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  • 30.05.2018
  • von René Garzke

Dolchstoßlegende: „Es war der Versuch, Verantwortung abzuladen“

von René Garzke

Foto: David Ebener/dpa

Der Militärhistoriker Gerhard Groß spricht im PNN-Interview über die Dolchstoßlegende, ihren Wahrheitsgehalt und das Ende des Ersten Weltkriegs.

Herr Groß, gehört die Dolchstoßlegende, die den „Linken“ die Schuld an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren gab, in die Kategorie Verschwörungstheorie?

Die Frage, ob sie eine Verschwörungstheorie ist, wird ja zurzeit diskutiert. Letztlich beschreibt die Dolchstoßlegende den Versuch der deutschen Militärführung, die eigenen Fehler zu kaschieren, indem der Bevölkerung eine Erklärung für die Niederlage angeboten wurde. Bis Ende Oktober 1918 waren ja die Deutschen und auch die Politiker davon überzeugt, der Krieg werde in Kürze gewonnen. Und auf einmal wird holterdiepolter erklärt: Wir brauchen einen Waffenstillstand und zwar sofort! Dafür benötigte die Oberste Heeresleitung (OHL) eine Erklärung. Da bot es sich an, gegenüber dem Volk, die eigene Schuld auf andere zu schieben. Dies ist dann keine Verschwörungstheorie im eigentlichen Sinne. Sondern dies war der Versuch, Verantwortung auf jemand anderem abzuladen. Und das Opfer war die politische Linke: von der SPD bis zum Spartakusbund.

Welche militärischen Fehler sollten vertuscht werden?

Das Problem ist, dass das Kaiserreich mit der Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges 1917 den Krieg bereits verloren hat. Zum Zeitpunkt des Kriegseintritts der USA war die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in der Lage war, diesen Abnutzungskrieg zu gewinnen, sehr, sehr gering. Als Russland Ende 1917 geschlagen ist und dort zudem Revolution herrschte, glaubten Hindenburg und Ludendorff, einen Siegfrieden durch einen militärischen Schlag im Westen erreichen zu können. Sie setzten alles auf eine Karte. Dabei hatte die OHL aber ein Zeitproblem: Dieser Sieg musste erzielt werden, bevor die Amerikaner in größerer Truppenstärke in den Krieg an der Westfront eingreifen konnten. Denn das Versprechen der Marine mit dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg – Großbritannien friedenswillig zu machen und ein eventuelles Anlanden der amerikanischen Truppen in Europa zu verhindern – konnte nicht eingehalten werden. Und jetzt kamen die Amerikaner, 200 000 Mann pro Monat. Zwar noch nicht ausgebildet, aber bald ausgebildet. Um dieses Szenario zu unterlaufen, setzte die OHL alles auf eine Karte: Die Michael-Offensive begann am 21. März 1918. Danach folgten mehrere Offensiven, die zwar Erfolge, aber keinen Sieg brachten. Am 8. August 1918 begann dann die große Gegenoffensive der Alliierten.

… der sogenannte „Schwarze Tag des Deutschen Heeres“ …

Dabei brach die deutsche Front in einem Teilabschnitt quasi zusammen. Ab diesem Zeitpunkt erkannten einige jüngere Offiziere in der OHL, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. General Erich Ludendorff wurde dann von diesen Jüngeren um Mertz von Quirnheim so unter Druck gesetzt, dass er der Politik erstmals den Ernst der Lage eröffnete. Die Politiker hatten dies zum damaligen Zeitpunkt nicht geahnt und nicht gewusst.

Wie ernst war die Lage denn?

Die Personallage im Heer war sehr schlecht. Die Verluste der Offensive 1918 beliefen sich auf ungefähr eine Million Tote, Verletzte und Gefangengenommene. Davon konnte sich das Heer nicht mehr erholen. Zumal im Vorgriff auf die Offensive die jüngeren Jahrgänge schon eingezogen worden waren, es also keine Nachrücker mehr gab. Zudem machte sich der Ressourcenkrieg immer stärker bemerkbar. Materiell wurde der Truppe an der Westfront eine Menge neues Gerät zugeführt: So liefen mehr Maschinengewehre zu, als man vorher hatte. Der Personalmangel konnte damit kurzfristig ausgeglichen, die Feuerkraft im Schützengraben ungefähr gehalten werden.

Hätte das die Niederlage auf Dauer verhindern können?

Nein, der Krieg war zu diesem Zeitpunkt definitiv verloren. Die Truppe hätte noch weiter zurückgehen können – ein halbes oder Dreivierteljahr hätte das vielleicht noch funktioniert. Aber auf Dauer war der Krieg nicht zu gewinnen. Zumal immer wieder vergessen wird: Es brach ja auch die Front im Balkan, die Salonikifront, zusammen. In dem Moment, als Bulgarien und Österreich aus dem Krieg ausschieden, hätten die Alliierten per Bahntransport Truppen von der Balkanfront an die bayerische Grenze verlegen können. Das wird in der Wissenschaft, mit dem eingeschränkten Blick auf die Westfront, eigentlich nie diskutiert. Aber es wäre wahrscheinlich nur eine Sache von zwei oder drei Wochen gewesen, bis die Balkanfront direkt vor der deutschen Haustür gewesen wäre. Wer hätte diese Verbände an der deutschen Reichsgrenze aufhalten sollen?

Wie war es zum Ende des Krieges um die Moral der deutschen Soldaten bestellt?

Unter den Soldaten herrschte Unruhe. Sie merkten nach dem Scheitern der Offensive, dass der Krieg verloren war. Schon zu Beginn des Angriffs war es aufgrund des Verpflegungsmangels zu Plünderungen und Alkoholexzessen gekommen. Die Disziplin der Truppen war schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr überall die beste. Als während der letzten deutschen Offensive vom 27. Mai bis 6. Juni 1918 die Deutschen auf amerikanische Marines trafen, wirkte dies wie ein Schock. Einem halb verhungerten, nicht mehr so gut ausgerüsteten deutschen jungen Mann standen auf einmal, nicht die in einem ähnlich schlechten Zustand befindlichen Franzosen, sondern gut genährte und ausgerüstete amerikanische Marines gegenüber. Das sprach sich herum in der Truppe. Aber: Die Front hielt, sie ging ausweichend zurück. Das Ausweichen und Zurückgehen, die Verzögerung, ist die schwierigste Gefechtsart. Und hier verzögerten gleich zwei Heeresgruppen, ohne dass die Front durchbrochen wurde.

Die Truppe ist also nicht gerade auseinandergefallen …

Nein, aber es begann eine Form der Selbstdemobilisierung: Immer mehr Soldaten kamen nicht mehr aus dem Urlaub zurück, andere ließen sich eher gefangen nehmen. Zu diesem Zeitpunkt erwarteten die Soldaten eine Reaktion von ihrer militärischen Führung und der Politik. Sie wollten Frieden. Sie wollten nach Hause. Diese Stimmung schwappte auch langsam in die friedenswillige Bevölkerung. Und dies bildete eine Mischung, die zur Friedenswilligkeit führte. Aber es ist nicht so, dass diese Truppe einen Sieg hätte erkämpfen können, wenn die „Linke“ ihr nicht einen Dolch in den Rücken gestoßen hätte.

In die Welt gesetzt wurde die Dolchstoßlegende von deutschnationalen bis rechtsextremen Gruppen. Warum wollten sie ausgerechnet die „Linken“ verächtlich machen?

Weil diese rechten Kreise eng mit der Obersten Heeresleitung und deren Denken verbandelt waren. Man brauchte einen Schuldigen und der bot sich mit den „Linken“ an, die im Krieg häufiger einen Frieden gefordert und Streiks organisiert hatten und in ihren Augen Verräter waren.

Wie konnte die Legende in der Bevölkerung verfangen?

Die Bevölkerung litt wegen der Seeblockade zum damaligen Zeitpunkt unter großem Hunger. Man hatte die Deutschen im Frühjahr 1918 noch ein letztes Mal mit der Siegesaussicht motivieren können. Als diese völlig überraschend wegfiel, herrschte eine Mischung aus Unglauben und Misstrauen. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, dachten viele. Waren die Soldaten doch „im Felde unbesiegt“. Man suchte nach Erklärungen. Was lag da für viele näher als ein Verrat! Dies funktionierte, weil die Bevölkerung letztlich keine Vorstellung davon hatte, wie und wo der Krieg stattfand – da er ja nicht in Deutschland geführt wurde. Für damalige Verhältnisse war er weit weg. Es gab kein Internet, kein Fernsehen, es gab nur die Post und die Eisenbahn. Nachdem dann Russland besiegt war und die militärische Führung erklärte: „Jetzt können wir gewinnen“ – wer sollte das zur damaligen Zeit nicht glauben?

Hat die Dolchstoßlegende anschließend den Aufstieg des Nationalsozialismus begünstigt?

Sie hat auf jeden Fall eine Stimmung erzeugt, die die Weimarer Republik destabilisiert hat. Sie verlor aber natürlich im Laufe der Zeit auch an Bedeutung, als zum Beispiel die Folgen der Weltwirtschaftskrise alles andere überlagerten.

Lebte die Dolchstoßlegende während der NS-Zeit weiter?

In Teilen, aber nicht sehr stark. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 flammte sie bei einigen Offizieren jedoch wieder neu auf. Wir finden in den Akten immer wieder den Satz auf: „Nie wieder 1918 (...) Diesmal kämpfen wir es durch.“ Man darf nicht vergessen: Der Generalmajor des Jahres 1945 ist der Leutnant des Jahres 1918. Der Erste Weltkrieg war dessen Erfahrungsraum. Seine militärische Sozialisation erfolgte in diesen Jahren. Ich bin davon überzeugt, dass vor diesem Hintergrund 1945 viele Soldaten bis zum bitteren Ende kämpften.

Wann erfolgte diesbezüglich ein gesamtgesellschaftliches Umdenken?

Das ist das Ergebnis der Nachkriegszeit. Die Wirkung der Dolchstoßlegende war den Alliierten nach 1945 sehr bewusst. Sie wollten unter allen Umständen eine erneute Dolchstoßlegende in der Bundesrepublik verhindern. Daher haben sie zum Beispiel mit den Nürnberger Prozessen sehr deutlich gemacht, wer die wahren Schuldigen waren. Vor dem Hintergrund der totalen Niederlage und der Schoah war dann auch kein Raum mehr für eine Dolchstoßlegende. Neuerdings wird diskutiert, ob in einer Legende nicht immer auch ein Körnchen Wahrheit liegt. Und da habe ich schon meine Bauchschmerzen, ob dieses Körnchen Wahrheit so groß ist, dass es sich lohnt, darüber anhaltend zu diskutieren.

Glauben Sie, die deutsche Gesellschaft ist heute stark genug, nicht wieder einer ähnlichen Verschwörungstheorie anheimzufallen?

Ja, ich glaube, dafür ist die deutsche Gesellschaft zurzeit gerüstet genug. Ich bin allerdings Historiker und kein Futurologe. Hier liegt ein bleibender Auftrag für alle Demokraten vor.

Das Gespräch führte René Garzke

Zur Person:

Gerhard Groß hat in der vergangenen Woche sein Buch „Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Dolchstoßlegende“ am Potsdamer Bundeswehr-Institut für Militärgeschichte (ZSMBw) vorgestellt.

Gerhard Groß (60) ist Leiter des Forschungsbereiches „Militärgeschichte bis 1945“ am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZmsBw) in Potsdam.

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