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  • 23.01.2008
  • von Von Bodo Baumert

„Toleranz muss immer wieder geübt werden“ Der Politikwissenschaftler Heinz Kleger hat ein zweites Potsdamer Toleranzedikt formuliert

von Von Bodo Baumert

Potsdam, Herbst 1685 – der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm unterzeichnet das Edikt von Potsdam. Die Geburtsstunde der preußischen Toleranz gewährt Zuwanderern aus aller Welt Schutz, Privilegien und Religionsfreiheit. Potsdam erlebt eine Einwanderungswelle, die der Stadt zur Blüte verhilft.

Potsdam, Herbst 2008 – die Stadtverordneten unterzeichnen das zweite Potsdamer Toleranzedikt. Wieder soll die Stadt ihr weltoffenes Gesicht zeigen. Wieder soll sie Fremde mit offenen Armen empfangen. Wieder soll sie Vorbild für den Rest der Welt sein. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.

Zwei Teile soll das neue Potsdamer Edikt haben. Der eine sind Selbstverpflichtungen der Potsdamer, der Unternehmen, Verwaltung und Vereine. Die sollen im Laufe des Jahres in breiten Diskussionen entstehen. Der zweite Teil ist schon fertig. Es ist eine Broschüre, die als Basis der Diskussion dienen soll. Es ist ein Aufsatz mit eigenen Thesen, geschrieben vom Schweizer Politikwissenschaftler Heinz Kleger. Morgen soll der Text öffentlich vorgestellt werden.

Kleger lebt und lehrt seit 14 Jahren in Potsdam und hat nun zusammengetragen, was vom Geist des ersten Edikts von Potsdam noch greifbar ist, was neu entdeckt und neu erdacht werden muss. „Man kann Toleranz heute nicht mehr von oben durch den Großen Kurfürsten verordnen. Das muss breit diskutiert werden“, sagt Kleger. „Für eine offene und tolerante Stadt der Bürgerschaft“ hat er seine Denkanstöße überschrieben. „Diese Bürgerschaft ist mehr als ein selbstverstandenes neues Bürgertum. Sie umfasst alle, die sich mit der Stadt identifizieren“, so Kleger. Auch Jugendliche, Kinder und Ausländer sollen zu Wort kommen. Geplant sind deshalb Diskussionen in Schulen, ein Internetforum, Plakate und Postkarten, die zum mitmachen einladen. „Das Edikt soll mehr sein als ein Show-Event“, setzt Kleger hinzu.

Was als Teil der Bewerbung zur „Stadt der Wissenschaft“ geplant war, sollte trotz des Scheiterns 2007 umgesetzt werden. Der Stiftungsrat versprach Fördergelder. Kleger erklärte sich schließlich im Sommer bereit, im Auftrag der Stadt den Grundtext des Edikts zu schreiben. Doch der ursprüngliche Zeitplan ließ sich nicht mehr einhalten. Nun soll 2008 das Jahr des 2. Potsdamer Toleranzedikts werden. Kleger: „Ich habe lange an dem Text gefeilt. Darin steckt eine praktische Philosophie für die Stadt.“ Der Politikwissenschaftler, der unter anderem an den Projekten „Tolerantes Brandenburg“ und dem Potsdamer Bürgerhaushalt mitgewirkt hat, hofft, dass nun alle Potsdamer zum neuen Edikt beitragen werden. Kleger: „Das muss in alle Stadtteile hineingetragen werden.“

Doch worüber sollen die Potsdamer eigentlich diskutieren? Was soll ein Toleranzedikt? „Toleranz ist ein harter Wirtschaftsfaktor geworden“, zählt Kleger einen der Gründe auf. Unternehmen schauen bei ihren Standort-Entscheidungen, wo ihre Mitarbeiter mit ihren Familien gut leben können. Potsdam hat viel zu bieten: Kultur und Natur. Aber eben auch den Ruf, der nach den Schlägen gegen den Äthiopier Ermyas M. im Vorfeld der WM 2006 haften geblieben ist. Angesichts eines wachsenden Fachkräftemangels und globalen Wettbewerbs muss sich die Stadt überlegen, wie sie Zuwanderer zukünftig aufnehmen will. „Viele ausländische Studenten ziehen nach Berlin, weil sie sich dort sicherer fühlen“, hat Kleger in Gesprächen festgestellt. Nur ein Beispiel von vielen. Auch hätten Zugezogene und Ur-Potsdamer keine gemeinsame Basis. Es fehle Neugier aufeinander. Stattdessen würden Vorurteile und Ressentiments zwischen Schlaatz und Berliner Vorstadt herrschen.

Das Toleranzedikt bietet Raum für neue Ideen, neue Herangehensweisen. Vor der Formulierung des ersten Potsdamer Edikts wurden beispielsweise Landsleute Klegers aus der Schweiz nach Preußen geholt. Sie wurden in Nattwerder bei Potsdam angesiedelt, erhielten Privilegien wie Land, Erbrecht oder die Bezahlung ihres Priesters. Die Erfahrungen dieses Experiments flossen in den Text des Großen Kurfürsten ein. Was lehrt uns das heute? „Wollte man das übertragen, müsste die Stadt eine Moschee aus eigener Tasche bauen“, setzt Kleger den Gedanken weiter fort. Vielleicht helfe auch fremdsprachiger Unterricht in Schulen.

Kleger zeigt nur Möglichkeiten auf. „Was nachher bei den Diskussionen herauskommt, müssen die Potsdamer entscheiden.“ Es brauche keine tausend Selbstverpflichtungen. „Wichtig ist, dass Substanzielles zustande kommt, das dann auch umgesetzt wird“, sagt Kleger. Die Chance, die sich den Potsdamern in den kommenden Monaten bietet, sei einzigartig. Kleger jedenfalls ist bei der Sache: „Ich habe keine Angst um die Zukunft Potsdams – wenn es gelingt, den Toleranzgedanken stark zu verankern.“

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