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  • 19.04.2017

PNN-Serie "Studium anno 1958": Kurzschluss in der Kaserne

Fußballspiele in der Fachschaft, mit den Flurkommilitonen und gegen die sowjetischen „Freunde“.

Josef Drabek, 1939 in Böhmen geboren, studierte von 1958 bis 1962 an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dem Vorläufer der heutigen Potsdamer Universität. Derzeit schreibt Drabek seine Erinnerungen „Von Böhmen nach Brandenburg. Wege zwischen Weltkrieg und Wende“, deren erster und zweiter Teil vorliegt. Der dritte Teil zu Brandenburg beginnt mit der Studienzeit. Auszüge daraus erscheinen in den PNN.

Vom Fußballfanatiker und „FuWo“-Leser „Richard“ (PNN 8.3.2017) stammte die Idee, ein Spiel auf grünem Rasen gegen eine Vertretung des Lehrkörpers auszutragen. Dieser Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Da wir deren Spielstärke nicht kannten und eine Blamage vermeiden wollten, erhielt der Initiator den Auftrag, vorsichtshalber eine Auswahl der Fachschaft zusammenzustellen. Gleiches geschah auf der anderen Seite unter Leitung eines dreiköpfigen Trainerstabes mit dem „Eisernen Gustav“ an der Spitze.

Am Tage des Kampfes um das runde Leder liefen beide Teams auf der Sportstätte hinter dem Hochschulkomplex auf, wir einheitlich in den grünen Trikots der HSG, unsere Gegner in unterschiedlichen weißen Turn- und ähnlichen Hemden, die nach dem Match sichtbar wäschereif waren. Die Mannschaftskapitäne, „Richard“ und Hans Marnette, tauschten in Ermangelung üblicher Vereinswimpel Blumensträuße aus. Das schwarz gekleidete Schiedsrichterkollektiv hatte sich Spaßaccessoires um- und angehängt: jeder eine bunte Halskrause, der Referee einen schwarzen Regenschirm und Zeitnehmer „Saran“ seinen großen Wecker, was den Charakter der Begegnung unterstrich. So verhielten sich auch die zahlreichen Zuschauer, viel mehr als bei Punktspielen der HSG, die ein fast müheloses 4:1 der Grünen erlebten, wobei das Gegentor ein glattes Geschenk und ich als Torwart so gut wie beschäftigungslos war. Zum Schluss spendierte Institutsdirektor Friederici für die Akteure zwei Kästen Bier, und später gestalteten wir mit den von „Most“ geschossenen Fotos eine viel bewunderte Wandzeitung in unserem Institutsgebäude.

Das Treffen hatte Spaß gemacht, sodass Stimmen nach einer Wiederholung laut wurden. Da das fußballerische Können der Lehrervertretung nun bekannt war, beschlossen wir, als Seminargruppe anzutreten. Das bedeutete, dass bis auf eine Ausnahme alle Jungen mitspielen mussten, also auch der schauspielorientierte Schöngeist Berthold, der den Sitzfußball präferierende „Most“ und der zwar sportliche, aber dem Fußball abholde „Lubbe“. So war der Kampf ziemlich ausgeglichen und endete leistungsgerecht unentschieden. Um ein Haar hätte die Lehrerschaft sogar gewonnen, denn kurz vor Schluss stürmte der wieselflinke „Lubbe“ mit Ball am Fuß auf unser eigenes Tor zu und konnte erst kurz davor durch den Zuruf „Lubbe, anderslang!“ gestoppt werden.

Beide Spiele gegen die Lehrerschaft blieben die einzigen, die auf grünem Rasen ausgetragen wurden. Ansonsten bolzten wir auf dem Sandplatz an der Forststraße, den Angehörige des gegenüber liegenden sowjetischen Militärhospitals angelegt hatten und der von Mutter Natur mittlerweile zurückerobert wurde. Wenn es uns in den Fußballfüßen juckte, blies ich auf dem Flügelhorn ein militärisches Signal, zu dem Volksmund den Text unterlegt hatte: „Kartoffelsupp’, Kartoffelsupp’, die ganze Woch’ Kartoffelsupp, alle heraus.“ Da das im Studentenheim kaum zu überhören war, fanden sich kurze Zeit später etliche Mitbewohner auf dem Bolzplatz ein, um dem königlichen Spiel zu frönen. Das bereitete viel Spaß und nur dann Ärger, wenn der Ball über dem südlichen Tor gegen Fernsprechleitungen der Sowjets flog und in deren Kaserne einen Kurzschluss verursachte. Dann dauerte es nur Minuten, bis ein Armeejeep angebraust kam, aus dem mit Maschinenpistolen bewaffnete Militärpolizisten sprangen und nach den Übeltätern suchten. Da mit jenen nicht gut Kirschen essen gewesen wäre, haben wir uns stets fluchtartig in Sicherheit gebracht.

Mitunter spielten wir auch gegen Rekonvaleszenten des Hospitals, von denen manchmal eine leere Wodkaflasche über die Mauer geflogen kam, worauf „Richard“ empört „swinja“ (Schwein) hinüber rief. Manchmal bolzten die „Plattniks“, wie sie wegen ihrer geschorenen Köpfe genannt wurden, auch untereinander, und das im Unterschied zu den Spielen mit uns ziemlich ruppig. Unter deren vielköpfigen Zuschauern befand sich auch einer in weißem Kittel, offenbar ein Militärarzt, zu dem ich die Umstehenden ironisch fragte: „Kto eto takoje, powar ili wratsch?“ (Wer ist das, Koch oder Arzt?). Die „Freunde“ verstanden erfreulicherweise Spaß, bogen sich vor Lachen und antworteten prompt: „powar konjetschno, powar“ (Koch natürlich, Koch) und drückten mir vor Freude über den Ulk ein Gläschen Wodka in die Hand: Na sdorowje!

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