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  • 29.03.2017
  • von Jan Kixmüller

Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam: „Die sozialen Medien haben alle überrumpelt“

von Jan Kixmüller

Die anfängliche Angst vor den Computern ebbte ausgerechnet im Orwell-Jahr 1984 wieder ab. Nun zogen Computer in die Kinder- und Arbeitszimmer ein, allen voran der Commodore C64 (Foto). Damit galten sie nicht mehr nur als Werkzeuge des Staates. Die Geschichte der Digitalisierung hat eine Forschergruppe am ZZF untersucht. Foto: Karl Staedele/dpa/picture-Alliance

Der Potsdamer Zeithistoriker Frank Bösch spricht im PNN-Interview über den Wandel unseres Lebens durch Computer, Unterschiede in Ost und West und die Angst vor totaler Überwachung.

Herr Bösch, Computer sind doch eigentlich etwas für Informatiker – warum beschäftigen sich nun auch die Zeithistoriker damit?

Computer bescherten bereits seit den 1960er-Jahren in vielen Bereichen einen tiefgreifenden Wandel. In der Arbeitswelt veränderten sie Abläufe, Aufgaben und die Planung. Der Staat, Banken oder auch Versicherungen gewannen neue Kontrollmöglichkeiten, etwa zur Erfassung der Bevölkerung. Und schon lange vor dem öffentlich zugänglichen Internet ermöglichten Computer neue Informationswege, etwa dank Datenfernübertragung ab 1965. Wie Computer in den Jahrzehnten vor dem Internet in Ost- und Westdeutschland genutzt wurden, ist jedoch bisher kaum erforscht.

Die meisten Menschen kamen erst später mit Computern in Berührung.

Heimcomputer verbreiteten sich in der Tat erst seit den 1980er-Jahren: im Westen besonders mit dem Commodore C64 ab 1983, in der DDR waren sie vornehmlich in Schulen und Jugendclubs zugänglich. Dennoch spielten auch die vorherigen Großrechner eine wichtige Rolle und waren nicht nur über die Medien bekannt. Arbeiter in großen Betrieben erhielten in Ost und West bereits seit den 1960er-Jahren ihre Abrechnungen von Computern, ebenso berechneten sie den Stand der Renteneinzahlungen, die Kreditfähigkeit und den Fluss von Produkten und Dienstleistungen. Wichtige Prognosen, wie die des Club of Rome zu den „Grenzen des Wachstums“ 1972 oder planwirtschaftliche Berechnungen, stammten von Computern. Im Westen begrüßte oder fürchtete man die computergestützte „Rasterfahndung“ nach Terroristen.

Computer kosteten damals Millionen. Warum diese Investitionen?

In Ost- und Westdeutschland bestand ein Mangel an Arbeitskräften. Kapitalismus und Sozialismus waren deshalb an einer Rationalisierung interessiert. Zudem nahmen der Konsum und die Komplexität bei der Verwaltung zu. Zwei Beispiele: In den 1950er-Jahren hatten Arbeiter noch selten ein Girokonto, zwanzig Jahre später schon. Um diese Zunahme von Buchungen zu bewältigen, hätten die Banken viel Personal einstellen müssen, wenn nicht Computer die Berechnungen übernommen hätten. Oder das Beispiel der Rentenversicherungen: Die großen Rentenreformen 1957 und 1972 schufen eine individualisierte Berechnung, die nur dank der „Elektronengehirne“ möglich war. Computer waren somit eine Antwort auf die zunehmende Komplexität der Gesellschaft und auf steigende Lohnkosten.

Heute heißt es andersherum auch, dass es die Digitalisierung ist, die zu einer zunehmenden Komplexität führe.

Computer erleichterten jeweils die Arbeit und erschwerten sie durch ihre komplizierte Technik und das Informationswachstum. Schon Konrad Zuse hatte in den 1930/40er-Jahren seine ersten Rechner gebaut, um sich die mathematische Arbeit beim Flugzeugbau zu erleichtern. Gleichzeitig schufen die Computer eine neue Komplexität, da sie schwer zu programmieren und zu warten waren. Schon in den 1960er-Jahren fehlten Programmierer, um diese Maschinen überhaupt zu bedienen. Der aktuell sehr erfolgreiche Hollywood-Film „Hidden Figures“ zeigt dies anschaulich für den IBM-Computer bei der Nasa.

Heute steht auch die These im Raum, dass die Digitalisierung dem Populismus Vorschub leistet, weil große Teile der Bevölkerung sich nicht mitgenommen fühlen. Ist eine solche Entwicklung historisch tatsächlich erkennbar?

Computer sorgten immer wieder für Euphorie und Ängste. Die Furcht, Computer würden Jobs abbauen und alle privaten Daten ausspähen, finden wir seit Mitte der 1950er-Jahre in den Medien und bei den Gewerkschaften. Zugleich begrüßten viele Arbeiter und Angestellte die digitalen Rechner, da sie eine Befreiung von Routineaufgaben versprachen – sei es am Fließband oder in der Verwaltung. Alle möglichen Produkte wurden nun neu beworben. Sparkassen warben etwa mit computerberechneten Krediten und VW 1971 mit einer blitzschnellen „Computer-Diagnose“ in der Werkstatt. Solche hochfliegenden Versprechen führten oft zu Enttäuschungen.

Die Vereinfachung der Arbeit führte auch zu einer enormen Beschleunigung.

Computer veränderten die Dichte der Informationen und den Kommunikationsfluss. Durch die Datenfernübertragung – kurz DFÜ – konnten große Unternehmen und Behörden seit den 1960er-Jahren Daten zentral erfassen, neue korrelieren und abrufen. Das war auch für Polizei- und Geheimdienste wie die Staatssicherheit in der DDR interessant, da so Namen rascher überprüft werden konnten.

Wie veränderten sich Kontroll- und Machtgefüge durch die Rechner?

Interessant ist, dass die tatsächliche Nutzung von der öffentlichen Wahrnehmung zum Teil stark abwich. In der DDR wurde die Stasi kaum mit Computern in Verbindung gebracht, sondern mit spitzelnden Menschen. Tatsächlich aber führte die Stasi nahezu zeitgleich zum BKA Computerdatenbanken ein, die maßgeblich auf Computern und Programmen von Siemens liefen. Im Westen war es genau umgekehrt: Die kritische Öffentlichkeit der 1970er-Jahren fürchtete die Rasterfahndung des BKA, die mit Computern die Gesellschaft kontrolliere. Die internen Akten zeigen freilich, dass diese Behörden weniger effektiv als befürchtet die Rechner nutzten. Auch bei den Nachrichtendiensten bremsten schon in den 1970er- Jahren die regionalen Datenbanken den bundesweiten Austausch. Die Grenzen des digitalen Informationsflusses, die wir heute aus dem NSU-Prozess beim Verfassungsschutz kennen, zeichneten sich früh ab. Die Landesämter hatten eigene Programme und saßen etwas eifersüchtig auf ihren Daten.

Es gab eine große Angst vor dem Überwachungsstaat.

In Westdeutschland kam diese Angst besonders Ende der 1970er-Jahre auf. Sie kulminierte in dem Protest gegen die Volkszählung, die als computergestützte Datenkrake gefürchtet wurde. Die Angst vor „Orwells 1984“ nahm aber ausgerechnet in diesem Jahr wieder ab. Denn nun zogen Computer in die Kinder- und Arbeitszimmer ein. Damit galten sie nicht mehr nur als Werkzeuge des Staates. Es entstand langsam eine subversive Computernutzung gegen den Staat. Mit dem Chaos Computer Club gab es im Westen nun eine Gruppe aus dem linksalternativen Milieu, die den Datenschutz kritisch prüfte. Bei der Linken blieb die Angst und Distanz aber noch lange bestehen. Die Bundestagsfraktion der Grünen lehnte etwa 1987 als einzige Fraktion ab, Computer in ihren Büros zu nutzen, weil sie eine Überwachung ihrer Arbeit fürchtete. Heute würde man sagen, dass viele dieser Ängste, die in den 1980er-Jahren belächelt wurden, nicht ganz unzutreffend waren.

Deutschland war in Sachen Datenschutz besonders aktiv. 1970 gab es in Hessen das erste Datenschutzgesetz der Welt. Woher rührte das?

Dass in der Bundesrepublik die Angst vor dem Datenmissbrauch größter war als in anderen europäischen Nachbarländern, hing sicher auch mit dem Nationalsozialismus zusammen. Hinzu kam die Durchleuchtung von Biografien in den 1970ern durch die neue Angst vor der Linken, besonders im Zuge des "Radikalenerlasses". In anderen Ländern bestand keine vergleichbare Angst vor Personenkennziffern oder Großrechnern. 1977 wurde die Bundesrepublik dann mit dem Bundesdatenschutzgesetz zum internationalen Vorreiter.

Ihre Projektgruppe hat beide Seiten Deutschlands untersucht. Was fiel dabei auf?

Anfangs war der Rückstand der DDR nicht so groß wie später. Bereits kurz nach der Bundesrepublik baute die DDR zentrale Großrechneranlagen und Informatikstudiengänge auf. Ende der 60er- Jahre geriet die DDR dann wie in anderen Gebieten stark ins Hintertreffen, aus Materialmangel und eingeschränktem Zugang zur westlichen Technik. Anfang der 70er-Jahre wurde die staatliche Förderung unter Honecker erst reduziert, um sie dann 1979 stark hochzufahren. Die SED wusste, dass sie eine wegweisende Entwicklung verpasst hatte, und blieb trotz Milliardenprogrammen zehn bis 15 Jahre zurück. Auch die Kooperation mit den RGW-Staaten – dem Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe – lief beim Computerbau schlecht.

Was hat Sie überrascht?

Dass der Ost-West-Austausch generell stärker als erwartet war. Nicht nur die Stasi nutzte westliche Technik, die dann Ende der 1960er-Jahre nachgebaut wurde. Das sozialistische IT-System wurde inklusive der Software kompatibel zur IBM und westlichen Technik gehalten. Die Zeitzeugen aus der DDR berichten, dass sie West-Zeitschriften nutzten und auf Messen mitunter Geschenke erhielten, die sie dann weiterentwickeln konnten. Die Stasi erfragte bei Robotron sogar, was sie aus dem Westen ausschleusen oder ausspionieren sollte. Bei großen Firmen wie Siemens hatte sie IMs eingeschleust, um bei der Computertechnik auf dem Laufenden zu bleiben.

Und im Westen?

Meist verbinden wir Computer hier nur mit einem Stellenabbau. Aber die Mitarbeiterzahlen bei Unternehmen und Behörden mit starker Computernutzung wuchsen oft. Denn sie ermöglichten eine Ausweitung der Aufgaben. Ohne die Computer wären freilich noch viel mehr Mitarbeiter nötig gewesen.

Heute beschleunigt das am Potsdamer HPI entwickelte Hana-System die Computersysteme erheblich. Es wird erwartet, dass dadurch die Mitarbeiter der Unternehmen mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe, die Kreativität, erhalten.

Schon in den 1950/60er-Jahren kursierten euphorische Versprechen, dass die Computer langweilige Routinearbeiten übernehmen und Menschen neuen Raum für die eigentlich wichtigen und kreativen Aufgaben erhalten. Tatsächlich erfolgte rasch eine Ernüchterung. Die Beschleunigung und Zunahme an Daten hatte rasch gegenteilige Effekte. Heute kennt das jeder, der sich stundenlang durch E-Mails kämpft, die doch eigentlich Zeit ersparen sollen.

Wann zeichnete sich die Teilhabe über das Internet ab?

Die zahllosen Visionen über die künftige Computerwelt kamen bis in die 1980er- Jahre kaum auf die Idee, dass Computer Medien der vernetzten Individualkommunikation werden könnten. Mit dem „usenet“ entstand bereits 1979, also lange vor dem World Wide Web, in den USA eine Kommunikationsplattform. In den 1980er-Jahren vernetzten bereits viele Privatpersonen, vor allem Jugendliche, ihre Computer. Angesichts der damals hohen Telefonkosten hackten sich auch zahlreiche Schüler in die Telefonleitungen großer Firmen, um auf ihre Kosten über den Atlantik hinweg zu kommunizieren. In der DDR war dies hingegen kaum möglich angesichts der maroden Telefonleitungen und der Überwachung durch die Stasi.

Die ausufernde Kommunikation in den sozialen Medien ...…

... das hat alle überrumpelt, auch die Wissenschaft. Die meisten nahmen an, dass Menschen auf zentrale Datenbanken zugreifen, etwa auf Bibliotheken, Banken oder kommerzielle Angebote. Dass jeder einfach selbst Inhalte erstellt, ahnte kaum jemand. Im Zeitalter von Fernsehen und Radio dachte man öffentliche Kommunikation von oben her.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

ZUR PERSON: Frank Bösch (47) ist Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung und Professor an der Uni Postdam. Seit drei Jahren leitet er eine Forschergruppe zur Geschichte der Computerisierung.

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