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  • 06.12.2017
  • von Thorsten Heimann

Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung: Hochwasserschutz soziologisch gedacht

von Thorsten Heimann

Standpunkt. Die einen haben hoch genug gebaut, andere nicht. Foto: Kay Nietfeld/dpa-Bildfunk

Vor 20 Jahren trat die Oder über die Ufer und verursachte eine Jahrhundertflut in Ostdeutschland und Polen. Wie Sozial- und Kommunikationswissenschaftler solche Ereignisse sehen und welche Empfehlungen sie zum Schutz ableiten.

Erkner - Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner forschen seit mehreren Jahren zu Entwicklungen von Dörfern und Städten in ländlichen Regionen. Zugrunde liegt die Feststellung, dass viele ländliche Regionen - in Brandenburg etwa die Uckermark - von der wirtschaftlichen Entwicklung weitgehend abgekoppelt sind, dass sie mit Abwanderung, bröckelnder Infrastruktur und schwachen Finanzen zu kämpfen haben. Dazu kommen mancherorts besondere Herausforderungen wie die Überflutungsgefahren in der Oder-Region. In den PNN berichten sie über ihre Erkenntnisse.

Überflutungen wie im Jahr 1997 oder zuletzt 2010 an der Oder scheinen Naturereignisse zu sein, die sich einer Zweideutigkeit entziehen. Wie hoch das Wasser steht, was zu den Fluten geführt hat und welche Schäden das Ereignis zur Folge hatte – all dies scheinen auf den ersten Blick sehr objektive Sachverhalte zu sein. Diese Sichtweise gerät jedoch an ihre Grenzen, wenn es um die Frage geht, wie zukünftige Hochwasserrisiken behandelt werden sollen. Dann müssen etwa private Haushalte oder Mitarbeiter aus Verwaltung und Politik mit sehr unterschiedlichem Wissen und Sichtweisen zusammenkommen und Entscheidungen fällen.

Nicht alle nehmen den Klimawandel als gegeben wahr

Deutlich wird dies am Beispiel von globalen Kontroversen zum Klimawandel: Der Klimawandel und seine Folgen werden nicht von jedem als objektive und eindeutige Gegebenheiten wahrgenommen. Wenn es auf globaler Ebene um zukünftige Entwicklungen geht, vertreten verschiedene Akteure – selbst innerhalb kleiner räumlicher Einheiten wie Städten – regelmäßig unterschiedliche Ansichten. Welche Sichtweise eine einzelne Person oder eine Gruppe im Hinblick auf mögliche Bedrohungen und erforderliche Schutzmaßnahmen hat, hat jedoch Einfluss auf ihr Handeln – und dieses hängt dann von mehr ab als von materiellen, objektiven Faktoren in ihrer Umwelt: Es sind beispielsweise vergangene – persönliche – Erfahrungen, etwa das Wissen über frühere Naturkatastrophen, es sind Debatten in den Medien oder aber politische Einstellungen, die das individuelle wie auch das kollektive Bild von Naturereignissen und dem Klimawandel prägen können.

Dass es so etwas wie Subjektivität in Bezug auf die Wahrnehmung von Naturereignissen gibt, haben wir im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in mehreren Projekten nachgewiesen. Eine Person kann beispielsweise ihr Haus auf einem kleinen Hügel haben und sich durch ein Hochwasser weit weniger bedroht fühlen, als der Nachbar ein paar hundert Meter weiter den Hügel hinunter. Oder eine andere Person hat vielfach Fluten erlebt und weiß, wie sie ihr Hab und Gut im Katastrophenfall schützen kann – im Gegensatz zu einem Zugezogenen, der auch noch viel über die jüngste Flut in der Lokalzeitung gelesen hat und sich große Sorgen macht.

Umweltgefahren werden subjektiv wahrgenommen

Wir gehen aber noch einen Schritt weiter und sehen nicht nur individuell-subjektive Gründe für abweichende Wahrnehmungen und Einschätzungen von Gefahren durch Fluten an, sondern auch kollektive, kulturelle Muster. Was eine Person in der Lokalzeitung liest, lesen potenziell auch viele andere in der Region. Die Erfahrungen mit der letzten Flut - und das Katastrophenmanagement der städtischen Behörden – das hat man nicht exklusiv erlebt, sondern gemeinsam mit allen anderen Stadtbewohnern. Und dass man als konservativ eingestellte Person eher an traditionelle Hochwasserschutzmaßnahmen glaubt, als neuesten Erkenntnissen zur Auenrenaturierung anzuhängen, unterscheidet einen auch nur von einem Teil der Bewohner. Kurzum: Es gibt eine Reihe lokaler, regionaler, nationaler und globaler Prozesse und Gegebenheiten, durch die die subjektive Wahrnehmung von Umweltgefahren gefiltert ist.

In dem aktuellen Forschungsprojekt „Kulturelle Konstruktionen von Vulnerabilität und Resilienz. Wahrnehmungen zu Gefährdungen durch aquatische Phänomene an der Oder in Deutschland und Polen“ (CultCon) untersuchen wir genau diese unterschiedlichen Wahrnehmungen und Ansichten in deutschen und polnischen Städten an der Oder. Dazu haben wir einerseits sehr detaillierte Fragebögen in Frankfurt (Oder), Eisenhüttenstadt, Slubice und Wroclaw verteilt und andererseits die Diskurse in Medien, Politik und Gesellschaft sehr genau analysiert. Die Ergebnisse bestätigen unsere Vermutung: Über die Gefahren durch Flutereignisse denken nicht alle gleich, es gibt lokale, regionale und auch nationale Muster.

Perspektiven gehen weit auseinander

Die Erkenntnisse über diese Muster sind wertvolles Wissen für all diejenigen, die in der Region koordinierte Schutzmaßnahmen planen und die unterschiedlichsten Menschen und Akteure mit ins Boot holen müssen. Während etwa in Slubice Wasserverschmutzungen als erhebliches Bedrohungspotenzial benannt werden, spielt diese Wahrnehmung unmittelbar auf der anderen Flussseite in Frankfurt kaum eine Rolle. Auch bei Schutzmaßnahmen gehen die Perspektiven sehr weit auseinander: Auf polnischer Seite präferierte ein großer Teil der Befragten technische Eingriffe wie Flussvertiefungen, die jedoch auf deutscher Seite nur eine geringe Rolle spielten, da dort Maßnahmen wie Deiche und Auen hoch im Kurs stehen.

Die Grundlagenforschung im CultCon-Projekt zeigt, dass eine besondere theoretisch-konzeptionelle Perspektive in der raumbezogenen Sozialforschung auch für praktische Fragen bedeutsam sein kann. Akteure in Politik und Verwaltung, beispielsweise auf der Landesebene in Brandenburg, müssen im Oderraum weitreichende Entscheidungen im Hochwasserschutz fällen und dabei mit Entscheidungsträgern in Landkreisen und Kommunen sowie im Nachbarland Polen zusammenarbeiten. Die Forschung macht ihnen deutlich, dass es nicht genügt, nur auf die scheinbar objektiv gegebenen naturräumlichen Rahmenbedingungen zu schauen, sondern dass auch mit Implikationen von sehr unterschiedlichen lokal-, regional- und nationalkulturellen Wissensbeständen und Erfahrungen gerechnet werden muss.

Thorsten Heimann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung „Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum“ des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner

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