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  • 11.01.2017
  • von Jan Kixmüller

Religionswissenschaften an der Uni Potsdam: „Das Misstrauen wächst“

von Jan Kixmüller

Sprachlosigkeit. Mit Kerzen und Blumen wird in Berlin der Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gedacht. Dass die Stimmen zu dem Angriff bis auf wenige ähnlich solidarisch ausfielen, hat dem Religionswissenschaftler Kadir Sanci geholfen, die Ohnmacht zu überwinden. Foto: M. Gambarini/dpa

Der Imam und Potsdamer Religionsswissenschaftler Kadir Sanci spricht im PNN-Interview über die Folgen des islamistischen Terrors für die Muslime in Deutschland. Er befürchtet, dass auf sie schwere Zeiten zukommen werden.

Herr Sanci, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dem Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz gehört haben?

Ich bin erstarrt, ich war sprachlos. Dann folgten die Wut und schließlich die Hilflosigkeit. Denn die Waffen, die die Terroristen nutzen, kommen für uns nicht in Frage. Wir dürfen nicht zerstören, sondern müssen aufbauen. Und das ist viel mühseliger. Dass die Stimmen zu dem Angriff aber bis auf wenige ähnlich solidarisch waren, das half mir dann dabei, die Hilflosigkeit zu überwinden. Der Zusammenhalt steht im Vordergrund, dass man gemeinsam stark bleibt – das gibt mir Hoffnung. Dem Terror können die Gesellschaft, die Religionsgemeinschaften, die Medien und die Politik nur gemeinsam entgegentreten. Das Miteinander muss gestärkt werden.

Was bedeuten Anschläge wie dieser für die Muslime in Deutschland?

Es ist zu befürchten, dass auf die Muslime in unserem Land sehr schwere Zeiten zukommen. Solche Attacken im Namen des Islam lassen das Misstrauen gegenüber den Muslimen wachsen. Die Signale dafür sind ja längst da. Die Gesellschaft wird in Unruhe versetzt, der Glaube des Einzelnen wird immer mehr mit diesen Taten in Verbindung gebracht. Das ist beängstigend. Bei jeder solchen Tat bangen die Muslime, dass es nicht wieder einen islamistischen Hintergrund gibt.

Sie geben aber nicht auf?

Es bleibt zu hoffen, dass die Besonnenheit trotzdem überwiegt. Es handelt sich um Straftaten von Einzelnen, die die Gesellschaft nicht hinnehmen kann. Letztlich bin ich sehr dankbar dafür, dass die Muslime auch nach dieser Tat von unterschiedlichen Seiten Unterstützung erhalten haben. Das Misstrauen gegenüber den Muslimen ist ja nichts Neues. Das sehen wir bei der AfD und auch schon lange davor. Aber gerade die AfD hat gezeigt, dass diese Haltung nun auch die Mitte der Gesellschaft erreicht hat.

Wäre es nicht nötig, dass von den muslimischen Gemeinden eine entschiedenere Ablehnung des Islamismus kommt?

Nach dem 11. September waren die Muslime überrascht, viele wussten nicht, wie man reagieren sollte. Nur sehr wenige wussten sofort, dass es darum geht, Gewalt und Terror abzulehnen. Die meisten anderen haben sich erst einmal zurückgezogen, um zu verstehen, was überhaupt passiert. Nach über zehn Jahren und mit dem Erstarken des IS wurden die ablehnenden Stimmen der Muslime klarer und eindeutiger. Sie haben den Schock überwunden und gelernt, auf welcher Seite ein Muslim stehen muss.

Aber?

Es bleibt eine Hilflosigkeit. Wir reden, klagen an und mahnen – doch die anderen greifen einfach an. Hier sind alle religiösen Gemeinschaften letztlich machtlos, hier ist vor allem der Rechtsstaat gefragt. Ich kann auch verstehen, dass viele Menschen die Reaktionen der Muslime für zu schwach halten. Aber hier muss die Unschuldsvermutung gelten. Wir müssen zulassen, dass Muslime lernen, wie sie sich zu positionieren haben; wir müssen helfen, dass Muslime ihre Stimme gegen die Gewalt heben und dass diese Stimme hörbar wird.

Wie kommt man an die jungen Menschen heran, die auf den falschen Weg geraten?

Die Muslime müssen nun jede Gelegenheit wahrnehmen, so oft wie möglich – in Freitagspredigten, Gesprächskreisen, religiösen Veranstaltungen und Unterricht – die Ablehnung des Terrors zu thematisieren. Wir müssen klar und deutlich machen, dass diese Gewalt gegen Andersgläubige durch den Koran nicht gedeckt ist. Es geht hier um einen pädagogischen Aspekt. Damit müssen wir vor allem auch in den Sozialen Medien sehr viel präsenter werden. Ich habe aber die Befürchtung, dass die Gegenseite im Internet viel aktiver ist.

Islamisten legen den Koran nach ihrer Auffassung aus und legitimieren so die Gewalt. Wie kann man dem begegnen?

Das ist der springende Punkt. Ich vermisse in der muslimischen Gemeinschaft, dass man dieser Legitimation mit Aussagen und Argumenten direkt begegnet. Die Ablehnung der Gewalt aus religiösen Gründen muss eine viel lautere Stimme bekommen. Als Wissenschaftler ist mir wichtig, zu argumentieren. Wir müssen deutlich benennen, warum die Argumente der anderen Seite falsch sind. Ich formuliere das in wissenschaftlichen Beiträgen, doch wer die besseren Angebote hat, wer die bessere Sozialarbeit für Jugendliche anbietet, sitzt meist am längeren Hebel. Und das ist leider oft die falsche Seite. Hier werden Jugendliche mit sozialen Angeboten angesprochen und erst dann mit religiöser Ideologie gefüttert. Sie werden nicht theologisch überzeugt, sondern als Freunde mitgenommen. Dann entsteht der Eindruck, dass es nicht falsch sein kann, wenn die Freunde etwas Entsprechendes sagen und tun. Über Inhalte wird dabei nur am Rande gesprochen. Die besseren Angebote müssen aber nicht von der falschen Seite kommen. Unsere Argumente sind vernünftig; sie sind nachvollziehbar.

Warum ist es so schwer, dem Islamismus etwas entgegenzusetzen?

Das kritische Denken ist in der islamischen Geschichte eigentlich stark verwurzelt. Aber das wurde verlernt. Es wurden nur noch Ergebnisse übernommen, ohne sie zu hinterfragen. Man tut sich sehr schwer, die Hintergründe zu erklären. Daher rühren die pädagogischen Probleme auf unserer Seite. Auch wir müssen lernen, die Sprache des Nachwuchses zu verstehen – und in seiner Sprache antworten.

Braucht der Islam eine Aufklärung?

Das ist eine lange Debatte. Muslime würden sagen, der Islam ist an sich die Aufklärung. Aber man darf nicht übersehen, dass die Zeiten sich ändern und dass wir mit der Zeit mithalten müssen. Wir müssen nicht den Islam aufklären, sondern die Muslime. Die brauchen definitiv eine Aufklärung!

Sie sind in der Religionswissenschaft der Universität Potsdam mit Christen und Juden zusammen tätig. Was bedeutet Ihnen diese Nähe zu den anderen Religionen?

Neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit in Potsdam bin ich gleichzeitig auch der Imam des „House of One“, des geplanten interreligiösen Zentrums in Berlin. Das interreligiöse Anliegen hatte ich bereits vor diesem Projekt, dort kann ich es nun zum Ausdruck bringen. An der Potsdamer Universität findet dieses Anliegen auf einer fachlichen Ebene statt. Hier bin ich wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft mit dem Schwerpunkt Christentum – und lehre den Islam. Das ist eine sehr außergewöhnliche Konstellation.

Mit welchen Ergebnissen?

Wir haben seit acht Semestern bereits die Reihe „Juden, Christen und Muslime im religionsrechtlichen Vergleich“. Das machen vier Dozenten, evangelische, katholische, jüdische und muslimische. Aus diesen vier Blickwinkeln reflektieren wir mit den Studierenden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Religionen. Das ist für mich eine große Bereicherung. Die Religionswissenschaft in Potsdam ist so reichhaltig aufgebaut, dass ein interreligiöser Dialog fachgerecht möglich wird.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

 

ZUR PERSON: Kadir Sanci (38) ist akademischer Mitarbeiter am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam und Imam des in Berlin geplanten „House of One“.

 

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Die Religionswissenschaft an der Universität Potsdam setzt auf interreligiöse Aspekte. Erst dadurch ist der Dialog hier möglich, meint PNN-Autor Jan Kixmüller >>

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