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  • 22.03.2017
  • von Jan Kixmüller

Potsdamer Slawistin auf der Leipziger Buchmesse: Zwischen Himmel und Hölle

von Jan Kixmüller

Verführerische Reise. Vor gut 90 Jahren fand der tschechische Autor Durych ein für ihn befremdliches Deutschland vor. Repro: Hans Baluschek Bahnhofshalle/Archiv

Im Jahre 1925 reist ein tschechischer Autor auf den Spuren Wallensteins durch Deutschland. Was er dort vorfand, ist nun erstmals in der Übersetzung einer Potsdamer Slawistin auf Deutsch zu lesen.

Potsdam - Eine literarische Neuentdeckung ist der Potsdamer Slawistin Birgit Krehl gelungen. Vor nahezu 30 Jahren schon, noch während ihrer Promotionszeit an der Universität Leipzig, war sie auf das Manuskript des tschechischen Schriftstellers und Militärarztes Jaroslav Durych (1886–1962) gestoßen. 1925 war er auf den Spuren des legendären Feldherrn Wallenstein durch den Osten Deutschlands – Dresden, Berlin, Stralsund, Magdeburg und Leipzig – gereist, keine historischen Betrachtungen der Schlachten, keine klassische Reisereportage hatte Durych verfasst, sondern vielmehr einen fantastischen Trip durch die Gefilde des verbotenen Angstnachbarn, eine Fahrt gleichsam von der Hölle in den Himmel.

Endlich konnte das schmale Büchlein erscheinen

Birgit Krehl von der Universität Potsdam ist es mit zu verdanken, dass die Übersetzung, nachdem sie in Deutschland mehrfach nicht veröffentlicht werden konnte, nun endlich erschienen ist. Das schmale Büchlein „Unerkannt durch Deutschland“ hat der Quintus-Verlag verlegt, am Donnerstag, dem 23. März, wird es auf der Buchmesse in Leipzig vom tschechischen Kulturministerium vorgestellt (Halle 4, Stand D403, 14 bis 14.30 Uhr). Vielleicht ist die Veröffentlichung der Anfang einer literarischen Entdeckungsreise à la Sándor Márai, von dem erst posthum etliche Werke erschienen waren. Auch bei Durych gibt es noch gut zwei Dutzend Manuskripte zu übersetzen und zu verlegen.

1988 schon war die Slawistin Krehl auf Durychs Text aufmerksam geworden. Noch zu DDR-Zeiten hatte sie ein von Begeisterung getragenes Gutachten für einen Ost-Verlag geschrieben, doch eine zweite Beurteilung fiel vernichtend aus, schon aus politischen Gründen war der katholisch-konservative Autor damals nicht druckbar. Auch in der Tschechoslowakei war Durych nicht mehr verlegt worden, er stand gegen den herrschenden linken und liberalen Zeitgeist, war ein literarischer Einzelgänger; nach dem Krieg hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Im Nachwende-Deutschland dann musste ein interessierter Verlag Insolvenz anmelden. Viele Jahre vergingen, bis sich nun endlich wieder eine Möglichkeit ergab.

Halluzinierend, somnambul, subversiv und bisweilen auch verstörend

Eigentlich will der Autor zu Beginn gar nicht reisen, doch ein nicht genauer benannter Auftraggeber führt ihm die Hand, geheimnisvoll wie so vieles in diesem vom Umfang eher kleinen Band, dessen Sprache umso gewaltiger daherkommt. Halluzinierend, somnambul, subversiv und bisweilen auch verstörend ist dieser Bericht aus einer fremden Welt, in die sich Durych in der spannungsgeladenen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg begibt, wohlwissend um die Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen. Doch Durych kokettiert mit seiner Angst und lädt seine Fahrt vor dem großen historischen Hintergrund der Schlachten des Dreißigjährigen Krieges mächtig mit Pathos auf.

Es war nicht einfach, Durych zu übersetzen, sagt die Slawistin Birgit Krehl. Im Tschechischen wimmelt der Text nur so von Anspielungen auf den Zeitgeist, die zeitgenössische Literatur und Malerei, das musste in die Gegenwart gebracht werden. Zum Teil bedeutete die Übersetzung auch Recherchearbeit, Fakten waren zu prüfen, weil Durych stark aus dem Gedächtnis heraus schrieb.

Deutschland erscheint gespenstisch und stark überzeichnet

Heute liest man mit einiger Neugierde, wie ein Außenstehender Deutschland vor rund 90 Jahren sah. Das Land erscheint recht gespenstisch, stark überzeichnet. Der „Weg führt ins sichere und unabwendbare Verderben, in die Verbannung“, schreibt der Autor. Durych wähnt sich in einem „Land ohne Lachen“, die Menschen schweigen, ein graues Land, ein Vorhof zur Hölle in den Gefilden zwischen Erzgebirge und Ostsee. Verstehen kann man das nur aus der damaligen Zeit heraus, kurz nach dem Ersten Weltkrieg existierte ein sehr negatives Bild der Deutschen in der Tschechoslowakei, in den 1920er-Jahren gab es nationale Konflikte zwischen Deutschen und Tschechen in der CSSR. Doch Durych legte sich mit allen Seiten an. Er polarisierte auch in seiner Heimat. Entweder wurde er geliebt – oder eben gehasst.

Das Deutschland seiner Reise wandelt sich dann aber auf wundersame Weise. In Magdeburg meint der Tscheche einen „mystischen Meridian“ – der Deutschland in ein „Land ohne Lachen und ein Land der Freude“ teilt – überschritten zu haben. Das Lachen ist nun immer auch ein unterschwelliger Appell an den Eros, wenn Durych Schülerinnen und Mädchen beschreibt, wie auch bei der wiederum geheimnisvollen Begegnung mit einer alten Frau in Stralsund, die ihm mit sonderbarer Stimme „Komm her!“ zurief, gleich einer unverständlichen Zauberformel.

Durych erhebt die ganze Reise in die Fremde zu einer Art Seitensprung, zu einer Verführung durch die große Unbekannte, der er sich – nicht ohne Selbstironie – willentlich ausliefert. Als Katholik und Tscheche sucht er eigentlich die verborgene Verwandtschaft der beiden Kulturen – ausgerechnet im Mutterland des Protestantismus. Ein waghalsiger Flirt: Deutschland reizt den Tschechen wie eine verbotene Geliebte.

Am Ende scheint Durych an seinem eigentlichen Ziel angekommen – und glaubt es selbst wiederum kaum. Die Landschaften des Schlachtfeldes bei Lützen, die er zuvor als Soldat imaginiert hatte, scheinen gar nicht zu existieren. Enttäuscht wähnt sich Durych fast schon im falschen Lützen. Wie er am Ende seiner Reise auch gar nicht mehr sicher ist, überhaupt in Deutschland gewesen zu sein. Ihm wird das Land zum geheimnisvollen Märchen, schaurig, grausam und trotzdem schön. Im dunklen Deutschland fand der Autor schließlich doch die hellsten Momente.

Ein recht eigenwilliger Blick, inspiriert von Kafka und Meyrinks Golem  

Letztlich wirft er einen recht eigenwilligen Blick auf Deutschland. Wenn er sich inkognito durch die Gassen der deutschen Städte schleicht, meint man mit Gustav Meyrink durch das finstere Prag des Golems zu irren – oder wähnt sich wie bei Kafka in den Händen unbekannter Mächte. Zu Papier bringt er das mit ungewöhnlicher Akzentuierung. „Eine ganz eigene Sprache, stark an der Literatur des tschechischen Barocks orientiert, sehr ornamental“, attestiert die Übersetzerin Krehl. „Das trägt den Text sehr stark, ein überaus assoziativer Stil; eine Reisereportage, aber gleichzeitig ein hochartifizieller Text.“ Der Autor bedient Klischees und Vorurteile, um sie fortan wieder zu brechen, zu revidieren und sich sogleich mit Hingebung wieder in neue Stereotype zu schmeißen – etwa wenn er feststellt, dass die Deutschen so überaus gerne Bananen und Tomaten essen würden.

Insgesamt 18 Romane sind von Durych in Tschechisch erschienen, darunter einige Novellen oder Kurzromane („Jarmark života“/„ Jahrmarkt des Lebens“ von 1916, bislang nicht übersetzt), aber auch die umfangreichen historischen Romane Bloudení (1929, Deutsch „Irrsal“), sein wohl bekanntestes Werk über den Dreißigjährigen Krieg. Die Reisebeschreibungen hält die Potsdamer Übersetzerin Birgit Krehl für seine besten Texte. Daran will sie weiter arbeiten. Hier dürften wir in Zukunft also noch die ein oder andere deutsche Ausgabe erwarten, über Rom, Spanien und Süddeutschland etwa.

Jaroslav Durych: „Unerkannt durch Deutschland“, Quintus-Verlag, ISBN 978-3945256749, 120 Seiten, 18 Euro.


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Der Potsdamer Schauspieler Steffen Schroeder hat ein Buch geschrieben. Darüber, wie er einem verurteilten Mörder als Justizhelfer zur Seite steht. Eine wahre Geschichte. Auf der Buchmesse wird er sein Buch vorstellen. 

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