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  • 13.01.2017
  • von Erik Wenk

Ein Supercomputer als Heizung

von Erik Wenk

Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, führt durch seinen historischen Arbeitsplatz. Dort wird das Klima der Zukunft untersucht – mit modernster Technik

Wer durch die Gänge des Michelsonhauses auf dem Telegrafenberg läuft, stolpert fast alle zwei Meter über Wissenschaftsgeschichte: „Hier in diesem Raum hat Karl Schwarzschild Einsteins Gleichungen der Allgemeinen Relativitäts-Theorie gelöst, welche schwarze Löcher beschreiben“, sagt Hans Joachim Schellnhuber. Im Keller des Gebäudes hat Albert A. Michelson 1881 sein berühmtes Lichtgeschwindigkeits-Experiment durchgeführt: „Er wollte es erst in Dahlem machen, aber die Erschütterung der Pferdekutschen von der Straße waren zu stark. Hier hingegen war es schön ruhig“, sagt Schellnhuber.

Die rund 20 Besucher hören gebannt zu. Wann bekommt man schon einmal eine exklusive Führung im international renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) durch dessen Direktor? Statt fand das Ganze im Rahmen der Serie „Meine Entdeckung“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb), bei denen jeweils eine prominente Persönlichkeit durch einen besonderen Ort führt.

Und das PIK ist definitiv ein besonderer Ort: Das markante Gebäude mit den drei Observatorien, das im Zentrum des Wissenschaftsparks auf dem Telegrafenberg steht, wurde 1879 errichtet. Schellnhuber weist auf eine Tafel am Eingang: Der wissenschaftsbegeisterte Kaiser Friedrich III. hatte den Bau „in huldreichster Weise“ gefördert. Erbaut wurde es vom Architekten Paul Emanuel Spieker mit sandgelber Klinker-Fassade und gotischen Bogengängen nachempfundenen Flur-Decken. Ohne Zweifel: Schellnhuber hat einen ausnehmend schönen Arbeitsplatz. „Der Telegrafenberg ist meiner Meinung der schönste Campus Mitteleuropas.“ Nun geht es nach oben: Im Ostturm gibt es noch ein Teleskop, in der Zentralkuppel hingegen befindet sich ein Seminarraum. Aber was für einer: Hoch wölbt sich das von innen mit dunklem Holz verkleidete Dach über dem Raum, rundherum sind noch die alten Räderwerke und Schienen zu sehen, durch die die Kuppel früher gedreht wurde.

Doch nun geht es um Wissenschaft: „Wir untersuchen hier, wie die Kräfte des Menschen auf die Natur einwirken“, sagt Schellnhuber und fügt hinzu: „Was da vor sich geht, ist besorgniserregend.“ Der Klimaforscher zeigt eine Animation der Weltkarte, auf der im Zeitraffer zu sehen ist, wo und wie viel Kohlendioxid seit der Industrialisierung ausgestoßen wurde: Zuerst leuchten nur auf der britischen Insel einige farbige Punkte auf, nach und nach steigt Deutschland zur „zweiten Kohlenstoffmacht“, auf, wie Schellnhuber sagt. Ab 1950 springt der CO2-Ausstoß massiv auf dem ganzen Globus an.

Das erste Opfer der Erderwärmung werden die pazifischen Korallenriffe sein: „Die Korallenriffe werden in den nächsten Jahrzehnten absterben, wenn das Klima nur um 1,5 Grad steigt“, sagt Schellnhuber. Beim Pariser Abkommen hatte sich die Weltgemeinschaft 2015 auf eine Begrenzung der Erderwärmung von zwei Grad geeinigt. In den nächsten 30 bis 40 Jahren werden daher weltweit größere Teile der Riffe sterben, zum Beginn des nächsten Jahrhunderts wird es keine mehr geben. „Sie sollten sie jetzt noch besuchen“, sagt Schellnhuber. „Aber besser nicht mit dem Flugzeug, denn dann stoßen sie nur noch mehr CO2 aus.“

Auch die Wetterschwankungen, die wir hier bei uns beobachten können, lassen sich durch den menschengemachten Klimawandel erklären: Spontane Kälteeinbrüche, wie wir sie derzeit erleben, sind auf das Verschwinden der großen Eismassen in der Arktis zurückzuführen, wodurch die warmen Luftströmungen auf der Erdoberfläche – die sogenannten Jetstreams – durcheinandergebracht werden. Das Eis der Arktis ist im letzten Jahr massiv zurückgegangen, der Nordpol steht unter Wasser. Auch der Golfstrom, der stark das europäische Klima beeinflusst, kann in Zukunft gestört werden.

Zum Schluss geht es noch zum Neubau des PIK, der 2015 fertiggestellt wurde: Das außen mit Holz verkleidete Gebäude steht unweit des expressionistisch gestalteten Einstein-Turms, eines der architektonisch spektakulärsten Bauwerke auf dem Campus. „Daneben konnten wir natürlich keinen grauen Betonklotz setzen“, sagt Schellnhuber. Der Neubau, dessen Fassade fast mit dem Wald verschwimmt, ist in der Tat eindrucksvoll: Sein Grundriss ähnelt dem Aussehen eines Kleeblattes. Doch nicht die Büros will Schellnhuber den Besuchern zeigen, sondern den Keller: „Im Bauch des Hauses schlummert einer der leistungsstärksten Großrechner der Welt.“

Ein paar Treppen tiefer befindet sich ein heller Raum, der mit meterhohen Computerregalen vollgestopft ist. 4,5 Millionen Euro hat der Superrechner gekostet. Die Lüfter rauschen lautstark, die Luft ist deutlich erwärmt. Klar, dass die umweltbewussten Klimaforscher sich dies zunutze gemacht haben: „Mit der Abwärme des Computers wird das Gebäude geheizt“, verrät Schellnhuber.

Die Besucher sind überaus angetan vom PIK, manche gehen auch nachdenklich nach Hause. Viele dürften eine neue Sicht auf unseren Planeten bekommen haben. Ein Sinnbild dafür steht im Eingangsbereich des PIK: ein mannshoher Globus, darüber ein Schild: „Zerbrechlich, bitte vorsichtig behandeln.“ Ein passender Hinweis, findet Schellnhuber: „Das Gleiche gilt für die Erde.“

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