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  • 08.03.2017
  • von Josef Drabek

PNN-Serie: Studium anno 1958: Sitzfußball und mitunter ein olympisches Bier

von Josef Drabek

Sportnachrichten, regelmäßige Studentische Körpererziehung und ein Straßenlauf zur Stadtheide.

Josef Drabek, 1939 in Böhmen geboren, studierte von 1958 bis 1962 an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, dem Vorläufer der heutigen Potsdamer Universität. Derzeit schreibt Drabek seine Erinnerungen „Von Böhmen nach Brandenburg. Wege zwischen Weltkrieg und Wende“, deren erster und zweiter Teil vorliegt. Der dritte Teil zu Brandenburg beginnt mit der Studienzeit. Auszüge daraus erscheinen in den PNN.

 

Unser Interesse am Sport war ungebrochen. Um darüber aktuell informiert zu sein, hatten wir arbeitsteilig entsprechende Pressemedien gekauft und reihum gelesen. Die Zeitschrift „Der Leichtathlet“ besorgte unser Kommilitone „Bote“, ein Kraftpaket, der bei Wettkämpfen in technischen Disziplinen glänzte. Das „Deutsche Sportecho“, herausgegeben vom DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund), holte Mitstudent „Most“ heran. Für die „Totozeitung“ war ich selbst zuständig und die im Sportverlag erscheinende, seinerzeit für 50 Pfennige erhältliche „FuWo“ (Fußballwoche) beschaffte „Richard“ – und zwar, um sie als Erster selbst auf der Toilette lesen zu können.

Der Fußballfanatiker gehörte der I. HSG-Mannschaft an, trainierte einmal pro Woche auf dem Hochschul-Sportplatz (s. Text oben links) und kämpfte an den Wochenenden um Punkte. Nach seinen Erzählungen war er bei Auswärtsbegegnungen stets einer der Besten, bei Heimspielen fehlte er fast immer wegen angeblicher oder tatsächlicher Verletzung. So konnten wir ihm kaum vor heimischer Kulisse zujubeln. Um das auszugleichen, wollten wir ihn bei der jährlich vom „Sportecho“ veranstalteten Wahl zum „Sportler des Jahres“ ins Spiel bringen und sammelten hinter seinem Rücken Unterschriften. Einschließlich einiger fiktiver wie „Viola Gayle“ kamen über 300 zusammen. Ob die Liste abgeschickt wurde, weiß ich nicht, aber „Saran“ meinte, dass das geschehen und der Vorgeschlagene auf einem mittleren Platz gelandet sei.

Außer aus den Druckmedien bezogen wir Sportinformationen vom Rundfunk und Fernsehen. So lieferte unser kleiner Radioapparat entsprechende Nachrichten, von denen Leichtathletik, Schwimmen, Wintersport und vor allem „König Fußball“ interessierten. Um ihn auch per Übertragung zu sehen, fuhren wir zum Hauptgebäude I der damaligen Pädagogischen Hochschule, wo in einem Raum neben der Kaffeestube ein Schwarz-Weiß- Apparat stand. Wer dort Plätze bekommen wollte, musste sie mindestens eine Stunde vorher sichern. Am begehrtesten waren die direkt vor dem Bildschirm auf dem Fußboden, dahinter saßen die anderen Zuschauer terrassenartig auf Stühlen, Tischen und darauf stehenden Sitzen. Von dort hätte man schon ein Fernglas benötigt, um Erkleckliches zu erkennen. Und wenn vorn jemand beim Torschrei spontan aufsprang, saß er, vom Hintermann gezogen, noch schneller wieder unten.

Während derlei passiver Sport eher am Rande blieb, betrieben wir aktive Leibesertüchtigung in beträchtlichem Maße. Das begann mit der studentischen Körpererziehung, die der Sportlehrer Walter Aulich die ersten beiden Studienjahre mit zwei Wochenstunden als Pflichtfach bis zu den Abschlussprüfungen durchführte. Außerdem gab es methodische Anleitungen für den Sportunterricht an der Schule, die mir sehr halfen, als ich solchen selbst durchführen musste. Alles das nützte allerdings wenig bei den in diesem Rahmen ausgetragenen Ballspielen gegen die Spieler der sogenannten „Psychopathen“. Beim Kleinfeldhandball fehlte Spielern wie mir, die diesen Sport nur vom Großfeld kannten, die technische Wendigkeit auf engem Raum. Außerdem lag es am mangelnden Einsatz Einzelner, worauf „Mosts“ Bemerkung schließen ließ, doch lieber Sitzfußball spielen zu wollen.

Mit der obligatorischen Körpererziehung haben wir den 1958 durch „WalBruni“ (von Kommilitone „Richard“ eingeführter Spitzname für Walter Ulbricht) kreierten Slogan „Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport“ in die Tat umgesetzt. Aber eigentlich wurde die später auf „mehrmals“ erweiterte Variante ausgiebig praktiziert. Eine dieser Aktivitäten war das Baden am Templiner See, zu dem auch „Saran“ mitkam, weil er im Rahmen der Studentischen Körpererziehung schwimmen gelernt hatte.

Als bevorzugte Trainingseinheit absolvierten wir abendliche Läufe zur Stadtheide. In der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Wohnsiedlung gibt es eine gleichnamige Gaststätte, wo wir uns als Belohnung mitunter ein Bier genehmigten. Das taten auch beim Armeesportklub Potsdam (ASK) im Stadion Luftschiffhafen trainierende Läufer wie Hans Grodotzki, der im Jahre 1960 in Rom über 5000 Meter olympisches Silber für die gemeinsame deutsche Mannschaft erlief. Solche Sportler in der Stadtheide getroffen zu haben, adelte unsere Hobby-Lauferei, über die „Richard“ reimte: „Auch der abendliche Dauerlauf, der hat uns Spaß gemacht – wie schnauften wir die Treppen rauf und ha’m die Tür’n gekracht.“

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