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Wider das Sarrazin-Theater

von Olaf Glöckner

Provoziert. Thilo Sarrazin. Foto: dpa

Heinz Klegers neue Publikation inspiriert abermals den Potsdamer Toleranz-Diskurs

Wer intelligent provoziert, vermag beides: Zuspitzen und polarisieren einerseits, inspirieren und integrieren andererseits. Eindeutig letzteres gelingt dem Potsdamer Uni-Professor und Politologen Heinz Kleger nicht zum ersten Mal. Gerade ist sein Buch „Toleranzedikt als Stadtgespräch statt Sarrazin-Theater“ erschienen, ironischerweise im gleichen farblichen Outfit wie das vom umstrittenen Berliner Ex-Senator publizierte „Deutschland schafft sich ab“. Ausgerechnet im Potsdamer Nikolaisaal hatte Sarrazin im September 2010 seine erste öffentliche Buch-Lesung mit Diskussion. Die Lesung stand unter Polizeischutz, nahezu unversöhnlich prallten Haltungen von Elitismus und Egalitarismus aufeinander.

Heinz Kleger, Jahrgang 1952 und seit 1993 ordentlicher Professor für Politische Theorie an der Universität Potsdam, sieht Sarrazin skeptisch, aber nimmt ihn ernst. Die „Sarrazin-Debatte“, so der renommierte Politologe, schüre das Misstrauen der Bürger untereinander und gieße Öl ins Feuer der Islamophobie. Sarrazins Popularität – und das mediale „Theater“ um ihn herum – sind für Kleger nichts anderes als Symptome neuerlicher Vorurteile, Ausgrenzungsprozesse und fehlender Dialoge. Doch sein eigenes Buch versteht er keineswegs als „Anti-Sarrazin“, sondern als „eine praktische Antwort auf der Basis von mehr Toleranz und zivilem Bürgerschaftssinn“. Während es Sarrazin offenbar um die scharfe Analyse von Zuwanderer-Problemen und ihren Auswirkungen auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft geht, wählt Kleger einen umfassenderen Ansatz, in dem sich die Herausforderungen heutiger Großstädte allgemein spiegeln. „Durch Globalisierung und Zuwanderung rücken wir auf engstem Raum dichter zusammen“, erklärt Professor Kleger. „Es kommt zu einer viel größeren Verschiedenheit, was Kulturen, Religionen und soziale Konstellationen betrifft. Und hier gewinnt das Thema Toleranz wieder eine ganz neue Bedeutung.“

Zum Toleranzbegriff forscht Heinz Kleger schon seit Jahren intensiv. 2006 erschien seine Studie „Toleranz und ‚Tolerantes Brandenburg’ “. 2008 war er maßgeblich beteiligt am „Neuen Potsdamer Toleranzedikt – Für eine offene und tolerante Stadt der Bürgerschaft“. Auch die neue Publikation nimmt viel Bezug auf das Potsdamer Kommunalleben, wenn auch nicht ausschließlich. Der Autor beschreibt unverzichtbare zivile Kräfte der Integration, verweist auf Bedeutung und Inhalt eines modernen Toleranzbegriffes, der nichts gemein hat mit naiver, unreflektierter Duldsamkeit. Kleger stellt den Zehn-Punkte-Aktionsplan der „Europäischen Städte-Koalition gegen Rassismus“ vor, erwähnt Konfliktfelder und Zwischenfälle wie den Streit um den Umzug des Potsdamer Asylbewerberheimes im Stadtteil am Schlaatz (2009) und die mehrfachen Anschläge auf den Potsdamer Integrationsgarten, und er erläutert die Thesen des Neuen Potsdamer Toleranzediktes. Das von Abwanderung gebeutelte und schleichend alternde Brandenburg brauche Zuwanderung und müsse sich insgesamt mehr öffnen, heißt es dort sinngemäß. An theoretischen Erwägungen hält sich der Autor aber nicht zu lange auf. In ganz praktischer Weise schlägt er die Optimierung von Bürgerhaushalten, die Einrichtung von Regionalfonds, stärkere lokale Ökonomiekreisläufe und die gezielte Förderung sozio-kultureller Netzwerke vor, nicht zuletzt auch in ländlichen Gebieten Brandenburgs.

„Die Landeshauptstadt Potsdam wirkt auf mich wie ein großes Labor der Toleranzforschung“, sagt Kleger. „Mit all seinen Chancen, Erfolgen und auch seinen historischen Abgründen.“ Das Toleranzedikt von 1685, mit dem Kurfürst Friedrich Wilhelm Frankreichs Hugenotten Ansiedlung und weitgehende Autonomie gewährte, sei ein historischer Lichtmoment gewesen. „Der Tag von Potsdam 1933 verkörperte genau das Gegenteil. Heute haben wir eine starke Zivilgesellschaft in der Stadt, und trotzdem sollten wir Rechtsextreme und Rechtspopulisten nicht unterschätzen.“

Heinz Kleger, der gebürtige Zürcher und bekennende Europäer, weiß nur zu gut, wovon er spricht. In seiner Heimat, der Schweiz, scheinen plebiszitäre Entscheidungsstrukturen zunehmend benutzt zu werden, um bestehende Minderheitenrechte fröhlich auszuhebeln – so etwa bei den jüngsten Entscheiden für das Minarettverbot und für ein verschärftes Ausländer-Strafrecht. Vertragen sich Demokratie und Toleranz am Ende doch nicht mehr? „Ich bin tatsächlich für die Ausweitung der Demokratie“, bekennt der Professor. „Aber gleichzeitig brauchen wir Diskussion und Konsens darüber, welche Grund- und Menschenrechte in keinem Fall zur Disposition stehen dürfen.“ Ein bisschen nachdenklich fügt er schließlich hinzu: „Das Problem ist wohl weniger Zuwanderung und Integration, sondern eine gelingende Zivilisierung der Mehrheit.“

Heinz Kleger, „Toleranzedikt als Stadtgespräch statt Sarrazin-Theater“, Potsdam 2011, ISBN 9783842326231

1 Kommentar

  • von Ergo28.04.2011 18:02
    Das glaube ich Kleger nicht, dass er Sarrazin ernst nimmt. Dass der eine Macke hat, weiß doch jeder...

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  • von Ergo28.04.2011 18:02
    Das glaube ich Kleger nicht, dass er Sarrazin ernst nimmt. Dass der eine Macke hat, weiß doch jeder...

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