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  • 03.04.2017
  • von Jan Kixmüller

"Digital Engineering"-Fakultät der Universität Potsdam: HPI-Chef Meinel: „Der Status ist bundesweit einmalig“

von Jan Kixmüller

Die Stiftung des Hasso-Plattner-Instituts in Griebnitzsee finanziert die Fakultät für „Digital Engineering“. Mit neuen Masterstudiengängen soll der Forschungsrückstand im Bereich des digitalen Gesundheitsmanagements aufgeholt werden. Foto: K. Herschelmann/HPI

Seit dem 1. April ist das Hasso-Plattner-Institut eine Fakultät der Universität Potsdam. Direktor Christoph Meinel spricht im PNN-Interview über die erste privat finanzierte Fakultät Deutschlands, das Vorhaben des Stifters Hasso Plattner und Pläne mit Bill Gates.

Herr Meinel, ist die Marke HPI jetzt Geschichte, geht das Institut in der neuen Fakultät für „Digital Engineering“ ganz auf?

Die Marke Hasso-Plattner-Institut wird natürlich weiterleben. Die gemeinnützige HPI GmbH bleibt Arbeitgeber der Professoren und Mitarbeiter und Betreiber der HPI D-School, der HPI Research School und der verschiedenen Forschungslabore. Und wir sind stolz auf den Namen des Stifters. Die neue Anbindung an die Universität über eine eigene Fakultät betrifft die akademische Verfassung des HPIs, also die Fragen von Forschung und Lehre. Hier wollen wir noch enger mit der Universität Potsdam zusammenarbeiten. Für die gemeinsame Fakultät werden demzufolge beide Logos – von Universität und HPI – verwendet.

Die HP-Stiftung finanziert das Vorhaben. Wer gibt nun den Ton an?

Auch in Zukunft wird die Hasso Plattner Stiftung die Finanzierung des HPIs sicherstellen und wir sind sehr dankbar, dass Hasso Plattner über seine Stiftung einen weiteren Ausbau des HPIs ermöglicht. Die Überlegungen, wie das um neue Fachbereiche erweiterte HPI akademisch verfasst sein soll, haben eine Verfassung als eigenständige Fakultät der Universität Potsdam als besonders sinnvoll erscheinen lassen und zur Gründung der neuen Fakultät geführt. Die wird in den akademischen Belangen von einem gemäß Universitätsgesetz in den einzelnen Statusgruppen gewählten Fakultätsrat und einem Dekan geführt, der auf Basis eines gemeinsamen Vorschlags von Universitätspräsident und Hasso Plattner Stiftung vom Fakultätsrat gewählt wird.

Warum wurde überhaupt eine ganze Fakultät gebraucht?

Das wurde nötig, weil das Institut in größerem Maße wachsen soll und als eigenständige Fakultät mehr Autonomie in den akademischen Belangen erhält, also z.B. bei der gemeinsamen Berufung von neuen Professoren oder bei der Einrichtung neuer Studiengänge. Auch soll sich das HPI ja thematisch ausweiten auf weitere Gebiete im Bereich Digital Engineering. Im bisherigen Status als An-Institut musste all das mit den Gremien der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät bewerkstelligt werden, die ohnehin jetzt schon die größte der Uni Potsdam ist. Die Erweiterung des HPIs, mit der allein für dieses Jahr geplanten Berufung von sieben neuen Professuren, ist in dieser Konstellation nicht mehr effektiv abzuwickeln. Eine eigene Fakultät kann hier autonomer und schneller agieren.

Gibt es vergleichbare Konstruktionen?

Der Fakultätsstatus für eine außeruniversitäre Einrichtung an einer öffentlichen Universität ist bundesweit einmalig. Wir sind sehr stolz, dass uns das Land und die Universität ihr Vertrauen für eine solche Konstruktion geschenkt haben. Tatsächlich bietet das Brandenburger Hochschulgesetz diese Möglichkeit. Sie wurde im Zusammenhang mit den Planungen für den Gesundheitscampus in das Landeshochschulgesetz aufgenommen. Ich freue mich, dass gerade mit dem HPI hier Neuland betreten wird und eine strukturelle Innovation in der deutschen Hochschullandschaft gestaltet werden kann.

Sind die Informatiker der Uni einbezogen?

Es gibt an der Universität Potsdam viele Informatik-Kollegen in den verschiedenen Fakultäten, das Institut für Informatik an der Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät, die Wirtschaftsinformatik bei den Wirtschaftswissenschaften und die Computerlinguisten bei den Geisteswissenschaften. Das ist auch sinnvoll, weil es in Bezug zur jeweiligen Fakultät und ihrem fachlichen Umfeld eine jeweils eigene Ausrichtung braucht. In jedem Fall sind alle diese Kollegen für die neue Fakultät inhaltliche Partner.

In der Planungsphase war auch die Privatuniversität eine Option. Warum wurde sie dann verworfen?

Weil der Stifter Hasso Plattner die Nähe zum öffentlichen deutschen Universitätssystem bewahren möchte. In öffentlichprivater Partnerschaft hat das HPI und der Standort ja bereits in den vergangenen 19 Jahren eine sehr gute Entwicklung genommen. Auch, dass nun das erste Mal in der deutschen Universitätslandschaft ein neues Konstrukt versucht wird, passt gut zum offenen Gründer- und Pioniergeist des HPIs und der geschätzten Beweglichkeit von Land und Universität.

Was wäre gewesen, wenn der Uni-Senat gegen die neue Fakultät gestimmt hätte?

Dann wäre es wohl doch eine Privatuniversität geworden. Baulich wird es am Griebnitzsee für das Vorhaben nun aber eng. Die Bauarbeiten für ein neues Gebäude in der August-Bebel-Straße haben bereits begonnen, die Fertigstellung ist für 2018 geplant. Außerdem wird der neue Fachbereich Digital Health in das bislang von Startups und der Stiftungsverwaltung genutzte Gebäude in der Rudolf-Breitscheid-Straße einziehen können. Weitere Möglichkeiten sondieren wir derzeit.

Welche Dimensionen werden insgesamt angestrebt?

Geplant ist der Aufbau von neuen Fachbereichen und eine Erweiterung der Studienangebote, zunächst um vier neue Masterstudiengänge. Konkret sollen die beiden Fachbereiche Digital Health und Smart Energy neu aufgebaut werden, hier benötigen die Studierenden jeweils ein besonderes Domänenwissen. Daneben sollen die schon am HPI vertretenen Bereiche Data Engineering und Cyber-Security deutlich ausgebaut und entsprechende Studiengänge eingerichtet werden.

Domänenwissen müssen Sie erklären.

Es geht darum, dass Informatik-Wissenschaftler und Ingenieure für eine erfolgreiche Arbeit in spezifischen Anwendungsbereichen neben ihrem Informatikwissen auch ein detailliertes Fach- und Kontextwissen der Anwendungsdomäne brauchen, in diesem Fall aus der Medizin und dem Energiebereich. Im Medizinbereich wollen wir dazu eng mit der Berliner Charité kooperieren. Für den Fachbereich Smart Energy planen wir eine Vernetzung mit der Initiative von Bill Gates, die die weltweiten Energieprobleme bis Ende des Jahrhunderts lösen möchte. Dazu hat Gates einen großen Fonds aufgelegt, wir wollen da als Think Tank mitwirken.

Und die anderen beiden Studiengänge?

Erweitern werden wir auch bestehende Schwerpunkte in den Bereichen Data-Engineering und Analytics und im Bereich Cyber-Security. Hier geht es insbesondere auch um Methoden und Technologien mit riesigen Datenmengen umzugehen. Auch in diesen beiden für die Anwendung so wichtigen Gebieten sollen jeweils drei neue Professuren berufen und Masterstudiengänge eingerichtet werden.

Was ist im Bereich Digital Health konkret geplant?

Digital Health ist ein aktuell ganz rasant an Bedeutung gewinnender Anwendungsbereich von IT-Technologien und Datenwissenschaft in medizinischen Kontexten. Dort werden über neue Diagnoseverfahren und über verschiedenste Sensoren beispielsweise im Smartphone immer mehr Gesundheitsdaten produziert, die es auszuwerten gilt. So kann beispielsweise neues Wissen über die Güte von Diagnosen, die Wirksamkeit von Therapien oder von Wirkstoffen erlangt werden, ein Wissen, das dann zum Wohle der Patienten und zur verbesserten Gesundheitsversorgung angewendet werden kann. Es geht um die Verwirklichung der Vision der personalisierten, also auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Medizin. Hier wollen wir Expertise aufbauen und den dringend benötigten Nachwuchs ausbilden. Wir sind guter Hoffnung, die neuen Professoren noch in diesem Jahr berufen und den Digital Health Studiengang schon 2018 anbieten zu können.

Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Relevanz der Digitalisierung aus?

Auch dieser Bereich wird ausgebaut und erhält über die neuen Fachgebiete wichtige Impulse. Wir fühlen uns ja auch verpflichtet, in die Gesellschaft zu wirken und aufzuklären über die von der digitalen Revolution getriebenen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft und auch im privaten Leben. In unserer D-School arbeiten wir mit verschiedenen Partnern an Themen mit großer gesellschaftlicher Relevanz und bei unseren open.HPI-Kursen geht es um die breite Aufklärung der Öffentlichkeit zu Fragen der Digitalisierung. Außerdem entwickeln wir, um nur ein ganz konkretes Beispiel zu nennen, eine Schul-Cloud für Deutschland, um die Nutzung digitaler Lernhinhalte in den Schulen Deutschlands voranzubringen.

Griebnitzsee soll zum Kompetenzzentrum für Digitalisierung werden …

… wir haben schon heute eine Schrittmacherfunktion in Bezug auf Digitalisierung – auch im größeren Umfeld mit Berlin.

Potsdam soll also nicht zu einer Alternative zu Berlin werden?

Nein, es geht um ein attraktives Angebot für die Region. Natürlich gibt es immer Wettbewerb zwischen den Einrichtungen, das ist auch gut und wichtig. Aber wir verstehen uns schon als Akteur im Großraum, insbesondere auch in enger Kooperation mit dem SAP Innovation Lab am Jungfernsee. Stadt- und Ländergrenzen können hier kein Maßstab sein. Durch unsere leichtgewichtigen HPI-Strukturen können wir schnell agieren, wir haben einen guten Ruf in Wissenschaft und Wirtschaft und sind auch international gut sichtbar. So bietet die Erweiterung des HPIs eine große Chance für die gesamte Region.

Wo sehen Sie die Fakultät in zehn Jahren?

Im Bereich Digital Health wollen wir den Rückstand aufgeholt haben, den wir gegenüber dem Ausland heute schon haben. Das Energiethema kann dem Standort eine noch höhere Beachtung einbringen, als wir es bereits heute mit der Energiewende haben. In Forschung und Ausbildung im zukunftsträchtigen Bereich des Digital Engineering wollen wir mit hervorragenden Wissenschaftlern auch weiterhin exzellente Studienbedingungen anbieten und die besten Doktoranden ans HPI holen.

Und international?

Das HPI verfügt bereits heute über enge Verbindungen ins Silicon Valley und zur Stanford Universität, hat Außenstellen in Südafrika, Israel und China. Ab Juni wird es auch in New York eine Dependance geben, von der wir uns insbesondere für den Aufbau des neuen Digital Health Bereichs wichtige Impulse versprechen.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller




ZUR PERSON: Christoph Meinel (62) ist Direktor und Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik GmbH (HPI) an der Universität Potsdam. Er ist zudem Vorsitzender des Gründungskomitees für die Fakultät „Digital Engineering“, das seit März arbeitet. Die neue Fakultät hat ihre Arbeit zum Semesterbeginn am 1. April aufgenommen, feierliche Eröffnung ist am 10. April. Meinel ist Informatiker, Professor für Internet-Technologien und Systeme der Universität Potsdam, Programmdirektor des HPI-Stanford Design Thinking Research Programs, und Mitglied der nationalen Akademie der Technikwissenschaften acatech. Derzeit studieren etwa 530 Studenten am HPI, in den kommenden Jahren sollen in vier neuen Masterstudiengänge insgesamt rund 240 Studienplätze hinzukommen. Jan Kixmüller

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