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  • 31.01.2018
  • von Jan Kixmüller

Linke-Kritik an Potsdamer Militärforschern: „Verstehen, wie es zu der Dynamik von Gewalt kam“

von Jan Kixmüller

Vernichtungskrieg. Das historische Foto vom 01.07.1941 zeigt Brände und Soldaten der deutschen Wehrmacht kurz nach dem Grenzübertritt auf dem Vormarsch Richtung Osten. Foto: Das Bilddokument ist in dem Buch "Der Fall Barbarossa - Der Krieg gegen die Sowjetunion in unbekannten Bildern" im Verlag DAS NEUE BERLIN erschienen; Quelle: dpa

Kritik der Linke-Bundestagsfraktion, wonach Zweiter Weltkrieg und Holocaust am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) ignortiert würden, weisen der Kommandeur Jörg Hillmann und der wissenschaftliche Leiter Michael Epkenhans zurück. Ein Gespräch.

Herr Epkenhans, die Linke-Fraktion im Bundestag wirft dem ZMSBw vor, zu wenig zum Zweiten Weltkrieg und Holocaust zu forschen. Ihre Antwort?

EPKENHANS: Zunächst ist es natürlich das Recht und gewissermaßen die Pflicht einer Opposition, Fragen zu stellen und das Wirken des ZMSBw kritisch zu begleiten. Allerdings hätte sich das ZMSBw gewünscht, dass seine Forschungen gerade zu diesem wichtigen Thema in Gänze ein wenig intensiver beobachtet worden wären. Denn das ZMSBw hat sich diesen Themen immer wieder gestellt – in Vorträgen und Publikationen. Aktuell bereitet eine Historikerin des Zentrums eine Veröffentlichung zu Gewaltexzessen an der Ostfront vor. Wir können natürlich nicht zu jedem einzelnen Jahrestag, wie etwa aktuell zur „Aktion Reinhard“, etwas publizieren – das versuchen wir durch Fortbildungen abzudecken. Wir treiben das Thema aber systematisch voran, wie auch unsere jüngste Veröffentlichung zeigt.

… ... die sich mit Feldpostbriefen befasst.

EPKENHANS: Es sind Briefe von Walther von Seydlitz-Kurzbach an seine Frau. Er war der zweite Mann hinter Paulus in Stalingrad, der nach der Schlacht um Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft ging. Die Briefe zeigen dessen ernsthafte Zweifel an der NS-Eroberungs- und Militärpolitik. In der Gefangenschaft kooperierte er mit der Roten Armee und deutschen Kommunisten, um das Terrorregime Hitlers zu beseitigen; ja, Seydlitz war sogar bereit, zusammen mit der Roten Armee gegen die Wehrmacht zu kämpfen. In Deutschland wurde er deswegen in Abwesenheit zum Tode verurteilt, wenig später als Kriegsverbrecher auch in der Sowjetunion, wo er schließlich zu 25 Jahren Haft begnadigt wurde. 1955 kehrte er in die Bundesrepublik zurück – hier wurde er wegen seines Widerstandes gegen das NS-Regime gesellschaftlich geächtet.

Eigenständige Schriften zum Holocaust gab es seit 2008 aber keine.

EPKENHANS: Zunächst gilt es festzuhalten: Das Militärgeschichtliche Forschungsamt MGFA – seit 2013 das ZMSBw – hat mit seinem 13-bändigen Werk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ wirklich national und international anerkannte Grundlagenforschung auf der Basis der verfügbaren Akten betrieben. Weitere kleinere und größere Studien insbesondere zum Thema „Wehrmacht“ haben die dort vorgelegten Forschungsergebnisse ergänzt. Gleichwohl befassen wir uns auch weiterhin mit dem Thema Zweiter Weltkrieg. Aktuell bereiten wir eine Publikation zur Waffen-SS anhand von Akten aus Tschechien vor, die bislang nicht systematisch ausgewertet worden sind. Dabei werden auch deren Kriegsverbrechen eine Rolle spielen. Parallel arbeiten wir an einer Studie zu der Rolle von Traditionsverbänden wie dem „Stahlhelm“ in Militär, Politik und Gesellschaft. Nur wenn wir diese mit in den Blick nehmen, können wir verstehen, wie es zu der Dynamik von Gewalt kam, die wir dann im Zweiten Weltkrieg finden.

Was ist mit dem Thema Krieg, Gewalt und Verbrechen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion?

EPKENHANS: Das spielt ebenfalls eine wichtige Rolle in unserem Forschungsprogramm. Eine junge Doktorandin hat hier ihre Arbeit vor Kurzem aufgenommen. Allerdings sind wir auf den Zugang zu neuen Akten angewiesen. Leider haben die verantwortlichen russischen Stellen 28 000 deutsche Beuteakten nur sehr zögerlich der Forschung zugänglich gemacht. Ihre Auswertung ist aber für weitere Publikationen unumgänglich. Sobald das Erfassungs- und Digitalisierungsprojekt des Deutschen Historischen Instituts Moskau abgeschlossen ist, werden wir diese gezielt auswerten, um neue Ergebnisse zur Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg vorlegen zu können.

Mit welchem Ziel?

EPKENHANS: Grundsätzlich hoffen wir, mithilfe dieser Akten tatsächlich das bisherige Bild von der Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg weiter vervollständigen zu können. Konkret heißt dies beispielsweise, die Verantwortlichkeiten für das furchtbare Massaker von Osaritschi im heutigen Weißrussland durch neue Dokumente klären zu können. Das ist der springende Punkt: Grundlagenforschung kann eben nur aufgrund neuer Quellen erfolgen – und da sind wir seit drei Jahren dran. Daran arbeiten wir mit unseren Partnern im Osten. Besuche in Minsk, aber auch in Kiew sind für den weiteren Verlauf des Jahres geplant. Unsere Kontakte zur historischen Abteilung des russischen Generalstabs sind aufgrund der politischen Lage hingegen zurzeit leider eher informeller Natur. Aus Sicht der Forschung ist dies sehr bedauerlich.

Die Linke mahnt auch die Beschäftigung zu Jahrestagen einzelner Vernichtungsaktionen an.

EPKENHANS: Ich bitte um Verständnis dafür, dass wir nicht jeder Forderung, die von außen an uns herangetragen wird, entsprechen können. Maßstab muss sein, was auf Grundlage der Quellen Sinn macht. Wo gibt es neue Quellen und welche neuen Fragestellungen ergeben sich daraus? Zudem gilt: Wenn wir die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg verstehen wollen, dann müssen wir auch die kürzere und längere Vorgeschichte in den Blick nehmen beziehungsweise die Nachgeschichte, wie man später damit umgegangen ist.

Welche Fragen haben Sie aktuell zum Zweiten Weltkrieg und Holocaust?

EPKENHANS: Wir fragen heute gezielt nach Gewaltanwendung und Gewalterfahrungen in sowie durch Wehrmacht und Waffen-SS. Zudem wollen wir neue Kontakte nach Osteuropa knüpfen. Aber viele Staaten dort, inklusive der Nato-Länder, haben keine historischen Forschungsinstitute mehr. Im vergangenen Jahr haben wir begonnen, auch Kontakt mit der Ukraine und Weißrussland aufzunehmen, um dort Quellen zu erschließen – denn Moskau bleibt ein großes Problem. Dort erhalten die Forscherinnen und Forscher von den Tausenden von Akten nur drei bis fünf pro Tag zur Auswertung vorgelegt – Sie können sich vorstellen, was das für die Forschung bedeutet. Insofern freuen wir uns, dass der große neue Bestand von über 28 000 Akten zurzeit digitalisiert wird. Dies wird unsere Arbeit erleichtern.

Was macht diese Akten so interessant?

EPKENHANS: Ihnen ist viel zu entnehmen, etwa wie die Besatzungsherrschaft vor Ort aussah. Es sind deutsche Akten, die auf dem Rückzug dort gelassen wurden. Wir warten mit großer Spannung darauf, sie auswerten zu können. Die ersten Befunde sind spannend. Kollegen haben in diesen Beständen auch ein weiteres Exemplar von Heinrich Himmlers Diensttagebuch sowie Aufzeichnungen über bisher unbekannte Gespräche zwischen Hitler und der Generalität gefunden. Dies sind Einzelfunde; für systematische Forschungen brauchen wir aber nun erst einmal die digitalisierten Quellen. Und: Wir wissen nicht, was sich in den russischen Archiven sonst noch befindet.

Was ist der Hintergrund der Verzögerungen in russischen Archiven?

EPKENHANS: Seit der Krimkrise 2014 sind die gegenseitigen wissenschaftlichen Kontakte mit unseren russischen Partnerinstituten beinahe vollständig zum Erliegen gekommen. Auf Bitten des russischen Verteidigungsministers hatten wir einen Beitrag zur aktuellen Fassung des Werkes der russischen Geschichte des „Großen Vaterländischen Krieges“ verfasst, die nach der Krimkrise keinen Eingang mehr in die Druckfassung fand. Der Krieg wird seither dort ganz anders gedeutet. Wie schon gesagt, die Arbeit vor Ort wie auch mit den Kollegen, zu denen wir sehr gute wissenschaftliche, aber auch persönliche Kontakte hatten, ist extrem schwer geworden.

Sind Holocaust und Nationalsozialismus überhaupt vorrangige Forschungsziele an Ihrem Haus?

EPKENHANS: Durchaus. Aber man muss sagen, dass es auch unsere Aufgabe ist, die Geschichte der Bundeswehr im Ost-West- Konflikt, im Bündnis und auch im Vergleich, auf der Grundlage der verfügbaren Quellen zu schreiben. Wir haben die Möglichkeit des Zugangs zu lang verschlossenen Quellen und schreiben daher die Geschichte der Bundeswehr und die der NVA im Vergleich als deutsch-deutsche Militärgeschichte von 1970 bis 1990 auf Grundlage dieser Quellen. Zum Zweiten ist es unsere Aufgabe gegenüber der Truppe und auch der Öffentlichkeit, die Geschichte der Bundeswehr im Einsatz zu schreiben. Die erste Dissertation zum Kosovo-Einsatz wird in diesem Jahr abgeschlossen. Trotzdem: Niemand von uns hat die Absicht, sich in irgendeiner Weise aus der deutschen Geschichte zu stehlen. Richard von Weizsäckers Diktum von der „Verantwortung durch Erinnern“ ist uns dabei eine Leitlinie. Daran werden wir nicht rütteln.

Worin liegt das Neue zur deutsch-deutschen Militärgeschichte“?

EPKENHANS:  Wir haben in der Vergangenheit zwar bereits viel über die Bundeswehr und die NVA geforscht.  Jetzt versuchen wir, beide Armeen und deren Rolle in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft aus vergleichender Perspektive und mit neuen Fragen an die Geschichte in den Blick zu nehmen. Welchen Stellenwert hatten beispielsweise beide Armeen in den jeweiligen Parlamenten? Wie stand die Bevölkerung ihren Armeen gegenüber? Wie funktionierte eigentlich der „militärisch-indstrielle Komplex“? Welche Rolle spielte die Friedensbewegung in beiden Staaten? Der Schwerpunkt der Forschung liegt dabei auf der bisher wenig untersuchten Zeit 1970-1990. Für diese Zeit können wir, und darin liegt der besondere Reiz, aber natürlich auch der große Ertrag für die Forschung, erstmals auf eine Fülle bis vor kurzem verschlossene Akten zurückgreifen.  Die wichtigsten Dokumente werden wir aufbereiten und in zwei Dokumentenbänden der Öffentlichkeit und der Wissenschaft zur Diskussion zur Verfügung stellen. Da werden manche „Bonbons“ drunter sein.

Herr Hillmann, welche Lücken sehen Sie bei der Forschung zur NS-Zeit?

HILLMANN: Ich kann nur unterstreichen, was Herr Epkenhans gesagt hat. Wir nehmen unsere Grundlagenforschung nicht nur sehr ernst, sondern als solide Basis für die anschließende, so wichtige Bildungsarbeit in den Streitkräften, die damit bestens fundiert ist. Nun zu Ihrer Frage: Die Lehrpläne an bzw. für die Schulen der Bundeswehr zeigen, dass diese Themen ausreichend beleuchtet werden. Gerade an Offiziersschulen wollen wir aber auch eine Geschichtsbildung im Querschnitt vermitteln, damit Zusammenhänge sichtbar und Ereignisse eingeordnet werden können.  Das Publikationsangebot des Zentrums umfasst zudem zwei wichtige Medien: die wissenschaftliche „Militärgeschichtliche Zeitschrift“, die immer auch die NS-Zeit mit abbildet und die Zeitschrift „Militärgeschichte für die historische Bildung“, die breit in die Bundeswehr gestreut wird. Auch hier wird der Zweite Weltkrieg regelmäßig thematisiert. Wir erfüllen unseren Bildungsauftrag und liefern die entsprechenden Grundlagenwerke für die Lehrenden. Das von unserer Vorgängereinrichtung Militärgeschichtliches Forschungsamt (MGFA) herausgegebene Werk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ ist bis heute das Standardwerk der Militärgeschichte, hoch angesehen und mittlerweile sogar ins Englische übersetzt. Hier haben wir eine ganz wesentliche Leistung zu dieser Epoche  erbracht. Das entbindet den Nutzenden natürlich nicht davon, auch selbst zu lesen – und den Lehrenden nicht davon, das jeweilige Thema fundiert und begeisternd zu vermitteln.  Damit kommt unseren Lehrern ein ganz wichtige Aufgabe zu, und das beziehe ich auch ganz bewusst auf die öffentlichen Schulen . Sie haben mich einmal gefragt, wieviel historisches Wissen und Bewusstsein ein Soldat brauche. Ich habe die Antwort zurückgegeben – und dabei bleibe ich auch heute: Wieviel historisches Wissen und Bewusstsein braucht ein deutscher Staatsbürger? Hier sind die öffentlichen Schulen mehr gefordert. Leider stellen wir bei unseren jungen Soldatinnen und Soldaten, die in die Streitkräfte eintreten, Defizite fest.

Erreichen Sie mit Ihren Bildungsangeboten die Soldaten?

HILLMANN: Die Zeitschrift „Militärgeschichte“ erscheint vier Mal im Jahr und wird in einer Auflage von 14.000 Exemplaren an die Truppe ausgeliefert. Die online gestellten Bände werden bis zu 60.000 Mal pro Heft angeklickt. Hier finden sich in den aktuellen Jahrgängen neben anderem auch viele Beiträge zum Zweiten Weltkrieg und Holocaust – etwa zum „Denken und Handeln im Vernichtungskrieg“ unter Generaloberst Rudolf Schmidt, zur Brutalität und Inkompetenz des SS-Karstwehrbataillon 1943-1944 oder zu Muslimen in Wehrmacht und SS. Für die Lehrenden an den Schulen der Bundeswehr bieten wir Weiterbildungsmöglichkeiten an und stellen ihnen unsere Publikationspalette zur Verfügung. Außerdem bilden wir die Lehrenden didaktisch weiter.

EPKENHANS: Daneben befassen wir uns auch ausführlich mit der eigentlichen Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts: dem Ersten Weltkrieg. Wir waren eine der ersten wissenschaftlichen Einrichtungen, die mit Christopher Clark eine Veranstaltung zu seinem umstrittenen Buch gemacht haben, dazu gab es in unserem Hause auch zwei eigene Publikationen. Zwei große Tagungen mit Teilnehmern aus Osteuropa folgten. Im internationalen Bereich sind wir mit der „Students Conflicts Study Working Group“ aktiv, sowohl für jüngere Offiziere, die dann in die Ausbildung gehen, als auch im klassischen wissenschaftlichen Bereich. Hier spielen beide Weltkriege eine bedeutende Rolle.

Nach den rechtsextremistischen Vorfällen in der Bundeswehr wurde eine Revision des Traditionserlasses der Bundeswehr angestrebt. Auch in Potsdam gab es dazu einen Workshop. Ihr Fazit?

HILLMANN: Mit dem Ergebnis des in Potsdam durchgeführten Workshops bin ich sehr zufrieden gewesen. Insgesamt gab es ja vier Workshops, deren Ergebnisse in den neuen Traditionserlass eingeflossen sind. Aktuell befindet sich ein überarbeiteter Entwurf des neuen Traditionserlasses in der Diskussion – mit sehr klaren Aussagen, wie das Verhältnis der Bundeswehr zu den historischen Epochen davor zu bewerten und wie damit umzugehen ist. Das wird Richtschnur sein und soll anschließend in den Organisationsbereichen der Bundeswehr weiter ausgestaltet werden. So werden wir auch das Wertegerüst der Soldatinnen und Soldaten festigen können. So wollen wir auch erreichen, dass eine mögliche Verrohung der Soldaten im Einsatz verhindert wird.

Wie das?

Wichtig ist dabei: Wenn die Soldaten wissen, was in der Geschichte falsch gelaufen ist, erkennen sie den Punkt, an dem sie gegebenenfalls Halt machen müssen. Sie erkennen aber auch, wie wertvoll es ist und welches Glück wir haben, in diesem Deutschland von heute in einem geeinten Europa zu leben. Der Erlass muss nun noch zum Leben erweckt, also in die Truppe gebracht werden. Man muss aber auch sehen, dass die Soldaten immer auch ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Wir können nicht in jeden Kopf hineinschauen, etwa was den Fall der rechtsextremen Umtriebe von Franco A. betrifft.

EPKENHANS: Allerdings hatten wir in unserem Gutachten zu seiner Masterarbeit schon im Vorfeld des Vorfalls ganz klar gesagt, wie das zu beurteilen ist. Wir hatten deutlich gemacht, dass der Inhalt seiner Arbeit nicht tragbar ist.

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