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  • 20.03.2017
  • von Carolin Haentjes

Mary Gaitskills Roman „Die Stute“: Der Habitus ist immer stärker

von Carolin Haentjes

Die 1954 geborene Schriftstellerin Mary Gaitskill. Foto: Tabitha Soren

Unter die Haut: Mary Gaitskill erkundet in ihrem Roman „Die Stute“ mit kühner Sensibilität die Emotionen eines jungen Mädchens und ihrer Pflegemutter.

Der erste Eindruck täuscht. Dieses galoppierende Pferd vor Schäfchenwolken auf der oberen Hälfte des Covers, dieses schwarz-weiß entrückte Mädchengesicht auf der unteren! Dieser Titel, „Die Stute“! Die Schnörkel über den Kapiteln. All das suggeriert überzuckerte, melodramatische Belletristik. Die Storyline auch. Velvet, Mädchen aus einem New Yorker Problembezirk, kommt für zwei Wochen und dann häufiger zu Pflegeeltern, Ginger und Paul, in eine weiße, bürgerliche Landidylle.

Dort wird dem Kind ermöglicht, was die dominikanische Mutter Silvia, die nicht liest, nicht schreibt, nicht einmal Englisch spricht, nie leisten könnte: Freizeit auf dem Reiterhof. Velvet blüht auf, erweist sich als begnadete Reiterin. Nur sie kann die Stute „Fugly Girl“ zähmen. Denn Misshandlungen, wie das Pferd sie erlitten hat, erfährt auch Velvet von ihrer Mutter. Velvet und die Stute wachsen aneinander, bis sie bei einem Turnier allen anderen zeigen, was sie draufhaben. So weit die krustige Oberfläche des Buches, die Gaitskill nur interessiert, um sie aufplatzen zu lassen. Denn die kunstvolle Prosa der Amerikanerin ist eine der feinen Verstörungen. Ein Publikum dafür hatte Gaitskill hierzulande bislang nicht. Ihr Erzählband „Schlechter Umgang“ von 1989 war schnell vergriffen, ihr Romandebüt „Im Spiegel der Anderen“ (1992) auch, und bis zu der 2014 veröffentlichten Erzählung „Der verschwundene Kater“ kam über 20 Jahre nichts – von der Verfilmung ihrer Story „Secretary“ mit Maggie Gyllenhaal im Jahr 2002 abgesehen.

Im englischsprachigen Raum etabliert

Anders im englischsprachigen Raum, wo die 1954 in Kentucky geborene Autorin längst etabliert ist als „Writer’s Writer“. Sie ist berüchtigt für die kühne Sensibilität, mit der sie emotionale Gewebestränge ertastet und die Verflechtungen von Liebe, Gewalt und Abhängigkeit offenlegt. Themen wie Sadomasochismus oder Sucht spielten da immer wieder eine Rolle. Nicht aus Lust an Voyeurismus und Provokation. Sondern aus Interesse daran, wie die intimsten Regungen andere Lebensbereiche untermalen.

Auch in „Die Stute“ wird man sofort hineingerissen in die tiefen Gewässer, die hinter den typisierten Charaktermasken der Protagonisten rauschen: Die von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln getränkten Gedanken einer weißen Mittvierzigerin, die sich naiv in eine Ersatz-Mutterschaft hineinstürzt. Die innerlichen Abwehrversuche ihres Mannes, der eine Affäre anfängt. Die Verzweiflung, mit der Velvets Mutter ihr Kind vor der Realität schützen will und ihr damit selbst schlimmste Verletzungen zufügt. Die Orientierungslosigkeit einer 11-Jährigen zwischen Ghetto und Mittelstand, zwischen zwei mangelhaften Arten zu leben und zu lieben. Bei den Pferden, bei ihrer Stute, kann sie ihren gewaltvollen Alltag in einem neuen Licht sehen.

Sie thematisiert das Scheitern von Kommunikation über soziale Klüfte hinweg

Die inneren Zustände der Figuren entblößt Gaitskill mit einer Direktheit, die auch deswegen unangenehm ist, weil sie damit einmal mehr hineinstößt in ein Tabu: das Scheitern von Kommunikation über soziale Klüfte hinweg. Was der Soziologie Pierre Bourdieu mit dem Begriff „Habitus“ beschrieben hat: Wie Erfahrungswelten, Moralmaßstäbe und (Über-)Lebensstrategien davon abhängen, welche gesellschaftliche Position jemand einnimmt. Welche Hindernisse dadurch entstehen, macht Gaitskill in all ihrer beschämenden Drastik erfahrbar. Zum Beispiel wenn Velvet von ihren Klassenkameradinnen vermöbelt wird, wegen eines T-Shirts, das ihr Ginger gekauft hat. Und ihre Mutter das gedanklich rechtfertigt: „Es ist ihr ganzer Körper, die Art, wie sie sich bewegt. (...) Was glaubt sie, warum diese Mädchen sie hassen? Sie ist eingebildet, verwöhnt“.

Die Entfremdung vom Herkunftsmilieu ist eben nicht umsonst zu haben. Bei der Unterhaltung mit Gingers Bekannten steht Velvet trotzdem hilflos, „in ihrem Panzer, wie ein Kämpfer, wenn es nichts zu kämpfen gibt – oder jedenfalls nichts, was sie verstehen könnte“.

Prägungen, die unter die Haut gehen

Zwischenmenschliche Begegnungen finden hier nur statt als Aufeinanderprallen von Lebenswelten, als Deformationen, Verwundungen, vielleicht Verwachsungen. Das sei „Charakterbildung“, heißt es. Was viel zu harmlos klingt für die Art, wie sich Erfahrungen schmerzhaft einschreiben, in den Körper und die Gesamtheit von Empfinden, Denken und Handeln. Mary Gaitskill erzählt von Prägungen, die unter die Haut gehen, die Ratio und Sprache vorausgehen.

Diese Gefühlsausdrücke lesen sich mitunter seltsam, verdichten sich aber auch immer wieder zu erstaunlichen lyrischen Höhepunkten. Zum Beispiel als sich Velvet nachts zu ihrer Stute schleicht: „Sie hat noch mehr ausgeschlagen, mit noch mehr Hass – und da war noch etwas: Es kam aus meinem eigenen Körper, ganz stark. (...) Ich dachte daran, wie ich im Bett lag in dem Heim, in das ich gekommen war, als meine Mom mich mit dem Gürtel verhauen hat (...). Von dem Lufterfrischer hätte ich gleich wieder kotzen können, aber ich hab’s nicht getan, und ich hab auch nicht geweint. Weil ich nur halb da war, die andere Hälfte war nirgendwo, und nirgendwo kann man nicht weinen. Fugly Girl war jetzt ruhig. Ich hab ihren Schweiß gerochen und gespürt, wie schwer sie schnaufte. Sie hat zugehört wie ich weine.“

Drei Jahre umfasst dieser komplexe Entwicklungsroman, in dem eigentlich Ginger, die Pflegemutter, eine ebenso zentrale Rolle spielen sollte wie Velvet, gemessen an dem Platz, den Gaitskill ihr gewährt. Nur bleibt Ginger, ihre Traumata und ihre Entwicklung, seltsam blutleer neben dem lebendigen strahlenden, verletzten, starken Mädchen. Es wird zum Sinnbild dieser unerwartet hoffnungsvollen Geschichte von Liebe, Gewalt, Prägung und Selbstbestimmung. Velvet kann sie tragen.

Mary Gaitskill: Die Stute. Roman. Aus dem Amerikanischen von Barbara Heller und Rudolf Sorge. Verlag Klett-Cotta. Suttgart 2017. 541 S., 25 €.

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