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  • 11.01.2017
  • von Richard Rabensaat

Hochschulgottesdienst Uni Potsdam: Gott und die Welt

von Richard Rabensaat

Komplexes Bild. Das Weltbild der Physiker sei sehr kompliziert, so Nicolai. Foto: A. Klaer

Gravitationsphysiker Hermann Nicolai sprach zum Hochschulgottesdienst der Universität Potsdam über sein Bild der Welt.

Es gibt sie, die Welt. Da sind sich die Physiker einig. Wie sie beschaffen ist, darüber allerdings gibt es zahlreiche Modelle und Theorien. Dennoch: „Die Menschen benötigen eine einheitliche Erzählung von der Welt, anderenfalls wird man verrückt“, sagt Johann Hafner, Diakon und Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Potsdam. Hafner und der Physiker Hermann Nicolai vom Max Planck Institut für Gravitationsphysik hatten sich am Sonntag im Hochschulgottesdienst Gedanken über die Einheit der physikalischen und der spirituellen Welt gemacht.

Im Wintersemester stehen die Hochschulgottesdienste der Universität Potsdam unter dem Thema: Einheit. Das kann Verschiedenes bedeuten: die deutsche Einheit, die Einheit der christlichen Glaubensrichtungen, die Einheit der Weltvorstellungen von Religion und Physik. Dass es um die einheitliche Vorstellung von der Welt in den Theorien der Physiker derzeit gar nicht so schlecht bestellt ist, beschreibt Hermann Nicolai so: „Das Standartmodell der Physik, mit dem die Welt gegenwärtig erklärt wird, hat sich als verblüffend zutreffend erwiesen“. Der Nachweis der Existenz der Gravitationswellen im vergangenen Jahr, die Entdeckung des Higgs-Teilchens, all das seien Bausteine im Standardmodell der Teilchenphysik, die bestätigen, dass die Welt im Innersten so zusammen gehalten wird, wie es die Physik in den vergangenen Jahrzehnten postuliert hatte, ohne es zunächst beweisen zu können. Der Nachweis des Higgs-Teilchens zeige, dass sich die verschiedenen Zustände der Elementarteilchen genau so verhalten, wie die theoretische Physik es vorausgesagt hatte.

Andererseits bestätigte der Nachweis der Gravitationswellen Annahmen Albert Einsteins, die dieser schon bei der Formulierung der Relativitätstheorie gemacht hatte. Aber ganz bruchlos fügen sich die Einzelteile der verschiedenen Theorien nicht zusammen. „Die Quantentheorie und die allgemeine Relativitätstheorie passen eigentlich nicht zueinander“, erklärt Nicolai. Zudem sei das Weltbild der Physiker auch alles andere als einfach. Dass ein Teilchen gleichzeitig zwei physikalische Zustände haben und an verschiedenen Orten existieren könne, sei eigentlich nicht verstehbar, so Nicolai. Physiker hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten bemüht, mit mathematischen und physikalischen Experimenten nachzuweisen, wo der Widerspruch der verschiedenen Modelle läge. Aber erfolglos: jede neue Beweisführung habe das gegenwärtige Standardmodell der Physik lediglich bestätigt.

Ganz so verwirrend wie die Welt der Physiker scheint die metaphysische Welt für den Katholiken Hafner nicht zu sein. Er glaube an eine wohlwollende Intelligenz, die das ganze Sein durchdringe, so der Theologe. „Gott äußert sich in einem Seinsakt. Er ist dafür zuständig, dass Seiendes ist und nicht nur Prozessuales geschieht“, so Hafner. Gemäß christlichem Glauben hat sich dieses gestaltende Seiende in Christus manifestiert. Dennoch ist Christus für Hafner keineswegs das physikalische Abbild Gottvaters, der mit Rauschebart in den Wolken wohnt. Vielmehr durchdringe das Wesen Gottes nach Ansicht Hafners das Sein und ist allgegenwärtig. Die Existenz anderer Welten hält der Religionswissenschaftler für ebenso wahrscheinlich wie der Physiker.

Das theologische Glaubensgebäude erweist sich als ebenso differenziert und vielschichtig wie das der Physik. Das wirft allerdings auch Probleme auf: hat Gott mit Christus auch gleich alle anderen Welten erlöst? Womit hat Gott sich vor der Erschaffung der Welt die Zeit vertrieben? Gibt es überhaupt eine Zeit oder ist Gott die Einheit von Zeit und Raum? Da allerdings treffen sich Physik und Religion wieder. Ab einem bestimmten Punkt der Beobachtung von Teilchen und deren Beschleunigung geraten die physikalischen Modelle von Zeit und Raum ins Wanken. Die Existenz der Gravitationswellen beweist, dass Raum gestaucht werden kann. Bei der Bewegung eines Teilchens schneller als Lichtgeschwindigkeit ist es nach den gegenwärtigen physikalischen Theorien mit Zeit und Raum völlig vorbei. Was dann ist, weiß die Physik genau so wenig, wie sich der Theologie bisher Wesen Gottes erschlossen hat. Und so zeigt sich die Einheit der Welt der Theologen und der Physiker im Wesentlichen darin, dass keine der beiden Wissenschaften bisher so recht erkannt hat, was die Welt im Innersten zusammenhält. Etwas klüger allerdings war Albert Einstein: „Der Herrgott ist raffiniert, aber nicht boshaft“, beschrieb er das Wesen des Allmächtigen. Richard Rabensaat

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