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  • 06.06.2018
  • von Jan Kixmüller

Potsdamer Klimaforscher von Regierung berufen: Schellnhuber in Kohlekommission

von Jan Kixmüller

Gründungsdirektor. PIK-Direktor Hans Joachim Schellnhuber benennt die zivilisationsbedrohenden Risiken des Klimawandels oft mit sehr direkten Worten. Foto: Mike Wolff

Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) Hans Joachim Schellnhuber wird Mitglied der neuen Kohlekommission der deutschen Bundesregierung.

Potsdam - Der Potsdamer Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber hat nach seiner Berufung in die Kohlekommission Eile beim Kolhleausstieg angemahnt. „Als Naturwissenschaftler in der Kommission werde ich insbesondere geltend machen, dass ein zögernder Kohleausstieg durch die Gesetze der Physik bestraft werden würde“, sagte der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) am Mittwoch. Die Dringlichkeit des Klimaschutzes werde tagtäglich durch die zunehmenden Wetterextreme unterstrichen. Die Kohle-Kommission hat vier Vorsitzende und 24 Mitglieder mit Stimmrecht. Sie soll den Kohleausstieg planen und sich nach dem Willen der Bundesregierung gleichwertig um Klimaschutz und die Schaffung neuer Arbeitsplätze in den betroffenen Kohleregionen kümmern.

Schicksalhafte Weichenstellung

Schellnhuber bezeichnete es als ungewöhnlich, dass eine „so schicksalhafte Weichenstellung in einer modernen Industriegesellschaft nicht durch Regierungserlass, sondern durch Diskurs und vernünftigen Kompromiss“ vorgenommen werden soll. „Wenn dieses Vorhaben gelingt, wird ein großer Gewinner die politische Kultur in Deutschland sein“, sagte der Physiker, der auch Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung (WBGU) und Vorsitzender des High Level Panel on Decarbonisation Pathways der Europäischen Kommission ist.

Sehenden Auges in die Klimakatastrophe

Der PIK-Chef Schellnhuber sagte erst unlängst, dass die Menschheit heute sehenden Auges der Klimakatastrophe entgegen gehe. „Als die Pest 1347 über Europa kam, wusste man nicht, woher das Unheil stammte, und es gab kein Heilmittel. Die Menschen waren völlig ratlos und verzweifelt“, sagte er in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ vom 15. Mai. „Heute wissen wir dagegen genau, was Sache ist. Trotzdem keine Reaktion zu zeigen, ist schändlich. Und sehr dumm.“
Der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dessen Leitung er im September nach 25 Jahren abgibt, vergleicht in dem Interview die aktuelle Situation mit einem leckgeschlagenen Schiff auf hoher See. Natürlich gebe es dort auch neben dieser Havarie Probleme: „Das Essen in der dritten Klasse ist miserabel, die Matrosen werden ausgebeutet, die Musikkapelle spielt deutsche Schlager, aber wenn das Schiff untergeht, ist all das irrelevant.“ Wenn die Welt heute den Klimawandel nicht in den Griff bekomme, so der Forscher weiter, „wenn wir das Schiff nicht über Wasser halten können, brauchen wir über Einkommensverteilung, Rassismus und guten Geschmack nicht mehr nachzudenken“.

Jeder Einzelne in der Pflicht

Lange habe er gedacht, es sei unpolitisch, den Einzelnen in die Pflicht zu nehmen, ergänzte PIK-Gründungsdirektor Schellnhuber: „Aber jeder sollte verdammt noch mal tatsächlich etwas beitragen. Wir haben uns alle viel zu lange aus der Verantwortung gestohlen.“ Natürlich müsse Deutschland alle Kohlekraftwerke schließen und auf 100 Prozent erneuerbare Energien gehen, „aber Sie und ich können von heute auf morgen beschließen, kein Fleisch mehr zu essen und keine Langstreckenflüge mehr zu machen“.

Kohlekommission für sozialverträglichen Ausstieg

Mit der Einsetzung der Kohlekommission will die Bundesregierung den sozialverträglichen Ausstieg aus der Kohleverstromung gestalten. Im zweiten Anlauf beschloss das Bundeskabinett am Mittwoch das Mandat für das Gremium „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“. Die Kommission habe einen „doppelten Auftrag“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Berlin: Es gehe um den Klimaschutz, aber „sehr prominent“ auch um Arbeitsplätze. Geleitet wird die Kommission von vier Vorsitzenden: Bahn-Vorstand Ronald Pofalla, den früheren Ministerpräsidenten von Brandenburg und Sachsen, Matthias Platzeck (SPD) und Stanislaw Tillich (CDU), sowie der Volkswirtin Barbara Praetorius. Dem Gremium gehören außerdem 24 weitere stimmberechtigte Mitglieder an – darunter Vertreter von Gewerkschaften, Arbeitgeber- und Industrieverbänden, Wissenschaftler, Betroffene und Umweltschützer - sowie ohne Stimmrecht die Bundestagsabgeordneten Matthias Miersch (SPD), Andreas Lenz (CSU) und Andreas Lämmel (CDU). (mit KNA, AFP)

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