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  • 20.03.2017
  • von Frederik Hanssen

Bar jeder Vernunft & Tipi: Die Welten hinter den Zelten

von Frederik Hanssen

Zauber des Augenblicks. Wer zum ersten Mal in die Bar jeder Vernunft kommt, wird gefangen genommen von der besonderen Atmosphäre. Foto: Brigitte Heinrich/Pop Eye

Beim Rundgang hinter den Kulissen von der Bar jeder Vernunft und Tipi trifft man Menschen, die dafür sorgen, dass hier Kunst entstehen kann.

Romantisch veranlagte Fans der Bühnenkunst sollten es sich gut überlegen, ob sie wirklich einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen wollen. Denn dort, wo das Zuschauerauge nicht hinfällt, sehen die allermeisten Theater absolut nicht glamourös aus. Sondern eher karg, ja ärmlich. Das ist auch im Fall der Bar jeder Vernunft und des Tipis nicht anders. Rund um die beiden Zelte gibt es kleine Containerdörfer, eine Ansammlung schlichter, weißer Metallkisten, in denen alles vorbereitet wird, was nötig ist, um dem Publikum einen angenehmen Abend zu bereiten.

Direkt hinter der Bühne des Tipi geht es drei, vier Stufen abwärts, in die Künstlergarderoben, die tatsächlich so aussehen, wie man das von Filmen kennt: Die Schminktische haben Spiegel, die rechts und links von einer Reihe Glühbirnen erhellt werden, die Wände sind mit rotem Stoff bespannt, unter der niedrigen Decke hängen Mini-Kronleuchter. Viel Platz ist hier nicht, für größere Produktionen wie „Cabaret“ oder „Frau Luna“ werden Zusatz-Container auf dem umzäunten Gelände des Tipi aufgestellt. Die Orchestermusiker müssen darum nach dem Umziehen quer über den Hof laufen, um ins Zelt zu gelangen. Und überhaupt: Wer hier eine Zimmertür öffnet, steht selten auf einem Flur, sondern zumeist gleich im Freien.

Da kommen schnell Zirkus-Assoziationen auf. Auf den Bretterwegen, die die Büro-Kuben untereinander verbinden, liegt immerhin ein roter, wetterbeständiger Läufer, elegante grau-weiß gestreifte Markisen sorgen im Sommer für Schatten. Die Damen von der Pressestelle haben winzige Kabuffs, mit direktem Blick auf den Lattenzaun, der das ganze Areal umgibt. Und sogar die Geschäftsführung residiert in einem Container. In einer nur mit Planen vor der Witterung geschützten kleinen Halle wiederum werden die Bühnendekorationen für die meisten Shows hergestellt.

Alle Gerichte werden frisch auf Bestellung zubereitet

Eng ist hier alles, Stauraum ist rar – wie die Stammgäste das aus den Zelten kennen. So, wie sich die Kellner dort mit bewundernswerter Eleganz zwischen den dicht besetzten Tischen hindurch schlängeln, müssen sie es auch an der Essensausgabe in der Küche halten: Jeder Millimeter zählt, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. A propos Küche: Das Refugium von Chefkoch Holger Gawöhn und seiner Mannschaft ist die größte Überraschung beim Rundgang durch den Backstage-Bereich. In der Bar jeder Vernunft wie im Tipi wird nämlich tatsächlich alles, was auf den Tisch kommt, auch vor Ort zubereitet. Und nicht etwa vorgekocht von außerhalb angeliefert, wie man angesichts der begrenzten Platzverhältnisse vermuten könnte.

Dass die Gerichte frisch auf Bestellung angerichtet werden, darauf ist Pressesprecherin Sabine Wenger stolz. Gleichzeitig ist es ihr aber auch wichtig, zu betonen, dass es sich bei den Zelten nicht um „Dinner-Theater“ handelt: „Bei uns muss keiner ein Menü verzehren, wenn er auch einfach nur mit einer Apfelsaftschorle zufrieden ist.“ Außerdem, fügt Sabine Wenger hinzu, haben die Künstler in der Bar jeder Vernunft wie im Tipi Priorität: Die Darbietungen stellen keine Garnitur zum kulinarischen Vergnügen dar, sie sind die Hauptattraktion.

Weshalb auch während der Show kein Service stattfindet, sondern nur in den eineinhalb Stunden davor sowie in der 25-minütigen Pause. Rund ein Drittel der Gäste kommen im Durchschnitt so frühzeitig, dass sie ihr Abendessen in der Bar jeder Vernunft oder dem Tipi einnehmen können. Dabei haben die Geschwister Pfister übrigens das verzehrfreudigste Publikum. Pro Jahr gehen rund 13 500 der berühmten „Schnuckedönschen“- Vorspeisenteller über den Thresen, fast 170000 Gläser Wein werden ausgeschenkt und „nur“ 35 000 Gläser Bier.

"Die Vermietungen sind unser Subventionsersatz"

Das hat Tom Ernst ausgerechnet. Er ist für einen weiteren Bereich des Doppelzelt-Unternehmens zuständig, der sich hinter den Kulissen abspielt: nämlich die Vermietungen. Tom Ernst spricht da lieber von Gala-Veranstaltungen. Rund 90 Mal pro Saison bleiben die Bar jeder Vernunft oder das Tipi abends für die normalen Besucher geschlossen, damit hier exklusive Veranstaltungen stattfinden können, Firmenevents oder Preisverleihungen, Produktpräsentationen oder auch Weihnachtsfeiern, für die die Mieter stattliche Summen berappen.

„Die Vermietungen sind unser Subventionsersatz“, sagt Ernst. „Wir bekommen ja keinen Cent vom Staat, darum finanzieren wir unser künstlerisches Programm unter anderem auch durch die kommerziellen Veranstaltungen.“ Zwischen 100 und 150 Euro pro Person werden da fällig, je nachdem, wie opulent der Mieter den Abend gestaltet haben möchte, in puncto Kulinarik ebenso wie beim Rahmenprogramm. „Unser Vorteil ist, dass sich die potenziellen Kunden vorab jederzeit einen realistischen Eindruck von der Atmosphäre in den Zelten verschaffen können, da wir ja 550 Shows im Jahr anbieten“, sagt der 47-jährige Gala-Manager.

Und das Geschäft läuft gut. „Seit mehreren Jahren werden die Kulturmarken-Awards im Tipi verliehen, wir haben viele Charity- Veranstaltungen, aber auch TV-Produktionen, ja sogar eine Weinmesse hat bei uns schon stattgefunden“, berichtet Ernst. Und auch bei den Nachbarn des Tipi weiß man die besondere Atmosphäre zu schätzen, die das Zelt bietet: Zwölf Mal schon hat das Kanzleramt hier bereits seine Weihnachtsfeier veranstaltet. Am liebsten sind Tom Ernst natürlich die Kunden, die mit langem Vorlauf buchen.

Doch auch kurzfristige Anfragen lässt er sich nicht entgehen. Da muss er dann schon mal einem Künstler einen bereits gebuchten Abend wieder wegnehmen – gegen eine Entschädigung natürlich, „Ausfallgage“ genannt. „Bei Shows, die mehrere Wochen laufen, wissen die Beteiligten einen freien Tag durchaus zu schätzen“, weiß Ernst. „Künstler, die nur drei, vier Vorstellungen bei uns geben, schmerzt das schon mehr.“ Wenn sie Glück haben, findet sich ein Ersatztermin. Oder sie werden gleich als Entertainment-Act für die Gala mitgebucht.


Geht nicht, gibt's nicht

Besonders im Tipi kann Tom Ernst flexibel auf die gewünschte Gästezahl reagieren: Von der „parlamentarischen Bestuhlung“ für 300 Personen über die übliche Theaterbestuhlung für 600 Personen bis hin zur Stehempfang-Variante mit 800 Personen. Und wenn die Gesellschaft noch größer sein soll, werden eben Zusatz-Zelte aufgebaut, die die Kapazität noch einmal verdoppeln. Hinter der „Geht nicht, gibt's nicht“-Maxime steckt dabei nicht Profitstreben – sondern der Gedanke, dass jeder zusätzlich verdiente Euro hier zusätzliche Kunst ermöglicht.

Die Bar jeder Vernunft wiederum bietet sich vor allem für festliche Bankette an: „Wenn überall auf den Tischen große silberne Kandelaber stehen, deren Licht von den Spiegeln rundherum reflektiert wird, das hat wirklich etwas Magisches“, schwärmt Ernst. Dass die Kunden in der Bar jeder Vernunft und im Tipi nicht mit externen Caterern und Hostessen arbeiten müssen, sondern die fest angestellten Servicekräfte der Zelte gleich mit buchen können, wissen viele Firmen zu schätzen.

Hier kommt Johannes Steinbrücker ins Spiel. Er ist der Chef der Abendregie: Während die Kellner weiße Hemden tragen, erkennt man seine Leute an der schwarzen Oberbekleidung. Sie nehmen an der Garderobe die Mäntel in Empfang, bestellen nach der Vorstellung Taxis, kontrollieren am Einlass die Tickets und sind den Gästen bei der Platzwahl behilflich. Mit einem Wort: Sie kümmern sind darum, dass sich das Publikum wohl fühlt, bei Vermietungen wie im normalen Spielbetrieb.

Wie ist das Publikum heute drauf?

Den 56-jährigen Steinbrücker verbindet eine lange Geschichte mit der Bar jeder Vernunft und dem Tipi. Schon bei der legendären „Weißen Rössl“–Produktion war er als Regieassistent dabei, bei so mancher Show der Geschwister Pfister gehörte er später zum Kreativteam. Jetzt, als „Maitre de Plaisir“, betreut er sowohl die Künstler wie das Publikum. „Ich bin als Erster da, kontrolliere, dass in den Garderoben alles in Ordnung ist, dass als Glühbirnen am Spiegel funktionieren und auch kein WC-Papier fehlt“, erzählt er. „Ich bin für die Künstler ansprechbar, wenn es kurz vor Vorstellungsbeginn noch Abstimmungsbedarf mit der Licht- oder Tontechnik gibt oder ganz dringend eine Tube Schuhcreme benötigt wird. Und ich weiß, welcher Künstler zwischendurch einen Tee braucht oder hinterher ein Bier.“

Vor allem aber kann er als Wanderer zwischen den Welten die bange Frage der Künstler beantworten: Wie ist das Publikum heute drauf? Manchmal wünschen die sich, dass Steinbrücker an den Tischen vorne bestimmte Zuschauergruppen platziert, die dann während der Vorstellung gezielt angesprochen werden können: ältere Damen zum Beispiel oder eine schwule Freundesclique. Nur die Premieren der Programme und die großen Theaterproduktionen wie „Cabaret“ und „Frau Luna“ werden „auf Tisch verkauft“, wie Steinbrücker es ausdrückt. An allen anderen Abenden gilt innerhalb der gekauften Preiskategorie freie Platzwahl.

Da ist bei den Mitarbeiter diplomatisches Fingerspitzengefühl gefragt: Nicht jeder Gast will möglichst weit vorne sitzen, manche freuen sich über den Hinweis, dass die seitlichen Tische die beste Sicht bieten. Wenn es Unmut gibt, etwa über die Lautstärke oder die Raumtemperatur, ist natürlich der Chef zuständig. Aber auch, wenn zufriedene Zuschauer nach der Show jemanden suchen, bei dem sie ihre Begeisterung loswerden können. „Dass ich zu Beginn auf die Bühne komme, um die Gäste zu begrüßen, finde ich sehr sinnvoll. Da weiß jeder gleich, wer der Vertreter des Hauses ist, an wen er sich mit Lob oder Kritik wenden kann.“

Wer nach Vorschrift arbeitet will, sucht sich lieber einen anderen Job

Bei der Zusammenstellung seiner Mitarbeiter, die überwiegend auf 450-Euro-Basis beschäftigt werden, bevorzugt Johannes Steinbrücker die bunte Berliner Mischung: Studenten oder Auszubildende aus unterschiedlichsten Fachrichtungen, die sich hier ein Zubrot verdienen wollen, oder auch neu Hinzugezogene aus aller Herren Länder, die in Berlin Fuß fassen wollen – kein genormtes Personal also, sondern Menschen, die in ihrem Leben noch andere Interessen haben. „Wer sich bei uns bewirbt, bekommt als erstes zwei Freikarten für eine Show, damit er aus der Publikumsperspektive sehen kann, wie es bei uns läuft, was hier wichtig ist.“

Wer Dienst nach Vorschrift machen will, sucht sich lieber einen anderen Job. Damit die Arbeit nicht monoton wird, werden die Mitarbeiter für die verschiedenen Jobs von der Garderobe bis zum Platzanweiser nach einem rotierenden System eingesetzt. Auf ziemlich spontanen Zuruf, weil sich die Zahl der Servicekräfte ja jeweils danach bemisst, wie viele Tickets für den Abend verkauft sind. Aber so läuft es nun einmal bei allen Jobs hinter den Kulissen: sehr rational, sehr nüchtern, mit genauem Blick auf jeden Cent. Hauptsache, das Publikum im Saal bekommt davon nichts mit.

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