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  • 31.05.2017

„Es ist ein Kampf gegen Windmühlen“

Foto: Manfred Thomas

MMZ-Direktor Julius H. Schoeps über das deutsch-jüdische Miteinander, seinen 75. Geburtstag und Israel

Herr Schoeps, Sie werden am Donnerstag 75 Jahre alt. Gibt es etwas, das Sie sich noch zur Aufgabe gemacht haben, das Sie noch unbedingt erledigen wollen?

Nach wie vor beschäftigen mich die Probleme des deutsch-jüdischen Miteinanders. Was habe ich erreicht? Es ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass der Aufklärung Grenzen gesetzt sind. Aber trotz des Wissens um diese Grenzen weiß ich kein anderes Mittel als aufzuklären.

Wo steht denn das jüdische Leben in Deutschland? Ist es immer noch das „Abnormale der Normalität“, wie Sie es einmal nannten?

Prognosen abzugeben ist schwierig. Mein Lebensmotto kommt mir häufig in den Sinn: Es ist alles zu jeder Zeit an jedem Ort möglich. Man muss, meine ich, immer auf das Schlimmste gefasst sein. Mit dieser Einstellung kommt man durchs Leben.

Ihre Familie war tief verwurzelt in der deutsch-jüdischen Kulturtradition ...

Das stimmt schon. Meine Familie verkörpert das assimilierte jüdische Bildungsbürgertum in Deutschland. Ich sehe mich in der Tradition von Moses Mendelssohn, David Friedländer und wie sie alle heißen, die jüdischen Aufklärer des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Das war auch der Grund, warum wir das Forschungszentrum hier in Potsdam, als wir es 1991 gründeten, nach Moses Mendelssohn benannt haben.

Sie haben sich ja sehr um die Restitution zwangsenteigneter jüdischer Kunstwerke bemüht. Was waren da Ihre Erfahrungen?

Bei dem Problem der Kunstinstitutionen wird vielfach nicht eingesehen, dass Unrecht geschehen ist! Die Bundesrepublik unterschreibt eine Washingtoner Erklärung, hält sich aber nur bedingt an die Verpflichtung, die sie eingegangen ist.

Haben Sie jemanden entdeckt, der Ihren Kampf weiterführen soll?

Ich habe mich immer als eine Art Nachlassverwalter des deutschen Judentums begriffen. Es gibt kein deutsches Judentum mehr. Jemand, der noch in meiner Tradition denkt, da gibt es höchstens eine Handvoll Leute.

Sie schrieben neulich, dass die Deutschen geradezu zwangsfixiert auf den Nahost-Konflikt seien, während sie andere Konflikte kalt ließen. Ist Israelkritik die neue Form des Antisemitismus?

Die Israelkritik hat, wie mir scheint, eine Entlastungsfunktion. Manchmal hat das manisch-obsessive Züge. Warum kümmert man sich nicht um andere Konflikte auf dieser Welt, die vielfach blutiger sind als der israelisch-palästinensische Konflikt? Ich denke da an den Sudan oder den Jemen. Nur wenn es um Israel geht, schlagen die Wellen hoch.

Wie bewerten Sie den Auftritt des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel Ende April in Israel, der sich mit regierungskritischen Organisationen traf und deswegen eine Absage des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu erhielt?

Ich war gerade in Israel, als Minister Gabriel dort zu einem Besuch erschien. Der ganze Krach war höchst unnötig. Gabriel hat wie ein Elefant im Porzellanladen herumgetrampelt. Im Milieu der Diplomaten kann und sollte man Konflikte und unterschiedliche Ansichten anders regeln. Der Außenminister war am Jom Haschoa da, an dem die Juden des Holocaust gedenken, in Israel. Ein bisschen Fingerspitzengefühl wäre vonnöten gewesen.

Sigmar Gabriel ist ja nun so neu nicht auf dem Parkett. Was waren denn seine Motive?

Das muss man ihn fragen. In Israel hat man sich sofort erinnert an seine Äußerung vor einigen Jahren, Israel sei ein Apartheidsregime. Diese Bemerkung war tief verletzend.

Was halten Sie denn von der deutschen Erinnerungskultur?

Das jüdische Museum in Berlin halte ich für eine Zumutung. Diese Gigantomanie entspricht überhaupt nicht dem jüdischen Leben von einst. Ich habe es lieber etwas schlichter. Sehen Sie sich das Berend Lehmann Museum in Halberstadt an. Dieses Museum ist klein, bescheiden, spiegelt das jüdische Leben wieder, wie es vor 1933 war. Nicht aufzufallen, keinen Unmut zu erregen war die Devise. Bestimmte Baumaßnahmen in Deutschland erwecken geradezu Ressentiments.

Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen dem islamischen Antisemitismus und dem völkischen Antisemitismus?

Im Moment haben wir das Problem, dass in muslimischen Milieus antisemitische Vorbehalte vorhanden sind. Das ist eine Gefahr. Aber darüber sollte man nicht den christlichen Antijudaismus außer Acht lassen, der bis heute nach wie vor tief verwurzelt ist in der deutschen Kultur.

Haben Sie eine religiöse Bindung an das Judentum?

Ich bin das, was man einen Drei-Tage-Juden nennt. An den hohen Feiertagen suche auch ich die Synagoge auf. Ansonsten bin ich das, was man einen säkularen Juden nennt.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Glücklich? Ich habe in diesem Land als Wissenschaftler und Hochschullehrer eine Aufgabe gefunden. Und habe mein Wissen und meine Überzeugungen an junge Leute weitergeben können. So gesehen hatte ich ein glückliches Leben.

Das Gespräch führte Andreas Öhler

Julius H. Schoeps (74) ist Historiker und Gründungsdirektor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch- jüdische Studien an der Universität Potsdam.

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