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  • 20.05.2017
  • von Gregor Dotzauer

Peter von Matt wird 80: Die Flammen in der Schrift

von Gregor Dotzauer

Eidgenosse mit komparatistischen Passionen. Peter von Matt. Foto: Erwin Elsner/p-a/dpa

Hommage zum 80. Geburtstag: Über den Literaturerleuchter Peter von Matt und seine neuen Bücher.

Zwischen Literaturwissenschaft und Literaturkritik herrschen verquere Beziehungen. Aus ihren Universitätssilos schielen viele begehrlich nach dem bunten Grau der Zeitungsspalten und verachten zugleich die journalistischen Windbeutel, die dort ihr Unwesen treiben, aus tiefstem Herzen. In den Legebatterien der Redaktionen wiederum schielt man gerne nach intellektuellen Lichtgestalten und fürchtet sich doch aus bitterer Erfahrung vor dem Umstandskrämerdeutsch vieler Professoren. Beide Welten verlangen nach freien scharfsinnigen Geistern, haben aber die fatale Neigung, ihre Bewohner auf Dauer zu verkrüppeln. Schreibstile, Habitus, Rituale: Nichts passt zusammen. Man sieht es schon am Buckeln im akademischen Mittelbau und dem Gockeln im Medialen.

Peter von Matt hat eine gesunde Abwehrhaltung gegen die Gefahren beider Soziotope entwickelt. Vom hysterischen Meinen im Tagesbetrieb hält er sich so fern wie von den Schachtelsatzwüsten temperamentloser Philologen. In seinen Essays springt er die Gegenstände mit derselben Energie an, wie sie ihn anspringen. Er formuliert pointiert, sucht aber nicht nach Pointen. Er erzählt denkend und denkt erzählend, bis zu jener Grenze, an der das Gefälle von Primär- und Sekundärtext verschwindet. Die Materialität von Sprache zergeht ihm auf der Zunge, und er dringt in ihre Gewebe bis zum letzten Doppelpunkt ein. Von Matt hat früh begriffen: Gutes Schreiben kommt von genauem Lesen.

Das Glück literarischer Erkenntnis

Kritikern zeigt er, wo das Glück literarischer Erkenntnis liegt, Professoren, wovor sie sich fürchten sollten, und Scharen bewundernder Lesern, was es überhaupt heißt, ein Gedicht, eine Erzählung oder einen Roman zu verstehen. Dafür hat man ihn mit sämtlichen einschlägigen Preisen dekoriert, deshalb ist er in der Wissenschaft wie im Kulturgeschehen zu Hause.

Warum jemand, der offenbar so vieles richtig macht, keine Schule gemacht hat, lässt sich am Ende doch nur mit einer nicht sonderlich breit gestreuten Intuitionsgabe erklären, die sich in seinem Fall mit einem geduldigen Ringen um den triftigsten und bestmöglichen Satz paart. Das eindrucksvolle Werk, das er in den vergangenen 35 Jahren geschaffen hat, ist dem 1937 in Luzern geborenen Peter von Matt jedenfalls nicht in den Schoß gefallen. Seine Ablösung vom Durchschnittsgermanistentum lässt sich auf das Jahr 1980 datieren. Er hatte, wie er einmal Herlinde Koelbl erzählte, eine Gastprofessur an der Stanford University übernommen und beschloss von einem auf den anderen kalifornischen Tag, nur noch den eigenen Gesetzen zu folgen. Er bekannte aber auch, dass dieser Aufbruch nicht schmerzlos abging: Bis heute werde er beim Schreiben von Zweifeln zerfressen.

Was nur die Literatur weiß

Er hatte bei Emil Staiger studiert, dessen Lehrstuhl an der Universität Zürich er später übernahm, und über Franz Grillparzers Bühnenkunst promoviert. Schon Staiger, um die Mitte des letzten Jahrhunderts der einflussreichste Germanist, hatte sich als akribischer Leser profiliert, verbunkerte sich allerdings zusehends in einer kulturkonservativen Haltung gegen alles Moderne – eine Scharte, die von Matt mit staunenswerter Neugier auf das Alte wie das Allerjüngste auswetzt. Die „Literaturgeschichte des menschlichen Gesichts“ unter dem Titel „…fertig ist das Angesicht“, mit der er seine neue Freiheit 1983 zum ersten Mal feierte, ist bereits ein eindrucksvolles Zeugnis seines Aufbruchs. Wer am Beispiel eines ungewöhnlichen Gegenstands erfassen will, welch radikaler Schriftsteller Franz Kafka war, wie ereignisreich ein einziger Satz sein kann und wie oft in einem Absatz das Denken zuweilen die Richtung wechselt, dem gehen hier nicht nur interpretatorisch die Augen über. Sie gehen einem in der Art und Weise, wie man die Physiognomien seiner Mitmenschen studieren kann, regelrecht erst auf.

Peter von Matt unternimmt im besten Sinn Versuche, den verblüffenden Strategien literarischer Welterschließung auf die Spur zu kommen, weit über das sprichwörtliche Staigersche „Begreifen, was uns ergreift“ hinaus. Er ist theoretisch gewieft, vor allem psychoanalytisch bewandert, trotz seines Kenntnisreichtums aber nicht auf jenes hermeneutische Ostereiersuchen aus, das in Texten nur entdecken will, was der Autor in ihnen angeblich versteckt hat. In der Trias aus der Analyse eines sprechenden Details, ästhetischer Grundlagenforschung (mit oft weitreichenden Behauptungen) und lebensweltlicher Anknüpfung führt er vor, was die Literatur weiß, was nur sie weiß – und vor allem, wie anders sie es weiß als Philosophie oder Psychologie.

Küssen - ein Allerweltsgeschäft

Auf diesem Weg ist er immer besser geworden. Von Matt hat grundlegende Bücher über den „Liebesverrat“ und familiäre Katastrophen („Verkommene Söhne, missratene Töchter“) geschrieben, die das Germanistische längst ins Komparatistische überschritten haben. Und er hat sich in „Das Kalb vor der Gotthardpost“ auf sein Schweizertum besonnen. Nun erscheinen gleich drei Titel. Der Marburger Verlag LiteraturWissenschaft.de bringt „Der doppelte Boden“, die Neuauflage eines nach wie vor aufschlussreichen Gesprächs über Literatur und Kritik mit seinem Zeitungsmentor Marcel Reich-Ranicki. Reclam präsentiert „Was ist ein Gedicht?“, die überarbeitete und aktualisierte Version eines Essays, der vor 20 Jahren „Die verdächtige Pracht“ eröffnete: eine Initiation zur Lyrik, wie es in ihrem anthropologischen Zugriff keine zweite gibt. Bei Hanser schließlich klären „Sieben Küsse“ am Beispiel von Virginia Woolf, F. Scott Fitzgerald, Gottfried Keller, Franz Grillparzer, Heinrich von Kleist, Marguerite Duras und Anton Tschechow über „Glück und Unglück in der Literatur“ auf.

Die Lektüren zeigen von Matt auf der Höhe seiner Kunst und entfalten von Neuem sein Plädoyer für den Eigensinn großer Literatur und den Einspruch gegen jedwede Verpackungsästhetik. Literatur, legt er dar, erzählt in Szenen, nicht in Begriffen: „Auch das unbedingte Glück erscheint in der Literatur zumeist als eine Szene, und in tausend Fällen gehört zu dieser Szene der Kuss. Dabei ist Küssen ein Allerweltsgeschäft. Wäre mit jedem Kuss das unbedingte Glück verbunden, lebte die Menschheit im Paradies.“ Da ist er wieder, der Schlenker zur Wirklichkeit. Irgendwann einmal war er vielleicht ein bloßes Zeichen von Klugheit. Zu seinem 80. Geburtstag am heutigen Samstag kann man getrost von Weisheit sprechen.

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