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  • 30.05.2018
  • von Richard Rabensaat

Einstein Forum in Potsdam: Durchaus beispielhaft

von Richard Rabensaat

Debatte zum Umgang mit der problematischen deutschen Vergangenheit im Potsdamer Einstein Forum.

Aus dem Umgang mit der Vergangenheit kann ein Teil einer neuen nationalen Identität erwachsen, sagt Susan Neiman. Das zeige das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, so die Direktorin des Potsdamer Einstein Forums. Damit werde mitten im Herzen der Hauptstadt ein weithin sichtbares, kontinuierliches Zeichen für die Verbrechen gesetzt, die in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus begangen worden sind. Deutschland demonstriere, dass es diesen Teil seiner Vergangenheit akzeptiere und einen Weg suche, damit umzugehen und faschistische und nationalistische Strömungen gegenwärtig und künftig zu unterbinden. Neiman findet das durchaus beispielhaft für einen möglichen Umgang mit einer problematischen Vergangenheit.

Die Schwierigkeiten und Widersprüche, die sich auftun, wenn verschiedene Nationen sich auf unterschiedliche Arten an fragwürdige Teile ihrer Vergangenheit erinnern, hat Mischa Gabowitsch, Mitarbeiter am Einstein Forum, untersucht. Kanada, Serbien, Kroatien, Ruanda sind nur einige Länder, in denen Massaker stattgefunden haben, die in der Geschichte der Nation noch heute eine Rolle spielen.

Ob hierbei Deutschland und sein Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit hilfreich sein kann, untersucht Gabowitsch in einem soeben erschienen Buch zusammen mit anderen Autoren. „Das eine deutsche Modell der Vergangenheitsbewältigung im Singular gibt es nicht“, sagt Gabowitsch. Es gebe markante Punkte der deutschen Vergangenheitsbewältigung, die auch heute noch das Bild der Deutschen im Ausland prägen würden: der Kniefall von Willy Brandt im Dezember 1970 vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der am 8. Mai 1985 im Deutschen Bundestag den Tag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges als Tag der Befreiung der Deutschen vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft kennzeichnet. Die Art und Weise wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgehe, sei durch vielfältige unterschiedliche Maßnahmen gekennzeichnet, so der Wissenschaftler. Gabowitsch, der häufig in Russland arbeitet, hat festgestellt, dass zwar oft von deutscher Vergangenheitsbewältigung gesprochen werde, aber meist unklar sei, was damit eigentlich gemeint ist. Aber auch Gabowitsch schreibt: „Der bemerkenswerte Erfolg der deutschen Sühnekultur in der Vergangenheit ist ein wichtiger Teil der deutschen Marke. Und wie bei jeder erfolgreichen Marke haben verschiedene Elemente davon einen ikonografischen Status gewonnen, der sich vom eigentlichen Kontext gelöst hat.“ Einige kritische Betrachter Deutschlands hätten die „Deutsche Vergangenheitsbewältigung“ geradezu als eine deutsche Industrienorm und einen der erfolgreichsten Deutschen Exportartikel beschrieben. Der weltweite ökonomische Erfolg Deutschlands habe hierbei allerdings auch eine entscheidende Rolle gespielt.

Bei genauerer Betrachtung ergebe sich jedoch, dass auch andere Staaten beispielhaft mit Teilen ihrer Vergangenheit umgegangen seien: forensische Untersuchungsmethoden, die in Argentinien entwickelt worden sind, um die Verbrechen der Militärjunta in den 1980er Jahren zu untersuchen, sind auch in anderen Staaten angewandt worden. Mehr als 30 000 Personen ermordeten die Militärs und ließen sie spurlos verschwinden. Wahrheitskommissionen in Lateinamerika und Südafrika nennt Gabowitsch ebenso als beispielhaft. Aber so der Wissenschaftler: „Nichts lässt sich eins zu eins von Deutschlands Vergangenheitsbewältigung übertragen“. Ein Beispiel für die Aneignung einer deutschen Geste der Vergangenheitsbewältigung hat er in Russland beobachtet. Wo in Berlin mit Stolpersteinen der Verschleppung deutscher Juden gedacht wird, gibt es in Russland an Mauerwänden Gedenkplatten, die auf die Verschleppung von Personen während des Stalinismus hinweisen.

Es gebe allerdings auch Beispiele für Länder, in denen gerade der Blick auf die deutsche Erinnerungskultur die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit verstelle, so Gabowitsch. Etwa beim Gedenken an den ruandischen Völkermord zwischen den Hutu und den Tutsi: So werde im Kigali Momorial Centre zwar ausführlich auf den deutschen Holocaust Bezug genommen. Die massiv präsenten Memorabilien der lokalen Massaker aber werden praktisch nicht offiziell wahrgenommen. Am 21. April 1994 wurden in Murambi/Ruanda mehr als 45 000 Menschen ermordet und in Massengräbern verscharrt.Im nationalen ruandischen Gedenken sei der Holocaust in Deutschland und die Morde im Konzentrationslager Auschwitz erheblich präsenter, so die sich damit befasst hat. Hier werde der Holocaust zu einer rhetorischen Figur für deutsche Gedenkkultur. Die lenke allerdings nur davon ab, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, so Wosinska.

Dass auch in Deutschland nicht alle Vergangenheitsbewältigung beispielhaft lief, betont Neiman: in der deutschen Justiz und Industrie sei der nationalsozialistische Personalbestand nahezu nahtlos übernommen worden. Viele Verbrechen seien erst juristisch aufgearbeitet worden, nachdem ein Großteil der Täter bereits verstorben war. Richard Rabensaat

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