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  • 25.04.2018
  • von Richard Rabensaat

Eine Welt ohne Zahlen Weltbekannter Linguist Everett sprach in Potsdam

von Richard Rabensaat

Foto: Andreas Klaer

Insgesamt sieben Jahre verbrachte der amerikanische Linguist Daniel L. Everett bei den Piraha Indianern am Amazonas. Mit einem Diplom für Bibelkunde und Missionierung ging der Amerikaner 1977 in den Urwald, heraus kam er als Atheist und wurde später Sprachwissenschaftler. Über die Besonderheiten der Sprache und der Lebenswelt des indigenen Volkes berichtete der Professor für Soziologie Anfang dieser Woche an der Universität Potsdam und im Einstein Forum. „Das glücklichste Volk der Welt“ ist der Titel des Buches von Everett über die Piraha. „Dort kennen sie keine Depression. Es ist dort völlig unverständlich, wie Menschen in westlichen Ländern an der Zivilisation leiden können“, so Everett. Als er von dem Selbstmord eines nahestehenden Menschen erzählte, habe dies bei den Stammesmitgliedern ein ungläubiges und erheitertes Erstaunen darüber ausgelöst, wie jemand nur so dumm sein könne, sich das Leben zu nehmen. „Wir sind durch unsere Umgebung und unsere Kultur geprägt, die schlägt sich auch in unserer Sprache und in unserem Denken wieder“, so Everett.

Der Forscher hat die Sprache der Piraha untersucht und festgestellt: eine Reihe von Vokalen, Konsonanten, Bezeichnungen und Systemen, die in anderen Sprachen existieren, sind bei ihnen nicht vorhanden. Zahlwörter sind praktisch unbekannt und die Indianer unterscheiden allenfalls zwischen ein, zwei und drei – sofern nötig. Beliebter sei die Differenzierung zwischen wenig und viel. Dabei zeigten die Piraha eine erhebliche Wissbegierde, als Everett versuchte, ihnen numerische Systeme zu vermitteln. Der Versuch war nicht sonderlich erfolgreich.

Dies sei aber keine Frage der Intelligenz, sondern der kulturellen Notwendigkeiten, so Everett. Intelligenztests mit den Indigenen ergaben zunächst unbefriedigende Ergebnisse. Als man die Fragestellungen an das kulturelle Umfeld der Urwaldbewohner anpasste, ergaben sich andere Resultate. „Was die Auffassungsgabe und die Schnelligkeit der Informationsverarbeitung angeht, können die Piraha mit jedem amerikanischen Universitätsstudenten mithalten“, so Everett. Nur seien es eben in der Regel andere Informationen, die im Amazonasbecken ausgewertet werden müssten. „Die ganze Gemeinschaft ist anders organisiert“, so Everett. Die Sprachgemeinschaft umfasse nur wenige Hundert Mitglieder. Deshalb lägen alle sozialen Beziehungen praktisch offen zutage. Alle wüssten übereinander Bescheid, vielleicht deshalb würden die Piraha keine Bezeichnungen für Verwandtschaftsbeziehungen kennen, die weiter als bis zu den eigenen Kindern reichten.

Everetts Forschung hat ihn über die Piraha hinaus zu grundsätzlichen Überlegungen über die Sprache geführt. Entsprechend Everetts Forschungsergebnissen verfügte der Mensch bereits vor 1,8 Millionen Jahren über Sprache. Über ihren Ursprung berichtete er im Einstein Forum. „Mit Sprache fassen wir unsere Umwelt in Symbole. Dadurch wird sie anderen vermittelbar, die nicht unmittelbar die gleichen Dinge gesehen und erfahren haben.“ Wie differenziert die individuelle Sprache sei, hänge von den Lebensumständen ab. Archäologische Funde hätten prähistorische Werkzeuge und Techniken zutage gefördert, die Hinweise auf eine hoch entwickelte Sprache der frühen Menschen geben würden. Auch das Gehirn des Homo Erectus habe sich maßgeblich von dem des Affen unterschieden. Aber: „Entscheidend ist letztlich, wie die Ströme innerhalb des Gehirns verbunden sind. Es gibt kein Sprachareal im Gehirn, alles wirkt zusammen und formt die Sprache von der Welt“, so Everett. Richard Rabensaat

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