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  • 19.03.2017
  • von Gregor Dotzauer

Leipziger Buchmesse: Litauen - die Langsamkeit der Zukunft

von Gregor Dotzauer

Kirchtürme, so weit das Auge reicht. Blick über die Altstadt von Vilnius. Foto: Vilnius Tourism

Wo die europäische Idee noch lebt: Impressionen aus Litauen, dem Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse.

Die Freude über den europäischen Traum, verweht. Stattdessen das große Kopfschütteln, wie weit es damit kommen konnte. England auf der Flucht, Frankreich ein unsicherer Kantonist, Belgien grundzerrissen, Ungarn und Polen im nationalen Wahn, Griechenland ein Dauerpatient, Bulgarien ein Sumpf der Korruption, Beitrittskandidaten wie Mazedonien eine Bananenrepublik, und die Türkei unterwegs zu noch Schlimmerem. Wenn dies das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten ist, das Angela Merkel Anfang Februar beim EU-Gipfel auf Malta beschwor, ein Europa, in dem die integrationswilligen Kernländer vorneweg marschieren, während die weniger entwickelten hinterdreinschlurfen, dann gute Nacht.

Und doch glüht sie noch, die europäische Idee. Sie wärmt das gesamte Baltikum, und besonders in Litauen hat sie alles, was sie braucht. Eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die sich vom Einbruch der globalen Finanzkrise 2008/09 nicht hat beirren lassen. Eine Vergangenheit, die für den Schmelztiegel von Sprachen, Religionen und Kulturen steht, nach dessen Geschichtenreservoir sich die Gemeinschaft sonst vergeblich verzehrt. Und eine Reihe von Schönheitsfehlern, die daran erinnern, dass es auf Erden nun einmal kein Himmelreich gibt.

Vilnius, die barock lächelnde Hauptstadt, wirkt bis in ihr Gassengewirr hinein fast unheimlich aufgeräumt. Die legendäre Kirchendichte rund um die katholische St.-Stanislaus-Kathedrale gibt von der russisch-orthodoxen Variante bis zur Choral-Synagoge auch der gottesfernsten Seele Halt. Durch die Einkaufsstraßen fließen die Warenströme wie durch Ljubljana oder Kopenhagen, mit lokalen Akzenten wie dem Bernsteinhandel. Die deftige Kohl-Kraut-Schwein-Kartoffelküche wird von Sushi und Pizza in Schach gehalten oder kalorienfreundlich neu interpretiert. In Užupis, dem einst anarchischen Künstler- und Hausbesetzer-Viertel jenseits des Vilnelė-Flusses, wohnt die neue Kreativklasse inzwischen ordnungsgemäß zur Miete. Und Peronas, der Musikclub in den Bahnhofshallen, lockt allabendlich mit Pop und Jazz in seine Industrieloft-Atmosphäre.

Starker brain drain bei hoher Lebensqualität

Von der Gemütslage her könnte es in Vilnius nicht entspannter zugehen. Trotz magerer Durchschnittslöhne von 400 bis 500 Euro bei einem Preisniveau, das nur knapp unter dem Westeuropas liegt, fehlt es an jeder sichtbaren Aggressivität. Der Stolz, notfalls mit mehreren Jobs über die Runden zu kommen, behält die Oberhand. Wir haben eine hohe Lebensqualität, sagen viele, erst recht in Kaunas, dem kleineren, vom Modernismus der Zwischenkriegszeit geprägter Rivalen von Vilnius, das durch seine Textilkunst einen internationalen Ruf erworben hat. Von den Vorzügen der litauischen Geruhsamkeit ist indes nicht jeder überzeugt. Ein empfindlicher brain drain in Richtung Großbritannien und USA hat die 3,7 Millionen Einwohner, die das Land 1992 zu seinen besten Zeiten zählte, auf unter drei Millionen absinken lassen. Ob ausgerechnet der Brexit einige von ihnen zurückkehren lässt?

Mit Estland und Lettland gehört Litauen in den Statistiken der Vereinten Nationen seit 2002 zum Norden Europas. Wie gern würde es auch politisch die Zuordnung zum postsowjetischen Osten hinter sich lassen. Als Mitglied der Nordic-Baltic 8 sucht es nach jeder Gelegenheit, die Schreckgespenster des Weißrussen Lukaschenko und des Russen Putin zu bannen. Mit dem europäischen Tachometer lässt sich das schwer messen. Litauen vereint sämtliche Geschwindigkeiten in sich und stellt obendrein jeden Begriff von Rand und Mitte auf den Kopf. Es steht für Entschleunigung und Beschleunigung, und es feiert sich sowohl als Paradies aus Seen, Sand und Wäldern wie als Paradies für Start-ups mit Breitband-Internet. Das Versprechen: Hier gibt es WiFi bis ins Unterholz.

Vor dem klassizistischen Präsidentenpalast in Vilnius, gleich gegenüber der Universität, steht in riesigen Lettern „#LAISVE“, Hashtag Freiheit. Für die parteilose Wirtschaftswissenschaftlerin Dalia Grybauskaitė, die hier seit 2009 zu Hause ist, ist das keine bloße Formel. Weder in Sachen Krim-Annexion noch in Sachen Trump nimmt sie, die sie mit allen kommunistischen Weihen bis ins dritte Lebensjahrzehnt kam, kein Blatt vor den Mund. Auch gegenüber Journalisten, die ihr – welche Tradition in einem sonst so fortschrittlichen Land – unangemeldete Fragen stellen, kennt die Frau mit dem schwarzen Karategürtel kein Pardon.

Zusammen mit Premierminister Saulius Skvernelis von der LVŽS, dem im Dezember an die Regierung gekommenen Bund der Bauern und Grünen, fürchtet sie nichts mehr, als noch einmal die Eigenständigkeit zu verlieren. Die rund 450 in Litauen stationierten deutschen Nato-Soldaten sind ein Signal an den russischen Bären, bis zum Sommer folgt ein zweites Kontingent aus anderen Ländern.


Ein Zaun an der Grenze zu Kaliningrad

Andere Gefahren soll, nach estnischem und lettischem Vorbild, ein 150 Kilometer langer Metallzaun an der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad abwehren. Der sozialdemokratische Außenminister Linas Antanas Linkevičius spricht von Schmugglern – und mit Blick auf einen zweiten Zaun an der Grenze zu Weißrussland von der Schweinegrippe. Beide Zäune, sagt er fast entschuldigend, seien aber nicht geeignet, Panzer aufzuhalten. Offener zeigt man sich gegenüber weißrussischen Dissidenten; auch bietet man der privaten European Humanities University aus Minsk Asyl in Vilnius. Schwieriger ist es indes offenbar für die Quotenflüchtlinge aus der EU. 35 von ihnen brachen Ende letzten Jahres die Zelte freiwillig ab, um nach Deutschland weiterzureisen. Nichtsdestoweniger bewundert Linkevičius Merkels Offenheit und erklärt: „Wir brauchen mehr Deutschland in Litauen!“

Zur Leipziger Buchmesse macht sich Litauen aber erst einmal in die umgekehrte Richtung auf, getragen von der Hoffnung, dass der Fluch, der, wie es manchmal mit leichtem Augenzwinkern heißt, auf Litauen liegt, seinen bösen Zauber verloren hat. Knapp zwei Monate, bevor sich das Land 2002 als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse präsentierte, starb mit Ričardas Gavelis der kraftvollste, rebellischste und komischste Modernist Litauens. Von seinem epochalen Roman „Vilnius Poker“, der tief in die Abgründe des sowjetischen Totalitarismus hinableuchtet, existiert bis heute keine deutsche Übersetzung. Jurgis Kunčinas, dessen im Original 1993 erschienenes Hauptwerk „Tula“, eine fulminante, durch den Alkoholschleier gesehene Vision von Vilnius, nun im Corso Verlag erscheint, folgte Gavelis zwei Monate nach der Messe am Main.

Zuletzt hat im vergangenen September ein Herzinfarkt den Philosophen und Kulturtheoretiker Leonidas Donskis, den bedeutendsten public intellectual des Landes, im Alter von 54 Jahren aus dem Leben gerissen. Donskis, ein enger Freund des kürzlich verstorbenen englisch-polnischen Soziologen Zygmunt Bauman und von 2009 bis 2014 für Litauens Liberale im Europäischen Parlament, verstand sich besonders darauf, den mitteleuropäischen Diskurs aus der baltischen Perspektive neu zu beleben. Welche vorzeigbaren Köpfe hat man nun?

Essays von Dichtern

Unter den Dichtern ist es immer noch der weltläufige Eugenius Ališanka, der seine zwischen Physik und Metaphysik aufgespannte Poetik mit dem autobiografischen Essayband „Risse“ (KLAK Verlag) in Erinnerung bringt. Auch der zwölf Jahre jüngere, 1972 geborene Laurynas Katkus präsentiert sich in „Moskauer Pelmeni“ (Leipziger Literaturverlag) als Prosaist und nähert sich dem spannungsreichen Verhältnis seiner Landsleute zu ihrer sowjetischen Vergangenheit. Über beiden thront der bald 80-jährige Tomas Venclova, die graue, vor Jahrzehnten nach New Haven an die Yale University ausgewanderte Eminenz der litauischen Literatur. Im Dialog mit Ellen Hinsey („Der magnetische Norden“, Suhrkamp) lässt er das zwischen polnischer, deutscher und sowjetischer Besatzung zerrissene 20. Jahrhundert Revue passieren.

Es geht um seinen staatstreuen Dichtervater Antanas, um die Freundschaft mit dem in Litauen geborenen Polen Czeslaw Milosz, und um die mit dem Russen Joseph Brodsky, der unter der Observatoriumskuppel der Vilniuser Universität sein „Litauisches Divertimento“ schrieb. Zu Venclovas Weitsicht gehört, dass er das europäische Wesen von Vilnius in einem grandiosen kulturhistorischen Stadtporträt (Suhrkamp 2006) hervorhebt wie kaum ein anderer. Konkurrenz macht ihm nun der in Kanada lehrende Laimonas Briedis in „Vilnius – Reisen in die ferne Nähe“ (Wieser), der sich ebenso tief in die Schichten der „City of Strangers“ eingräbt.

Weniger profiliert die erzählende Prosa. Alvydas Šlepikas („Der Regengott“, Mitteldeutscher Verlag) hat einen siebten Sinn für die magischen Potenziale des litauischen Landlebens, und Undinė Radzevičiūtė lässt in „Fische und Drachen“ ihren chinesischen Fantasien freien Lauf. Gegen den in den 50er Jahren entstandenen und zwischen Litauen und New York angesiedelten Klassiker „Das weiße Leintuch“ von Antanas Škėma (Guggolz) kommen sie nicht an.


Die Last des sowjetischen Erbes

Allein von außen ahnt man nicht, wie schwer das Land an seinem sowjetischen Erbe trägt. Um seinen Spuren im Alltag zu begegnen, muss man mindestens ins getäfelte Dunkel des Hauses eintauchen, in dem der Schriftstellerverband residiert, und dem seherischen, an russisches Pathos mahnenden Gestus lauschen, mit dem der 1973 geborene Dichter Rimvydas Stankevičius eine Art heidnischer Zaubersprüche in zeitgenössische Lyrik verwandelt hat (Wieser).

Viele andere Relikte sind getilgt oder zum Widerstandssymbol umfunktioniert worden. Eine Gedenkstätte neben dem Parlamentsgebäude am Ende des Gediminas Prospekts erinnert an die blutigen Schießereien, die Litauen 1991 endgültig den Weg in die Unabhängigkeit bahnten. Und das Museum für Völkermord, dessen Keller die alten Folterkammern des KGB beherbergen, erhebt Anspruch auf einen Begriff, der schon fragwürdig ist, weil die sich zum reinen Opfervolk stilisierenden Litauer zu Sowjetzeiten zugleich Teil des Systems waren. Anders als beim Holocaust ging es dabei auch nicht um ethnische Zugehörigkeit. Das Ghetto, das die Nazis 1941 im als Jerusalem des Ostens apostrophierten Vilnius einrichteten, galt fast einem Drittel der damaligen Bevölkerung. Die Aufzeichnungen des 1944 liquidierten Grigorij Schur berichten davon wie die jiddischen Gedichte von Abraham Sutzkever. Nur ein Raum im Museum gilt dieser Zeit. Die Perspektive ist so verrutscht wie in den Jahren, als die Litauer höchstens mit einem Auge hinsehen wollten, wer zur Ermordung im nahen Ponar abtransportiert wurde. Immerhin gibt es ein Jüdisches Museum mit eigener Holocaust-Ausstellung.

Die Buchbranche kämpft

Die Öffentlichkeit, in der sich solche geschichtspolitischen Auseinandersetzungen austragen ließen, hat sich mit dem Einbrechen der Zeitungskultur verlagert. Das einflussreichste Medium für Nachrichten und Meinungen ist delfi.lt, ein von der estnischen Ekspress Grupp im gesamten Baltikum betriebenes Internetportal. Auch die Buchbranche kämpft: mit der audiovisuellen Übermacht, einer demografisch schrumpfenden Leserschaft, mit Urheberrechten und Piraterie. Unter den 500 Verlagen veröffentlichen nur knapp 80 mehr als zehn Titel pro Jahr. Die durchschnittliche Auflage beträgt quer durch die Genres 1300 Exemplare. Mehr ist für das kleine Land nicht drin. Aida Dobkevičiūtė, die Chefin des Verlegerverbands, bedauert, dass Bücher für den Durchschnittsbürger zu teuer sind. Darunter leidet der Buchhandel, der von zwei Buchketten, Vega und Pegasas, beherrscht wird. Und darunter leiden die Verlage, die ohne die öffentlichen, dicht über das Land verteilten Bibliotheken wohl am Ende wären.

Die Schriftsteller lassen sich davon nicht schrecken. Das Geschriebene wächst unaufhaltsam, und mancher nimmt den Faden an einer Stelle auf, wo ein imaginiertes Litauen von keiner Zukunft eingeholt werden kann. Das gilt besonders für die Gedichte des vor 100 Jahren in Tilsit geborenen Johannes Bobrowski. „Anruf“ heißt eines seiner bekanntesten, aus dem Band „Sarmatische Zeit“, und es beginnt: „Wilna, Eiche / du – / meine Birke, / Nowgorod – / einst in Wäldern aufflog / meiner Frühlinge Schrei, meiner Tage / Schritt erscholl überm Fluss.“ Ein Echo dieser Verse durchquert Räume, die weit über die Leipziger Messehallen hinausreichen.

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