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  • 16.05.2018
  • von Jan Kixmüller

Frauen und der Holocaust: Historikerin aus Potsdam untersucht Gewalt der Frauen im Faschismus

von Jan Kixmüller

In Reih und Glied. Ihre Aufgabe in der Ustaša-Bewegung nahmen die Frauen wahr, um Respekt und Anerkennung zu erhalten – auch durch Gräueltaten im KZ. Foto: HDA, SDS-RSUP SRH

Eine Potsdamer Historikerin hat erstmals die Rolle der Frau in der faschistischen Ustascha Kroatiens untersucht – und wurde von den Ergebnissen überrascht.

Potsdam. Martina Bitunjac kommt zu einem recht unerwarteten Ergebnis. Die Potsdamer Historikerin hat sich erstmals mit Haltungen und Rollen von Aktivistinnen und Anhängerinnen der kroatischen Ustaschša-Bewegung befasst. Dabei fand sie heraus, dass die Frauen in der faschistischen Separatisten-Bewegung wie auch im Holocaust eine bedeutendere Rolle hatten, als bislang angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt sie in ihrer Untersuchung „Verwicklung. Beteiligung. Unrecht“, in der erstmals die Rolle der Frauen in der Ustašscha betrachtet wird.

Tief in Verbrechen verstrickt

Es habe sie selbst überrascht, wie groß der Einfluss der zahlenmäßig eigentlich unterrepräsentierten Frauen in der Bewegung war, so Bitunjac. „Diese Frauen waren tief in die Gründung, Gestaltung und somit auch Verbrechen des Unabhängigen Staates Kroatien von 1941 bis 1945 verstrickt“, erklärt die wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien (MMZ). Die Ustaschša-Anhängerinnen kämpften zwar nicht, wie etwa die jugoslawischen Partisaninnen, mit der Waffe, doch sie fungierten als Kriegspilotinnen, Spioninnen, Sekretärinnen bei der bürokratischen Abwicklung von Verbrechen und dienten dem Militär als Nachrichtenhelferinnen, Funkerinnen und natürlich Krankenschwestern. Außerdem verbreiteten Frauen in verschiedenen Medien nationalistische, antisemitische und anti-feministische Propaganda. „Letztlich haben Frauen wichtige Rollen in der Bewegung und dann im Unabhängigen Staat Kroatien eingenommen“, so Bitunjac. „Sie haben ihre Handlungsräume voll ausgeschöpft.“

Als ein Beispiel nennt die Historikerin Marija Pavelic, die Ehefrau von Ante Pavelic, von 1941 bis 1945 faschistischer Diktator des Unabhängigen Staates Kroatien. Nachdem sie im italienischen Exil für die Bewegung delikate Missionen übernommen hatte, intensivierte sie nach der Gründung des Staates Kroatien im April 1941 ihre Aktivitäten, traf gemeinsam mit ihrem Ehemann Entscheidungen über die Besetzung von politischen Posten, kümmerte sich um die politisch-kulturelle Ausrichtung des Staates und war die Schutzpatronin einer Kadettenschule, in der Jungen zu künftigen Politikern und Militärs erzogen werden sollten.

Frauen als Täterinnen

Bitunjac hat viel zu Frauen als Täterinnen im Nationalsozialismus gearbeitet. Direkt nach dem Krieg war man zunächst davon ausgegangen, dass Frauen an den NS-Verbrechen kaum beteiligt waren, in Gerichtsprozessen wurden sie meist milde bestraft. „Man hatte Frauen schlichtweg nicht zugetraut, solche Verbrechen zu begehen“, so Bitunjac. Später dann aber ergaben Studien, dass Frauen mit ähnlicher Brutalität wie Männer an den Verbrechen beteiligt waren. Das kann Martina Bitunjac nun anhand ihrer Untersuchung "Verwicklung. Beteiligung. Unrecht", die aktuell bei Duncker & Humblot in der Reihe „Gewaltpolitik und Menschenrechte“ erschienen ist, untermauern.

Der verbrecherische Charakter der Ustašscha orientierte sich eng am deutschen NS-System und Mussolinis Italien. Mit der Gründung des Unabhängigen Staates Kroatien waren Rassengesetze nach NS-Vorbild erlassen und ungefähr 40 Arbeits-, Sammel- und Konzentrationslager errichtet worden. Das größte KZ in Südosteuropa entstand im kroatischen Jasenovac, es galt als ein sehr brutales Lager, auch weil dort mit „kalten“ Waffen, etwa Messern und Hämmern, gemordet wurde. Von fürchterlichen Foltermethoden wird berichtet, Historiker gehen von bis zu 100 000 Opfern aus – darunter Serben, Juden, Roma, politisch Andersdenkende, aber auch Kinder.

Morden als Staatspflicht

Nach Bitunjacs Recherchen haben in Jasenovac rund 30 Frauen als Wächterinnen gearbeitet. Von KZ-Überlebenden am häufigsten genannt wurde dabei Maja Buždon, die das dortige Frauenlager Stara Gradiška/Jasenovac V geleitet hat. Sie ist Zeitzeugen durch ihre besondere Brutalität aufgefallen, weil sie beispielsweise mit männlichen Kollegen darum wetteiferte, wer mehr Menschen umbringen könne. Ohne Zögern habe sie etwa eine Frau erschossen, nur, weil sie unerlaubt Medizin bei sich trug. Einer Mutter habe Buždon den Säugling entrissen, an den Füßen gepackt und ihn gegen die Wand geschleudert. Die Inhaftierten hatten große Angst vor ihr, weil sie nie wussten, ob sie ermordet werden. Buždon und andere Aufseherinnen töteten Häftlingsfrauen ohne Vorwarnung bei der Essensausgabe oder bei der Arbeit. „In Jasenovac wurde willkürlich gemordet – und die Frauen waren in dieser Hinsicht nicht besser als die Männer“, sagt Martina Bitunjac. Buždon soll sich zu besonderen Anlässen ihre Opfer gezielt ausgesucht haben: „So tötete sie Weihnachten 1942 die sieben ,schönsten und jüngsten’ Mädchen“. Die als „Drachenfrau“ bezeichnete Wächterin genoss wegen ihrer Brutalität bei ihren Kollegen hohes Ansehen: „Um Respekt und Anerkennung zu erlangen, beschimpfte, folterte und tötete sie“, so die Autorin. Dadurch habe sie in den Augen der anderen ihre Treue zur Bewegung bewiesen.

Mit der mittlerweile verstorbenen KZ-Aufseherin Nada SŠakic, der Schwester des KZ-Chefs Vjekoslav Luburic und der Ehefrau des KZ-Kommandanten Dinko SŠakic, konnte die Autorin noch sprechen. Sie begann schon als Minderjährige, Insassinnen in dem berüchtigten Lager zu quälen. Morde im KZ begründete sie allgemein mit dem Kriegszustand, sich selbst stellte sie allerdings als schuldlose Befehlsempfängerin dar. Bitunjacs Befund lautet hingegen, dass die Morde der Wächterinnen aus eigenem Antrieb stattfanden: „Sie hätten nicht töten müssen.“ Hemmschwellen hätten die Täterinnen nicht gehabt, weil sie das Morden „als Staatspflicht“ und als „Staatsverteidigung“ empfunden hätten.

Maja Buždon soll bei ihrer Verhaftung nach Kriegsende gestanden haben, an Verbrechen und Massenmorden beteiligt gewesen zu sein. „Sie war eine gewissenhaft und kaltblütig mordende Frau“, so Bitunjacs Urteil. In der Vernehmung habe sie sich aber nur an ihren ersten Mord erinnern können: „Sobald das Morden zum Alltag geworden war, verschwammen die Ereignisse in ihrer Erinnerung.“

Die Autorin, die selbst familiäre Wurzeln in Kroatien hat, konstatiert auch ein recht paradoxes Verhältnis des Ustašscha-Staates gegenüber den Frauen. Einerseits habe die konservative rechtsnationale Bewegung ein sehr rückwärtsgewandtes Frauenbild propagiert, in dem die Frau als Mittelpunkt der Familie an Heim und Herd gehörte. Andererseits finden sich aber Figuren wie Irena Javor, die als Chefin des weiblichen Zweigs der Ustaschša-Bewegung dem traditionellen Frauenbild wenig entsprach. Sie unternahm mit männlichen Funktionären Dienstreisen ins Ausland, verbreitete Ustašscha-Propaganda in den Medien und war für die kriegsbedingte Mobilisierung von Frauen zuständig. Die Männer akzeptierten die aktive Rolle der Frau – allerdings nur aufgrund der Kriegssituation, in der weiblicher Einsatz vonnöten war, weil Männer eben an der Front kämpften. Nach dem Krieg sollten die Frauen wieder ihre herkömmliche Familienrolle einnehmen.

Sexuelle Gewalt im Konzentrationslager

Ein anderes sensibles Thema wurde von der Forschung bisher ignoriert: Während des Krieges auf dem Balkan wurden Frauen massenweise Ziel sexueller Gewalt und Ausbeutung: Frauen und Mädchen aller Religions- und Nationalitätszugehörigkeit waren als Opfer gefährdet, auch wurden sie zur Prostitution gezwungen und zu militärischen Zwecken missbraucht. Allerdings waren Frauen nicht nur Opfer. Die Recherchen von Martina Bitunjac ergaben auch, dass weibliche KZ-Angestellte sich unter den Gefangenen Männer zum Geschlechtsverkehr aussuchten und sie anschließend töten ließen. Auch hier offenbart sich die Doppelmoral im Ustaschša-Staat: Sex zwischen einer Aufseherin und einem Insassen wurde vom männlichen KZ-Personal akzeptiert, doch musste der Häftling – und damit auch die Spuren „weiblicher Unmoral“ – umgehend beseitigt werden. Dieses Vorgehen sei abgesprochen gewesen. Auch, dass Wächter Häftlingsfrauen vergewaltigten, die anschließend getötet wurden, gehörte zum KZ-Alltag. Wie ein Zeitzeuge berichtete, sei es dabei ausschließlich um die Befriedigung sexueller Bedürfnisse gegangen – Liebschaften und Emotionen waren strikt untersagt. Aus deutschen KZs ist bekannt, dass in einigen dieser Fälle die Wächter versetzt wurden und zuvor ihre Geliebten selbst töten mussten.

Viele der kroatischen KZ-Täterinnen waren laut Bitunjac noch sehr jung, ähnlich wie auch in deutschen KZs. Die meisten Aufseherinnen in Jasenovac waren erst um die 20 Jahre alt. In die Lager kamen die jungen Frauen zumeist auf Vermittlung männlicher Verwandter, die dort bereits eingesetzt waren. So sei Nada SŠakic von ihrem Bruder gefragt worden, ob sie in das KZ kommen wolle. Sie selbst sagte später, dass sie unwissentlich in die Situation hineingeraten sei und dementierte, als Wächterin gearbeitet zu haben.

Ihre Arbeit für die Ustaša begründeten die jungen Frauen unter anderem damit, dass im jugoslawischen Staat unter der serbischen Dynastie der Karadordevics die Kroaten ungerecht behandelt worden seien. Durch die Ustascha erhielten sie ihre Freiheit zurück und wollten am Aufbau von Staat und Gesellschaft mitwirken. Wie den Nationalsozialisten ging es der Ustašscha hier um den Zusammenhalt in einer Volksgemeinschaft. Im Gegensatz zum NS hätten die kroatischen Faschisten ferner zum Ziel gehabt, den Katholizismus an die nachwachsenden Generationen weiterzugeben. Auch Ustascha-Frauen nannten dies als Motivation und beteiligten sich demzufolge an der politischen und religiösen Umerziehung von serbischen Waisenkindern, deren Eltern von den Ustaše ermordet wurden.

Streit um Kollaboration

Die Frauen blieben zum Großteil über die NS-Zeit hinaus bei ihrer extrem nationalistischen Einstellung. Gegenüber der Autorin wies die Tochter des Ustaschša-Führers, Višnja Pavelic, beispielsweise die Deportation von Juden aus Zagreb als Lüge zurück. „Die meisten Ustascha-Angehörigen haben aus der Vergangenheit nichts gelernt“, so Bitunjac. Im Ustaschša-Staat, der die Gebiete des heutigen Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas umfasste, wurden im Zweiten Weltkrieg 80 Prozent der dort lebenden Juden ermordet. „Die Hauptverantwortung für den Holocaust liegt sicherlich bei den Nationalsozialisten, aber ohne die Unterstützung von zahlreichen einheimischen Kollaborateuren wäre das Verbrechen in diesem Umfang nicht möglich gewesen.“ Bitunjac kommt zu dem Schluss, dass die Ustaše gemordet haben, ohne dass die Beteiligten dazu gezwungen wurden. Die Autorin hat viele Dokumente gesichtet, aus denen unter anderem hervorgeht, dass Privatpersonen Juden denunziert haben: „Zum Teil aus Neid und Habgier, aber auch aus ideologischen Gründen.“

Wie in anderen osteuropäischen Ländern wird auch in Kroatien heute ein emotionaler Streit um die Beteiligung an den im Zweiten Weltkrieg begangenen Verbrechen geführt. Das Lager Jasenovac spielt dabei eine zentrale Rolle. „Revisionisten stellen Jasenovac als harmloses Arbeitslager dar, selbst wenn Dokumente eindeutig belegen und KZ-Überlebende berichten, dass es sich hier um ein schreckliches Vernichtungslager handelte“, erklärt Bitunjac. Das Thema Kollaboration mit dem NS in Europa, gerade durch das umstrittene neue Holocaust-Gesetz in Polen viel diskutiert, setzt sich auch das MMZ auf die Agenda: Für 2019 ist dazu eine internationale Konferenz in Rom geplant.

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Verwicklung. Beteiligung. Unrecht.: Frauen und die Ustascha-Bewegung. Reihe Gewaltpolitik und Menschenrechte), Martina Bitunjac, Duncker & Humblot, Berlin 2018. 252 Seiten, ISBN: 978-3428153381

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