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  • 19.03.2017
  • von Bodo Mrozek

Zum Tod von Chuck Berry: Die berühmteste Terz der Rockgeschichte

von Bodo Mrozek

Dehnen, Spannen, Strecken. Chuck Berry Anfang der siebziger Jahre. Foto: Alamy Stock Photo/Globe Photos/ZUMAPRESS.com

Egozentrischer König des Rock’n’Roll, Wegbereiter für die Beatles und die Rolling Stones: Chuck Berry ist mit 90 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Ein junger Mann in einem Bus, irgendwo in den Südstaaten der USA. Plötzlich sieht er auf der Straße eine junge Frau entlanglaufen, in der er seine zukünftige Braut zu erkennen glaubt. Verzweifelt schreit er den Fahrer an, er solle sofort anhalten und ihn rauslassen. Doch die Türen bleiben verschlossen. Die Situation in Chuck Berrys Song „Nadine“ wirkt wie ein typisches Boy meets Girl-Szenario. Doch Berry schrieb „Nadine (Is It You?)“ 1963 im Gefängnis von Springfield, in dem er eine mehrjährige Haftstrafe verbüßte. Soeben hatte ihn auch noch die Ehefrau verlassen. „Nadine“, mit seiner monotonen Rhythmusstruktur und dem lakonischen Vortrag, ist vor diesem Hintergrund ein herzzerreißender Schrei nach Freiheit.

Eigentlich liefen für Charles Edward Anderson Berry, der am 26. Oktober 1926 in St. Louis, Missouri, zur Welt gekommen war, die Dinge ziemlich gut. Der Blues-Amateur, der mit Country-Stücken debütiert hatte, war ein gefeierter Solist und Entertainer. Nach mehreren Charts-Platzierungen war er zur internationalen Berühmtheit avanciert. Dann stolperte er über ein Gesetz aus dem Jahr 1910.

Auf seinen Tourneen hatte ihn eine junge Frau begleitet, der Prostitution vorgeworfen wurde. Dem „Mann Act“ zufolge war es verboten, jemanden über eine amerikanische Staatengrenze zu bringen, um dort einer Tätigkeit nachzugehen, die im ersten Staat verboten, im zweiten aber legal war. Im Kern warf man Berry Zuhälterei vor. Die Anklage musste nach einem unverhohlen rassistischen Richterspruch neu aufgerollt werden, aber der Schuldspruch überstand auch die zweite Instanz.

Für Berry war es nicht die erste Verurteilung, und es sollte auch nicht die letzte bleiben. Schon als Kind hatte der Sohn eines Predigers eine Jugendstrafe erhalten – wegen mehrfachen bewaffneten Raubüberfalls. Ende der siebziger Jahre erhielt er eine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung und Anfang der Neunziger Bewährung wegen Marihuana-Besitz. Zwischendurch und währenddessen schuf Chuck Berry Songs, die von der Library of Congress in die Liste der National Recordings aufgenommen wurden.

Auf die Erfolgsspur setzte ihn der Produzent Leonard Chess

Auch während der Haft in Springfield war er produktiv. Neben „Nadine“ schrieb er dort „No Particular Place To Go“ und „Promised Land“. Außerdem machte er einen Schulabschluss nach und büffelte Wirtschaft. Die Haft fiel ausgerechnet in jene Zeit, als Musiker weltweit seine Songs coverten. Waren die frühen Jahre des Rock’n’Roll von einer überschaubaren Zahl von Einzelstilen beherrscht, so schwappte aus dem alten Europa gerade die „British Invasion“ namens Beat in die US-Schallplattenregale.

Für viele Rock’n’Roller der ersten Generation war das der Anfang vom Ende. Mit der harmonischen Mehrstimmigkeit der Beatles konnten oder wollten sie nicht mithalten. Nicht so Chuck Berry. Die Beatles coverten offen Berry-Hits wie „Rock’n’Roll Music“. Selbst die als Antwort auf die britische Herausforderung konzipierten Beach Boys zollten dem Älteren Tribut, indem sie ihren Chartbreaker „Surfin’ USA“ ungeniert auf Melodie und Rhythmusstruktur von Berrys „Sweet Little Sixteen“ aufsetzten. Ein Gericht sorgte dafür, dass Berry als Co-Autor genannt werden musste. Dabei illustriert gerade Chuck Berrys Karriere, dass Popmusik nicht Sache einzelner Genies ist, sondern ein arbeitsteiliger Prozess.

Auf die Erfolgsspur hatte ihn der damals einflussreiche Produzent Leonard Chess gesetzt, Besitzer des gleichnamigen Schallplattenlabels in Chicago. Der Legende zufolge war er es, der einen ruhig-langsamen Song, den Berry bei Chess veröffentlichen wollte, aufpeppte und in das Rhythmus-Schema des Big Beat brachte, den wir heute als Rock’n’Roll kennen. „Maybellene“ wurde 1955 der erste Hit des schwarzen Hillbillys, als der Berry in den Clubs von St. Louis galt.

Seine Songs schöpften direkt aus der Erfahrungswelt von Teenagern

In den folgenden Jahren trug Berry entscheidend dazu bei, dass der neue Musikstil als Generationsbruch galt. Songs wie „School Day“ oder „Almost Grown“ schöpften direkt aus der Erfahrungswelt von Teenagern, und „Roll Over Beethoven“ ließ sich als Kampfansage an die zum Schulstoff geronnene musikalische „Klassik“ hören.

Berrys bleibendes Verdienst aber liegt zweifellos darin, die E-Gitarre als das maßgebliche Instrument des Rock’n’Roll überhaupt erst etabliert zu haben. Konkurrenten wie Fats Domino und Jerry Lee Lewis waren Pianisten, Big Jay McNeely spielte Saxophon. Der charakteristische Stil von Chuck Berrys Gitarre, den er sich bei Blues-Legenden wie T-Bone Walker absah, aber eigenwillig weiterentwickelt hatte, wurde neben seinem watschelnden Duck-Walk zum Markenzeichen. Das Intro zu „Johnny B. Goode“ enthält die wohl berühmteste Terz der Rockgeschichte.

Der Song, der die Lebensgeschichte eines Jungen erzählt, der sich mit seinem Gitarrenspiel aus der Armut befreit, enthält zwei für Berry typische Narrative. Zum einen eine gehörige Portion jener Black Pride, die auch aus seinem Selbstportrait „Brown Eyed Handsome Man“ spricht. Zum anderen die Aufstiegserzählung des Self-made Man. Berry selbst war als Friseur und Kosmetiker gestartet, kam aber aus durchaus soliden Verhältnissen. „Johnny B. Goode“, oftmals fälschlich für ein autobiografisches Stück gehalten, war tatsächlich dem Pianisten Johnnie Johnson gewidmet, in dessen Trio Berry begonnen hatte.

Vor kurzem kündigte er noch ein neues Album an

Eine Rolle im Ensemble war für den ebenso ex- wie egozentrischen Lebemann keine Perspektive. Berry war stets ein Solo-Künstler, der nur dann mit anderen zusammenarbeitete, wenn es unbedingt sein musste. Auf Tourneen ließ er sich von Gastmusikern vor Ort begleiten, die er bei kurzen Proben auf Linie zu bringen versuchte. Dem Sound seines Live-Vortrages hat das nicht immer gut getan. Auch privat blieb Berry ein geschäftstüchtiger Einzelgänger, der seine Gage in bar verlangte und zu seinen Kollegen Distanz hielt: Too Much Monkey Business.

Umgekehrt war die Dankbarkeit groß. Die Stones vergaßen Berry zeit ihrer Karriere nicht, dass sie als Berry-Cover-Band begonnen hatten: mit der Single „Come On“. Den Zenit seines Ruhms erreichte Berry 1972 mit dem Live-Recording von „My Ding-A-Ling“, danach wurde es ruhiger. In den siebziger und achtziger Jahren ging er beständig auf Tour, doch genoss er nun schon den Status eines Klassikers. Dazu trug auch Taylor Hackfords Dokumentarfilm „Hail! Hail! Rock’n’Roll“ bei, den Keith Richards 1986 produzierte.

Berry tourte weiter – bis ins hohe Alter. Vor vier Jahren erlitt er in Helsinki auf offener Bühne einen Zusammenbruch, brachte die Tour nach kurzer Erholungspause aber dennoch zu Ende. Noch bis 2014 war Chuck Berry im Blueberry Hill in St. Louis zu hören, wo er seit 18 Jahren einmal im Monat auftrat. An seinem 90. Geburtstag kündigte der Vater von vier Kindern noch ein neues Album an, das er seiner Ehefrau Themetta widmen wollte. Sie war nach seiner vorzeitigen Haftentlassung 1963 wieder zu ihm zurückgekehrt war. Ob diese Liebeserklärung je erscheinen wird, ist nun unklar. Am Sonnabend verstarb der Mann, den viele für den wahren King of Rock'n’Roll halten, mit 90 Jahren in St. Louis.

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