fest davon überzeugt, dass eine Gesellschaft auch ohne Religion und Religionsausübung funktioniert.

Für die meisten Menschen auf der Welt ist dies allerdings nicht nachvollziehbar. Wenn wir uns auf unsere eigene Gulliver-Reise begäben, käme uns nach unserer Rückkehr die Vorstellung vielleicht seltsam vor, man könne Glaubensrituale und religiöse Denkmuster vom öffentlichen Alltag trennen. Was darf gezeigt und was muss verborgen werden? Wer entscheidet darüber? Wie lässt sich Religion im Museum ausstellen? In Berlin gibt es einen sehr mutigen und sehr erfolgreichen Versuch im Museum für Islamische Kunst, syrische Flüchtlinge als Museumsführer einzuladen und sie erzählen zu lassen, was die Ausstellungsstücke für sie bedeuten. Häufig sprachen sie von deren religiösen Dimensionen, aber auch von ihrer Bedeutung als islamische Kunst.

Musikbox gegen Thron

Das Kapitel des Kolonialismus, das im Humboldt Forum erzählt werden muss, ist Teil eines sehr umfangreichen, vielschichtigen Narrativs. Der Thron aus Kamerun war ein Geschenk des Königs von Bamum an den deutschen Kaiser – als Gegengabe erhielt er eine Musikbox. Das Geschenk resultiert aus einer sehr ungleichen Beziehung. Eine ganz andere, sehr komplexe Geschichte erzählen die Bronzeköpfe aus dem Benin. Die Briten eigneten sie sich bei einer Strafexpedition im Jahr 1897 in Nigeria an und brachten sie nach Europa. Sie wurden versteigert, um die Kosten der Strafexpedition wieder hereinzuholen. Die meisten davon kaufte Berlin, weshalb es im Ethnologischen Museum eine größere Zahl dieser Benin-Bronzen gibt als in London.

Die Biografien der Objekte, vorher und nachher, sind der entscheidende Punkt. An dieser Stelle müssen wir uns bewusst machen, dass Objekte wie diese schon ein langes Leben hatten, bevor sie nach Europa kamen, und dass sie seit ihrer Ankunft in Europa weitreichenden und großen Einfluss haben. Wer hat das Recht, die Geschichten zu erzählen? Im Besitz der Objekte zu sein sollte nicht bedeuten, im Besitz ihrer Geschichte zu sein.

Die Sammlungen können einen wertvollen und nützlichen Beitrag leisten, die Welt zu verstehen, aber auch die unterschiedlichen Weltansichten deutlich zu machen, letztendlich wie Gulliver anders über uns selbst zu denken. In diesem Sinne braucht es mehr von diesen enzyklopädischen Museen weltweit. Die Museen müssen zu Leihbibliotheken werden. Und dabei geht es nicht nur um die Modalitäten der Leihverträge oder um die Debatte zwischen Herkunftsland und besitzendem Land.

Objekte müssen reisen dürfen

In Mumbai wird demnächst eine große Ausstellung über die Geschichte und Kultur Indiens im globalen Kontext eröffnet. Die indischen Exponate kommen aus den Museen vor Ort, die Ausstellungsstücke aus der übrigen Welt verleiht das British Museum. In der Eingangshalle des Museums wird der Diskobolos zu sehen sein. Der außergewöhnliche Thron des Künstlers Cristóvão Canhavato ist aus Waffen zusammengebaut, die im mosambikanischen Bürgerkrieg zum Einsatz kamen. Er ist ein beeindruckendes, mahnendes Symbol für die Blutbäder und das Leid, die bis zu 900 000 Menschenleben forderten. Neben den USA und Südafrika waren Europas Interventionen in Afrika maßgeblich daran beteiligt. Jedes Gewehr, aus dem dieser Thron besteht, wurde in Europa hergestellt.

Genau das halte ich für eine unserer größten Aufgaben: dass Objekte dieser Art in alle Welt reisen, weit über die Grenzen ihrer Herkunftsländer und auch weit über die Räumlichkeiten der sie besitzenden Museen hinaus. Für wen ist das Welterbe? Was können wir tun, damit so viele Menschen wie möglich diese Objekte zu sehen bekommen, um über das Museum miteinander ins Gespräch zu kommen?

Neil MacGregor ist Gründungsintendant des Humboldt Forums ins Berlin. Von 2002 bis 2015 war er Direktor des British Museum in London. In Mumbai ist er als Museumsberater tätig.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!