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  • 24.01.2018
  • von Jan Kixmüller

Potsdamer Tagung zur Angst: „Die Angst vor der Angst der anderen“

von Jan Kixmüller

Der Schrei Edvard Munch; Arken Museum, dpa/picture-alliance

In Potsdam findet in dieser Woche eine interdisziplinäre Tagung zum Thema Angst statt. Der Philosoph Rüdiger Zill vom Einstein Forum über die Ursachen von Angstkonjunkturen, falsche Panikmache, Angst als politisches Statement - und die versteckten Vorzüge, die Angst haben kann.

Herr Zill, hatten Sie vor unserem Gespräch Angst, ein wenig Lampenfieber vielleicht?

Das muss man haben, damit einem die richtigen Antworten einfallen, das wird Ihnen auch jeder gute Schauspieler bestätigen können. Wer zu cool ist, vergeigt es.

Ist doch eigentlich lästig, diese Aufregung, oder?

Nicht unbedingt. Ängste sind wie alle Gefühle Motivationsverstärker und Energiespender. Das macht in gewissen Situationen produktiv, man mobilisiert dadurch Kräfte. Wenn es nicht zu sehr überhandnimmt, kann das eben auch förderlich sein.

Sie gehen davon aus, dass sich die Auslöser von Angst in der Gesellschaft in den vergangenen Jahren vermehrt hätten. Ist das denn wirklich so?

Gute Frage, wir sehen ja nur die Oberflächenerscheinungen, etwa das, was in den Medien steht. Man kann natürlich auch Umfragen machen wie die r+v Versicherung, die seit über 25 Jahren die Deutschen nach Ihren Ängsten befragt. Da hat sich ergeben, dass 1991 zum Beispiel weniger Ängste zu Protokoll gegeben wurden als vor zehn Jahren. Auch heute ist das Angstlevel in diesen Umfragen hoch. Allerdings gibt es eine kuriose Bewusstseinsspaltung: Einerseits steigt das Angstgefühl – etwa vor bestimmten Krankheiten, sozialem Abstieg und natürlich davor, Opfer eines Terroranschlags zu werden –, andererseits ist man mit dem eigenen Status trotzdem recht zufrieden. Hier gibt es eine Ambivalenz zwischen den ganz individuellen Ängsten und der allgemeinen Wahrnehmung.

Wie kommt es dazu?

Es gibt eben doch einen Unterschied zwischen den individuellen Gefühlen und der emotionalen Signatur einer Gesellschaft, einer Zeit. Beide beeinflussen sich zweifellos, sind aber nicht unmittelbar aufeinander abbildbar.

Fast täglich lesen wir, dass die Welt heute aus den Fugen sei. Was hätten meine Großeltern da sagen sollen, die zwei Weltkriege durchgemacht haben?

Genau das wollen wir auf unserer Tagung ab Donnerstag diskutieren: Wie ist die allgemeine Wahrnehmung von Ängsten und wie kommt sie zustande, gerade auch im Vergleich mit realen Risiken.

Und?

Ohne die Ergebnisse vorwegnehmen zu wollen, unser Ausgangspunkt ist: Es geht um ein Phänomen, das vor allem auch medial vermittelt wird, etwa durch Statements der Politik, durch die klassischen Medien, durch die sozialen Medien und auch durch Strömungen in Literatur und Kunst. Das nennen wir Koproduzenten der Angst. Die können einzeln oder zusammen wirken, hier entsteht ein interessantes Kräftefeld, das von Fall zu Fall verschieden ist und jeweils für sich untersucht werden muss. Die Frage ist dann schließlich, wie daraus allgemeine Konjunkturen der Angst entstehen können.

Woran machen Sie solche Konjunkturen fest?

Am kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs einer Zeit, also an Texten und Bildern, Zeitschriften und Filmen, politischen Statements und der Kunst einer Zeit. Es gibt dabei zwar eine Vielzahl von Stimmen. Mein Eindruck ist aber, dass wir eine Bewegung beobachten können, die sich grob zusammengefasst so darstellt, dass in militärisch geprägten Gesellschaften, wie es Deutschland bis 1945 im Grunde auch noch war, Ängste geächtet und nicht zugelassen wurden, so wie es in der Zeit Ihrer Großeltern einfach nicht opportun war, Sorgen zu äußern. Spätestens dann zu Beginn der 1980er-Jahre wurde es hingegen positiv bewertet, über seine Ängste zu sprechen. Angst wurde zum positiven politischen Statement: Angst vor der Atomenergie, der Nachrüstung und ähnlichen Gefahren. Angst galt auf einmal als rational und wurde gesellschaftsfähig.

Und heute?

Aktuell haben wir zwar keine Umkehrung – auch heute macht der Papst ein politisch-emotionales Statement, wenn er sagt, er habe Angst vor dem Atomkrieg –, aber es gibt doch ein bisschen eine Gegenbewegung: Ängste werden gerade im Politischen derzeit auch wieder suspekt, aber nun vor allem die Ängste der anderen. Angst wird als Gegenspieler der Demokratie verstanden, Angst macht anfällig für Populismus, Demagogie und Xenophobie. Wie geht man nun mit dieser Angst um, wie reagiert man auf sie? Mit Zorn? Selbst wieder mit Angst? Das ist dann eine Art Meta-Angst: die Angst vor der Angst der anderen, zum Beispiel also die Angst vor den Versuchen der politisch Rechten, die Angst der Massen zu mobilisieren. Das führt zu einem fast schon therapeutischen Gestus, dass man mit den Irregeleiteten reden müsse, um ihnen die Ängste zu nehmen.

Es gibt auch neue Verstärker der Angst.

Die sozialen Medien geben der Entwicklung tatsächlich eine irre Geschwindigkeit. Vor allem im Zusammenspiel mit den klassischen Medien entstehen hybride Medienstrukturen mit zum Teil erheblichen Auswirkungen. Nehmen Sie etwa die Vogelgrippe: Nachdem drei tote Schwäne gefunden worden waren, rannte alle Welt zum Impfen – auch ich. Wichtig ist dabei aber zu erkennen, dass es natürlich auch politische Kräfte gibt, die solche Ängste schüren, um sie für ihr Anliegen zu instrumentalisieren. Aber man soll sich vor überzogenen Verschwörungstheorien – auch ein Angst-Phänomen – hüten. Häufig sind solche Angstwellen spontan und ohne bewussten Impuls entstanden. Und natürlich kann sich so etwas auch gegenseitig verstärken.

Angst ist am Ende also irrational?

Nicht unbedingt. Schon individuell gibt es neben neurotischen Ängsten wie etwa Spinnenphobien, die unbegründet, aber durch keine Argumentation der Welt wegzudiskutieren sind, eben auch reale Ängste, mit denen man sich auseinandersetzen und die man vielleicht auch rational bekämpfen kann. Oder bei denen es am Ende sogar vernünftig ist, ihnen nachzugeben. Sonst würde man aus einer Gefahrensituation nicht fliehen oder nicht zum Arzt gehen. Aber auch solche realen Ängste können aus dem Ruder laufen, wenn man etwa in Panik gerät, anstatt Ruhe zu bewahren. Entscheidend ist aber, dass reale Risiken und Ängste nicht eins zu eins miteinander korrespondieren. Ein oft zitiertes Beispiel, das im öffentlichen Diskurs dennoch ohne Wirkung bleibt: Das statistische Risiko, beim Autofahren in Deutschland tödlich zu verunglücken, ist höher als das, bei einem Terroranschlag umzukommen; dennoch ist das eine kaum Thema, während das andere die Diskussion dominiert.

Leben wir in einem Zeitalter der Panik?

Das zu sagen, wäre nun selbst wieder Panikmache. Wir sind unterm Strich in Deutschland noch eine relativ gelassene Gesellschaft. Auch wenn die Diskussion sich mehr und mehr aufheizt. Und natürlich muss man sich klar darüber sein, dass man immer auch Teil dieser Entwicklung ist, wenn auch vielleicht nur ein kleiner: Selbst wenn wir Angst auf einer Tagung zum Thema machen, sind wir natürlich nicht einfach unbewegte Beobachter, sondern Mitspieler. Man kann eben nicht so tun, als wenn Wissenschaft am Rande steht und nicht auch die Stimmung mit beeinflusst.

Was sind die Wendepunkte, die zur aktuellen Angstkonjunktur geführt haben?

Solche emotionalen Konjunkturen sind natürlich stetige, langfristige Entwicklungen, aber es gibt zweifellos symbolische Verdichtungen: Ereignisse, die die neue Situation mit einem Schlag zum Bewusstsein bringen und auch stark mit prägen, wie etwa der 11. September 2001 oder die Finanzkrise. Danach hat sich die Angstbereitschaft in unserer Gesellschaft ganz erheblich verändert. Die reale Gefahr ist in diesem Moment für den Einzelnen nicht unbedingt mit einem Schlag größer geworden, aber sie wird so zum Bewusstsein gebracht, steigert die Angstbereitschaft.

Was ist mit der politischen Wende von 1989 – auch ein Wendepunkt in Sachen Angst?

Das Ende des real existierenden Sozialismus wurde von vielen Menschen erst einmal als Befreiung empfunden, viele Ängste verschwanden: Sie erinnern sich, die r+v-Studie verzeichnete für 1991 ein relativ geringes Angstlevel. Aber es dauert dann nicht lange, bis neue Ängste aufkamen, etwa die vor sozialer Deklassierung, die Angst um den Arbeitsplatz, Ängste, die aus der Erschütterung der persönlichen Identität resultierten.

Vielleicht wissen wir heute auch einfach zu viel?

Das ist ein wichtiger Faktor. Wir wissen aber auch deshalb so viel, weil wir so viel wissen wollen. Wir gehen wahrscheinlich heute viel ängstlicher mit uns selbst um als früher und fragen deshalb auch mehr nach – im Guten wie im Schlechten. Natürlich ist es vernünftig, weniger zu rauchen, andererseits können wir nicht mehr drei Stationen mit der Straßenbahn fahren, ohne eine große Flasche Wasser mit uns herumzuschleppen, aus Angst wir könnten dehydrieren, so als läge Potsdam schon in der Sahel-Zone.

Die technische Entwicklung macht auch manchem Angst.

Neben Politik und Gesundheit ein weiterer wichtiger Faktor für Angst, geradezu ein Klassiker. Die Technikfurcht gibt es seit mindestens 200 Jahren, denken Sie an die Maschinenstürmer. Interessant ist, dass die Ängste oft in ähnlicher Form wiederkehren, ohne dass uns das bewusst ist. Nehmen Sie zum Beispiel die Angst vor der Automatisierung, das war schon einmal in den 1950er-Jahren ein großes Thema – wie heute wieder: Die technischen Möglichkeiten sind avancierter, die Reaktionen ähneln sich. Es gibt aber auch überraschende Entwicklungen – fehlende Angst dort, wo man sie erwarten würde, etwa bei der Bereitschaft, den digitalen Wandel mitzumachen. Trotz aller möglichen Warnungen vor Computerviren und Internetkriminalität ist der Umgang der meisten mit ihren Rechnern eher sorglos.

Warum eigentlich?

Es würde sich lohnen, das genauer zu untersuchen. Ich vermute, es ist zum einen eine Frage der Bequemlichkeit oder manchmal sogar des Zwangs: Gewisse Dinge muss man akzeptieren, um nicht sozial ausgeschlossen zu sein; und dann macht man sich lieber keine Gedanken darüber. Anderseits tut sich auch hier der Spalt auf, von dem wir schon sprachen. Denn allgemein gibt es eine kritisch-skeptische Einstellung, während man im persönlichen Umgang mit den Geräten sehr unbefangen ist, sich denkt, dass es schon gutgehen wird.

Gehört am Ende also den Mutigen die Zukunft?

Nun ja, wenn man Mut als die Fähigkeit versteht, Ängste zuzulassen und auch auf sie zu hören, so lange man vernünftig mit ihnen umgehen kann.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

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Rüdiger Zill (59) ist wissenschaftlicher Referent am Einstein Forum Potsdam. Der Philosoph hat die aktuelle Tagung zum Thema Angst (Einstein Forum Potsdam 25.-27. Januar) zusammen mit Martin Schaad konzipiert.

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