21.11.2017, 4°C
  • 19.03.2017
  • von Wolfgang Schneider

"Hagard" von Lukas Bärfuss: Countdown ins Nichts

von Wolfgang Schneider

Experte fürs Selbstzerstörerische. Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss, 46. Foto: Markus Scholz/dpa

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse: Der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss und sein meisterhafter Stalker-Roman „Hagard“.

Während er auf einen verspäteten Kunden wartet, sieht Philip die junge Frau. Sein Blick folgt dem Schemen einer schlanken, anmutigen Gestalt in blauen Ballerinas, die aus der Drehtür eines Kaufhauses kommt. Er pfeift auf den Kunden und folgt der Unbekannten. Und schon nach Kurzem beginnt sich seine bürgerliche Existenz aufzulösen. Als Erstes bleibt seine Uhr stehen. Dann – wir befinden uns in der Epoche des Ladekabels – sinkt unaufhaltsam der Akkustand seines „klugen Telefons“, ein Countdown ins Nichts.

Philip ist Ende vierzig, „etwas außer Form geraten“, ein alleinerziehender Vater und erfolgreicher Zürcher Immobilienentwickler. Er steht vor dem lukrativsten Geschäft seines Lebens: eine Seniorenresidenz auf Gran Canaria. Die Arbeit ist getan, „jetzt ging es nur noch darum die Verträge zu unterzeichnen und den Gewinn einzustreichen“. Stattdessen rätselt er über die fremde Frau: Wohin geht sie, warum holt sie einen Pelzmantel ab? Ihr Heimweg führt sie in ein unwirtliches Neubauviertel am Stadtrand. Sie verschwindet in einem Apartmenthaus, das einem Panzerschrank gleicht.

Philip wartet; wartet bis zum nächsten Morgen. Dann setzt er sich wieder auf ihre Spur, körperlich in schlechter Verfassung nach der verknautschten Nacht vor dem Haus, aber im Geist erleuchtet, worauf der hohe Ton hindeutet, mit der die „Göttin“ nun beschworen wird: „Mit den Chören des Morgens schreitet sie und verscheucht jeden Schatten aus ihrer Gegenwart … das Schwarz kuscht wie ein minderer Dämon“. Der Stalker aber schreitet nicht, sondern hastet hinterher, hält sich im Schatten, als wäre er selbst vom minderen Dämon besessen. Feierliche Sprache und Slapstick verschränken sich nun, was zum Reiz der Geschichte beiträgt. Von der Schönheit betört, entwickelt Philip sich im Eiltempo seiner Obsession zur grotesk verwahrlosten Figur. Bei der Flucht vor U-Bahn-Kontrolleuren verliert er einen Schuh; klaut sich dann vor einem Ramschladen einen überdimensionierten Hauspantoffel, ein Stofftier zum Hineinschlüpfen. Das reicht, um einen Menschen auch in Zeiten mit der Lizenz zur Jogginghose aus dem Kreis der Zurechnungsfähigen auszuschließen.

Gewalt ist ein abgründiges Thema im Werk von Bärfuss

Was treibt ihn an? Hoffnung auf ein flüchtiges Abenteuer, der Blitz der Sehnsucht, der Bann einer Gesichtslosen mit „transparenten Kniekehlen“ und „zartbestrumpften Waden“? Eher nicht. Dass diese ungerührt dahinwandelnde junge Frau eine Schimäre ist, weiß auch Philip selbst. Einmal lässt er die ersehnte Gelegenheit, ihr ins Gesicht zu sehen, verstreichen aus Angst, dass sie es „nicht wert“ sei. Das Bürogebäude, in dem sie am Morgen verschwindet, stimmt ihn misstrauisch: „Das Haus hat keine Klasse. Die Göttin verlangt einen Tempel.“ Es geht nicht um Erotik, es geht um die Lust des Kontrollverlusts. Um Aggression gegen sich selbst und die eigene Lebenskonstruktion, aber auch gegen die anderen.

Gewalt ist ein abgründiges Thema im Werk von Bärfuss, am explizitesten in seinem Ruanda-Roman „Hundert Tage“. Mit dem Hass eines potenziellen Attentäters kreuzt Philip die zielstrebigen Wege seiner Schweizer Mitbürger, all dieser beflissenen Routiniers des Alltags mit ihren „leistungsbereiten Plastikgesichtern“: „Gestern war er einer wie sie, heute verachtet er die Menschen.“

Schon „Koala“, der letzte Roman von Bärfuss, handelte von einem autodestruktiven Verweigerer, einem Drogensüchtigen und Selbstmörder – dem Bruder des Autors. Als Junge hatte er von den Pfadfindern den Koala als Totemtier zugewiesen bekommen. Dieses einzelgängerische Energiesparmodell der Natur, das 20 Stunden am Tag schläft und den Rest der Zeit Eukalyptus knabbert, wurde in den phantasmagorischen Passagen des Romans zum Gegenbild der an Ehrgeiz und anderen Krankheiten hinsiechenden Menschheit. In der Inszenierung eines fremden Blicks auf die Leistungsgesellschaft ist Lukas Bärfuss Meister.

Es gibt Anspielungen auf "Tod in Venedig"

Eigenartig erscheint allerdings die Erzählstimme der Novelle. Wer mischt sich da ein mit seinem „Ich“ und bleibt trotzdem im Verborgenen? Als die Verfolgung eskaliert und Philip hinter der unbekannten Elfe den Vorortzug besteigt, folgt ein merkwürdiger Satz: „Lange stand dieser Zug auf dem Gleis und fuhr nicht ab, den ganzen Frühling und bis in den Sommer.“ Die Verzögerung im Betriebsablauf betrifft diesmal also nicht den Nahverkehr, sondern den Erzähler, der die Geschichte an diesem Punkt monatelang ruhen lassen muss. Auch an anderen Stellen wird deutlich, dass es sich bei der Verfolgung eigentlich um eine Dreier-Kette handelt: Vorne die schimärische Frau, dann Philip auf ihren zierlichen Fersen, gleich dahinter aber der Ich-Erzähler, der den auf Abwege geratenen Mann beschattet, als wäre er nicht eine passgenau entworfene Figur, sondern eine Gestalt des Lebens, die ihm Rätsel aufgibt. Dadurch bekommt die spärliche Handlung erst das Gewicht, das sie als lakonische Story à la Peter Stamm nicht hätte. Weshalb „Hagard“ auch stärker ist als Stamms thematisch verwandter letzter Roman „Weit über das Land“, der ebenfalls von einem Mann erzählt, der ohne zureichenden Grund aus seiner bisherigen Existenz verschwindet. Es handelt sich um ein altes Motiv der Schweizer Literatur: die Aufkündigung der eigenen Identität und die Flucht vor dem Ich, wie sie Max Frisch in „Stiller“ klassisch dargestellt hat.

Dicht sind überhaupt die literarischen Bezüge der Novelle. Sacher-Masochs „Venus im Pelz“ und Poes „Der Mann in der Menge“ gehören dazu, es gibt Anspielungen auf den „Tod in Venedig“, wo der Schriftsteller Aschenbach einem schönen Knaben hinterhersteigt. Wie in Thomas Manns Novelle ist zunächst von allgemeinen Ahnungen des Zusammenbruchs, von einer ganz Europa heimsuchenden Stimmung der Morbidität und von tödlichen Viren aus Fernost die Rede. Auch in „Hagard“ – das französische Wort bedeutet Verstörung – liegt eine ungesunde Schwüle in der Luft. Dichte Atmosphäre, eine so knappe wie kraftvolle Sprache und das reflektierende Spiel mit vielen offenen Fragen zeichnen diese Meistererzählung aus, die auf ein tödliches Ende zuläuft.

Lukas Bärfuss: Hagard. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 174 Seiten, 19,90 €.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!