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  • 13.06.2018
  • von Susan Neiman

Potsdamer Denkfabrik: Ein Zeichen für weltoffenes Denken

von Susan Neiman

Was gerecht ist. Susan Neiman leitet das Einstein Forum seit 18 Jahren – und hat dafür eine Form entwickelt, die sie im weitesten Sinn als philosophisch bezeichnet. Foto: A. Klaer

Das Einstein Forum wurde 1993 gegründet, um die weltweit besten Köpfe nach Potsdam zu holen. Die Direktorin Susan Neiman hat exklusiv für die PNN aufgeschrieben, wofür die Potsdamer Denkfabrik steht.

Potsdam - Was hat das Einstein Forum mit Albert Einstein zu tun? Schließlich ist es kein naturwissenschaftliches Institut, auch wenn wir oft Fragen aus den Naturwissenschaften thematisieren. Doch Einstein war weitaus mehr, als der größte Physiker seines Jahrhunderts. Einmal meinte er, er sei nicht sonderlich begabt, nur leidenschaftlich neugierig. Die erste Aussage mag man bezweifeln, von der zweiten kann man sich dagegen leicht überzeugen. Albert Einstein verbrachte die schönsten Jahre seines Lebens in Brandenburg, aber nicht, weil er sich von der Welt abkoppeln wollte. Im Gegenteil: die Welt kam zu ihm – wenigstens so viel davon, wie er haben wollte.

In seinem Haus in Caputh empfing Albert Einstein so unterschiedliche Menschen wie Max Planck, Nils Bohr, Rabindrath Tagore, Anna Seghers, Heinrich Mann, Käthe Kollwitz, Chaim Weizmann, und viele andere, um mit ihnen über Gott und die Welt zu plaudern. Nicht im strengen wissenschaftlichen Diskurs der Akademien oder im Elfenbeinturm, sondern mit der Heiterkeit, Tiefe und Intensität, die nur diese Art von Ruhe erlaubt. Viele der Gespräche hatten politische Hintergründe, denn Einstein war zutiefst engagiert in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen seiner Zeit.

Seit 1993 eifert das Einstein Forum ihm nach. Wir holen die besten Köpfe aus aller Welt nach Brandenburg und laden das Publikum ein, beim Denken nicht nur zuzuschauen, sondern mitzumischen. Bei der Gründung des Einstein Forums standen – wenn auch selten ausgesprochen – zwei politische Fragen im Raum. Würde die Wiedervereinigung nationalistische Gespenster zum Leben erwecken oder gab es auch hier in Brandenburg kosmopolitische Wurzeln, auf denen man aufbauen könnte? Würden die neuen Bundesländer kulturelle Kolonien der alten werden oder eigene Impulse für eine neue kulturelle Identität Deutschlands geben?

Heute stehen wir vor anderen Fragen. Auch, wenn wir noch immer mit Rechtsnationalismus zu kämpfen haben, sind die Ursachen andere. Dass man das damals ziemlich heruntergekommene Haus Albert Einsteins aber zum Anlass nahm, ein sehr ungewöhnliches Institut zu gründen, damit hat das Land Brandenburg ein Zeichen gesetzt, dass weltoffenes Denken in Potsdam zuhause ist. Nur mit solchem Denken kann man einen Beitrag dazu leisten, demokratische Lösungen im öffentlichen Raum zu entwickeln.

Denn die kulturpolitischen Fragen, die damals die Gemüter bewegten, waren bei Weitem nicht alles. Das Einstein Forum wurde gegründet in dem Wissen, dass die besten Gedanken oft außerhalb traditioneller Institutionen entstehen. Man weiß es und will es dennoch nicht dem Zufall überlassen, ob unkonventionelles Denken gefördert wird – noch will man solch ein Denken jenen Eliten vorbehalten, die das Glück haben, den Weg in die großen Salons des 18. Jahrhunderts oder die ruhigen Wissenschaftskollegs von heute zu finden. Also gründet man eine Institution, die alle Vorteile der Nicht-Institutionalisierung haben soll. Dieses Paradox hat sich das Land Brandenburg geleistet.

Daraus hat sich eine Form entwickelt, die ich im weitesten Sinn philosophisch nennen möchte. Was ist gerecht? Was ist solidarisch? Was ist schön? Wie sollen wir Böses verstehen? Was ist Glück und was hat es mit Kontingenz zu tun? Wie viel Emotion, wie viel Vernunft steckt in unseren Handlungen? Welche Denk- und Ausdrucksformen ändern sich mit der Zeit? Welche bleiben? Diese und ähnliche Fragen, die jeden und jede angehen, diskutieren wir nicht fachphilosophisch, sondern mit Vertretern aller möglichen Wissenschaften, wie auch mit Vertretern der Künste und der Politik. Der Philosoph John Rawls meinte, die Vernunft müsse öffentlich sein. Mehr noch: Erst im Dialog mit Anderen könne der öffentliche Gebrauch der Vernunft eine gerechtere Gesellschaft erschaffen. Heute ist die anfängliche Euphorie über die neuen Medien verflogen und selbst deren Erfinder mahnen ihre Kinder, sich mit dem Wirklichen statt dem Virtuellen zu beschäftigen. Der öffentliche Vernunftgebrauch benötigt den realen Raum und viel Zeit – und das wird in 25 Jahren nicht anders sein, als zu den Zeiten, als Einstein seine Gäste in Caputh empfing.

Die Autorin ist Direktorin des Einstein Forums

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