26.09.2017, 18°C
  • 04.04.2017
  • von Jan Kixmüller

Potsdamer Studentenfilmfestival Sehsüchte 2017: Unter die Oberfläche schauen

von Jan Kixmüller

Ansichtssache. Bei rund 132 Filmen aus über 25 Ländern lässt es sich vortrefflich über Inhalt und Umsetzung streiten – oder einfach nur lachen. Foto: Promo//Sehsüchte

Das größte europäische Studentenfilmfestival Sehsüchte steht 2017 unter dem Motto „Surfaces“ und hat sich in diesem Jahr einen Festivaltag mehr gegönnt. Die Organisatoren hoffen auf mehr Gäste - und nicht zu gutes Wetter.

Potsdam - Das Potsdamer Studentenfilmfestival Sehsüchte baut sein Programm aus. In diesem Jahr wird das Filmfestival der Filmuniversität Babelsberg mit 130 Filmen aus 32 Ländern insgesamt 15 Filme mehr als 2016 zeigen – und auch einen Tag länger stattfinden. Das Filmfest findet vom 26. bis zum 30. April an der Filmuni und auf dem Babelsberger Studiogelände statt. Hinzu kommt dieses Mal der 1. Mai, an dem die Studierenden mit ihrem Filmprogramm ins Potsdamer Filmmuseum ziehen, um näher an die Zuschauer aus der Innenstadt heranzukommen.

1000 Filme in der Vorauswahl

Nach dem Rekord vom Vorjahr, als knapp 3500 Filme für Europas größtes Studentenfilmfest eingereicht worden waren, sind diesmal nur knapp über 1000 Filme in Babelsberg eingetroffen. Was aber nicht am gesunkenen Interesse liege, sondern an einem neuen Verfahren, wie Leonie Below vom Sehsüchte- Team erläutert. Durch eine geringe Gebühr sollte die Zahl der Einreichungen verringert und damit die Arbeit für die Programmgruppe etwas erleichtert werden. Im vergangenen Jahr seien auch Filme dabei gewesen, die eher in die Sparte Urlaubsfilm gepasst hätten. „Da war die Auswahl etwas zu mühsam“, so Below. Diesmal wollte man die Hürde etwas höher legen, was wohl auch gelang.

Die Programmgruppe hatte von Februar bis März getagt, um die 1000 Filme anzuschauen. Die Studierenden sichteten aber nicht wie in früheren Jahren in nächtlichen Marathonscreenings, sondern fast schon wie an einem geordneten Beamtentag wochentags von 10 bis 18 Uhr plus Pause. Der Nachwuchs hat sich offenbar stark professionalisiert.

Die meisten Filme sind aus Europa und politisch

In dieser Woche nun soll das Programm feststehen. Zumindest kann man schon verraten, dass unter den 132 Nachwuchsfilmen 70 Werke aus Deutschland kommen. Die meisten Filme wurden aus Europa eingereicht, ansonsten waren Südamerika und Russland besonders stark vertreten. Vor allem politische Themen sind diesmal dabei, wie schon im Vorjahr. Auch das Flüchtlingsthema spiegelt sich nach wie vor in den Geschichten. Die Filmemacher würden sich komplexen, politischen Themen sehr persönlich nähern, sagte Henrike Rau von der Programmgruppe. Etwa durch Familiengeschichten oder Erzählungen, die sich Beziehungen und der eigenen Leidenschaft widmen.

Das ausschließlich von Studierenden organisierte Filmfest steht diesmal unter dem Motto „Surfaces“, also Oberflächen. Dabei gehe es einerseits um Experimentelles, andererseits aber auch um Oberflächen wie Hautfarben und Herkunft. Damit spielt auch der Trailer in diesem Jahr, der die Mannigfaltigkeit der Herkunft der Menschen in Szene setzt. „ Viele Assoziationen sind möglich: Gänsehaut, Oberflächlichkeit im Film und der Filmbranche, die Oberflächen, die im Film durchbrochen werden oder eben auch die menschliche Haut und das Thema Rassismus“, so Leonie Below. Zudem stecke ja in dem englischen Wort „Surfaces“ auch „Faces“ für Gesicht. „Und ein Gesicht ist auch wieder eine Oberfläche, die von Mimik belebt wird.“ Oder auch die Filmgesichter von morgen. Um das Motto herum werden die Studierenden der Szenografie aktiv werden. Sie wollen Haptisches und Tastbares auf dem Festivalgelände schaffen.

Der Schwerpunkt Berlin-Brandenburg vom Vorjahr geht diesmal in eine Show-Case-Werkschau auf: Darin werden Filme und Projekte der Potsdamer Filmuni – Höhepunkte aus mehr als 60 Jahren – und von der renommierten Partnerfilmhochschule Lódz gezeigt. Von der polnischen Filmschule werden auch zahlreiche Gäste erwartet – der Austausch soll im Mittelpunkt stehen. Schirmherr ist in diesem Jahr der Potsdamer Regisseur Andreas Dresen, der selbst Absolvent der Vorgängerhochschule HFF ist.

Prominent besetzte Jurys

Recht prominent besetzt sind in diesem Jahr die verschiedenen Jurys. So gehören der diesjährigen Jugend-Jury unter anderem Anne-Frank-Darstellerin Lea Van Acken und Timm-Thaler-Darsteller Arved Friese an (PNN berichteten). Die Jury für das beste Drehbuch besteht unter anderem aus der UFA-Produzentin Henriette Lippold („Deutschland 83“) und der weithin bekannten Nachwuchsschauspielerin Lana Cooper („Love Steaks“, „Tiger Girl“). Für die Jury des besten Spielfilms konnten die Filmstudenten den Schauspieler Florian Bartholomäi („Liebe geht durch alle Zeiten“-Trilogie), den renommierten Kameramann Martin Langer („Sophie Scholl“, „Das ganz große Spiel“), die Fernsehregisseurin Dagmar Seume („Danni Lowinski“, „Tatort“) sowie die Filmuniversitätsabsolventin Pola Beck (prämiertes Debüt „Am Himmel der Tag“) gewinnen.

Im Fokus des in diesem Jahr expandierten Festivals soll einerseits ein noch stärkerer Austausch der Filmemacher stehen, andererseits will man aber auch eine möglichst große Resonanz bei den „normalen“ Zuschauern aus der Region erreichen. Wofür die Zeichen gar nicht so schlecht stehen, allein schon durch die Gäste aus Polen werden mehr Filmemacher erwartet, und durch den Tag Verlängerung am 1. Mai dürfte man auch die Potsdamer direkt ansprechen. Immerhin waren es im Vorjahr mit rund 8000 Besuchern bereits mehr Festivalgäste als 2015. „Wir hoffen auf noch mehr Publikum“, sagt auch Leonie Below – und vielleicht auch darauf, dass das Wetter nicht zu gut für den Filmmarathon wird.

Die Sehsüchte gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre, es gilt als größtes Studentenfilmfestival Europas. Das Festival startete bereits 1972 als „FDJ-Studentenfilmtage“, wurde nach der Wende kurz eingestellt und 1995 als Sehsüchte neu erfunden.

Mehr dazu >>

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!