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  • 19.03.2017
  • von Christine Wahl

"Tod eines Handlungsreisenden" am Deutschen Theater Berlin: Alles Lüge

von Christine Wahl

Die Lomans: Benjamin Lillie (als Biff, li), Camill Jammal (als Happy, Mi.) und Ulrich Matthes als Vater Willy, re.) Foto: imago/Martin Müller

Mit hoher Realitätsverdrängungsenergie: Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ unter der Regie von Bastian Kraft am Deutschen Theater Berlin.

Eigentlich passt Willy Loman ja hervorragend ins postfaktische Zeitalter. Ganz egal, wie offensichtlich die Tatsachen sich aufdrängen: Mit letzter Kraft klammert sich der Handelsvertreter an seine Lebenslüge. Die Bereitschaft, auf gefühlten beziehungsweise erhofften Wahrheiten zu beharren, ist grenzenlos.

Schwer zu sagen, ob auch der Regisseur Bastian Kraft Brückenschläge zum Trump-Amerika im Kopf hatte. Seine Arthur-Miller-Inszenierung „Tod eines Handlungsreisenden“ im Deutschen Theater Berlin ist seit jeher von jener Art zeitloser Aktualitätsbehauptung, die sich mehr für die schiere Schauspiel(er)kraft interessiert als für Textakzentuierungen und ultimative Konzeptionsschärfe. Und da hat der Regisseur mit Ulrich Matthes als Willy Loman oder Olivia Grigolli als dessen Frau Linda natürlich entsprechendes Personal gecastet.

Loman verzweifelt bekanntermaßen redlich daran, vom viel beschworenen amerikanischen Traum immer weiter wegzudriften. Mit zunehmend unsicherem Gang und ahnungsvoll nach innen blickenden Augen demonstriert Matthes das Ausmaß dieser Lomanschen Verzweiflung. Die Geschäfte gehen schlecht, und selbst die Möglichkeit, seine Erfolglosigkeit mit den Superkarrieren des Nachwuchses zu kompensieren, bleibt ihm versagt.

Jeder versucht die Fassade zu erhalten

Sohn Happy, den Camill Jammal texttreu als Familien-Opportunisten spielt, dümpelt als ewiger Vertreter des Vertreters vor sich hin. Und Sohn Biff, dem Benjamin Lillie einen Schuss gegenwärtiger Familienaufstellungsgenervtheit ins Millersche Rollenbild mischt, hat sich vom hoffnungsvollen Sportler zum straffälligen Kleptomanen entwickelt. Gegen diese Düsternis muss freilich mit maximaler Realitätsverdrängungsenergie angeredet werden: Das morgige Vorstellungsgespräch bringt’s garantiert; und der kleinkriminelle Biff wird in Kürze an der Spitze eines weltweiten Erfolgsunternehmens stehen.

Bei Bastian Kraft sind derlei Hoffnungen allerdings von Anbeginn passé. Er stellt die finale Beerdigung Willys, der sich letztlich umbringt, damit seine Familie wenigstens die Lebensversicherung kassieren kann, an den Beginn des Abends. Anschließend schnurrt die Loman-Story – von Kraft zum pausenlosen Neunzigminüter gestrafft – in einem bis auf den dunklen Familientisch leeren Raum (Bühne: Ben Baur) ab, in dem das auftretende Personal übergroße Schatten an die weiße Bühnenhinterwand wirft.

Sprich: Jeder ist hier aufs Deutlichste mit seinem erträumten und unerreichten Selbst konfrontiert. Bei den Bildern aus seligen Tagen, als die Söhne mit Daddy Ball spielten, das Leben schlichtweg jünger und daher einfach weniger Zeit gewesen war, es zu verpfuschen, wirkt das Schattenkabinett besonders gigantisch.

Kraft konzentriert sich naheliegenderweise darauf, eine Familie zu zeigen, die die viel zitierten gesellschaftlichen Anforderungen so stark verinnerlicht hat, dass praktisch jeder in einer solipsistischen Blase – und in einer Mischung aus verdrängtem Selbst- und offensivem Fremdbetrug – vor den anderen seine Fassade aufrechtzuerhalten sucht. Im Grunde schnurrt der ganze Abend in jenem Blick zusammen, den Olivia Grigollis Linda angemessen starr ins Leere richtet, sobald Mann und Söhne mit ihren Lebenslügen das Haus verlassen haben. Oder in der Kurzgeschichte, die sich immer wieder in Matthes’ Gesicht abspielt und die mit mühsam zusammengeraffter Resthoffnung beginnt und in einer unvergleichlichen Enttäuschungsentgleisung endet.

Alles schön und gut; also angemessen unschön und ungut. An den verinnerlichten gesellschaftlichen Erwartungen zu scheitern, ist zweifellos ein zeitenübergreifendes Phänomen; und um ihre Würde kämpfen Arbeitnehmer ebenfalls allenthalben. Bleibt das Gefühl, dass aus Millers Stück regietechnisch deutlich schärfere Akzentuierungen herauszuholen gewesen wären.

Nächste Vorstellungen: 23. u. 30. März

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