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  • 07.09.2016
  • von Jan Kixmüller

Rabbiner aus Potsdam: Nicht einfach vom Himmel gefallen

von Jan Kixmüller

Rabbis aus Potsdam. Alina Treiger (M.) wurde 2010 als erste Frau in Deutschland nach dem Nationalsozialismus zur Rabbinerin. Sie wirbt für ein in die Zukunft gewandtes Judenbild. Die Juden sollten sich durch „positive Erfahrungen“ identifizieren und nicht nur an negative Erfahrungen anknüpfen. Foto: O. Andersen/AFP

Seit 1999 werden an der Universität Potsdam liberale Rabbiner ausgebildet. Heute ist das Abraham Geiger Kolleg weltweit zum Garanten für Nachwuchs-Rabbis geworden - mittlerweile gibt es 34 Absolventen.

Potsdam - Über 30 Rabbiner und Kantoren hat die jüdisch-theologische Ausbildung an der Universität Potsdam mittlerweile hervorgebracht. Seit rund 15 Jahren bildet das Abraham Geiger Kolleg (AGK) an der Universität bereits nicht-orthodoxe Rabbiner und Kantoren aus – vor zehn Jahren wurden die ersten von ihnen ins Amt eingeführt: Am 14. September 2006 wurden die drei Rabbiner Daniel Alter (Berlin), Thomas Kucera (München) und Malcolm Matitiani (Cape Town) in Dresden ordiniert. Mittlerweile versehen 26 Rabbiner und acht Kantoren aus Potsdam ihren Dienst nicht nur in jüdischen Gemeinden Deutschlands, sondern über den ganzen Erdball verteilt. Sie arbeiten auch in Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, Schweden, Südafrika und in den USA.

Lob, Impulse und ein Zerwürfnis

Die 34 Potsdamer Absolventen sprechen mit viel Lob von ihrer Potsdamer Ausbildung. Die heutige Rabbinerin von Bamberg, Yael Deusel, hebt beispielsweise die herzliche und kollegiale Studien-Atmosphäre am Kolleg hervor. „Das ist etwas ganz Besonderes, ebenso wie die stete Unterstützungsbereitschaft der Dozenten“, sagt sie. Als wöchentlichen Höhepunkt hat sie noch die gemeinsamen Donnerstagmorgen-Gebete in guter Erinnerung. „Das vermisse ich ungeheuer.“

Für Tom Kucera, Rabbiner an der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom München, war auch der akademische Teil der Ausbildung etwas Besonderes. „Jedes Jahr am Kolleg hat nicht nur mehr fundiertes akademisches Wissen gebracht, sondern auch wertvolle Erfahrungen in der Gemeindearbeit und den regelmäßigen Fallbesprechungen der Gruppensupervision“, erinnert er sich. Die rabbinischen Studien seien es gewesen, die „prägende Impulse für die liturgischen und seelsorgerischen Fähigkeiten, die Persönlichkeitsentwicklung und die Freude an der Rabbinertätigkeit“ gegeben hätten.

Alexander Nachama, der seit 2013 Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden ist, betont die Qualität der Ausbildung: „Mein Studium am Geiger-Kolleg gab mir die wunderbare Gelegenheit, mit berühmten Rabbinern und Kantoren aus der ganzen Welt zu studieren.“ Auch er erinnert sich an die Zweiteilung der Potsdamer Ausbildung. Montag bis Mittwoch studierte er für seinen Master in Jüdischen Studien an der Universität Potsdam, Mittwochnachmittag bis Freitagmittag belegte er am Geiger-Kolleg Kurse wie „Liturgie“ und „Vorbeten“. Der Sohn des ehemaligen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Andreas Nachama, hatte schon mit 14 erste Gottesdienste leiten dürfen. Wie man das macht, hatte er sich von seinem Großvater abgeschaut. Ihm bereite es unglaubliche Freude, Verantwortung im Gottesdienst zu übernehmen, sagte er noch während seines Studiums in einem „Spiegel“-Interview. „Vielleicht bin ich deswegen kaum noch nervös, wenn ich vor eine Gemeinde trete“.

Andere Absolventen betonen die wichtige Aufgabe, vor die das Potsdamer Kolleg gestellt ist. Aufgrund der Komplexität, ein tragfähiges und lebendiges Judentum in Mitteleuropa wiederherzustellen, müsse das Geiger-Kolleg innerhalb seiner heterogenen Studentenschaft fortwährend innovativ wirken, so die Einschätzung von Paul M. Strasko, der heute Rabbiner in Bainbridge Island (USA) ist. „Dies bedeutete, dass das Kolleg mich in meinen Studien weiter vorangebracht hat, als ich es mir jemals hätte vorstellen können, und mir dazu verhalf, mein persönliches Potenzial vollends auszuschöpfen“, sagt Strasko.

Dass das Verhältnis zwischen Studierenden und dem Geiger-Kolleg nicht immer ungetrübt ist, zeigte ein Vorfall in diesem Jahr. Der Rabbiner-Student Armin Langer war vom Kolleg vorerst von der Ausbildung zurückgestellt worden, nachdem er dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, Rassismus unterstellt hatte. Das Kolleg berief sich auf die Vorgabe, öffentliche Aussagen intern abzustimmen, gab dem Studierenden schließlich aber eine zweite Chance.

Erste Jüdische Theologie an deutscher Uni

Einige der Geiger-Rabbiner sind als Dozenten an der Potsdamer School of Jewish Theology (SJT) geblieben, die seit 2013 den Überbau für die akademisch-geistliche Ausbildung in der Jüdischen Theologie an Potsdams Universität bildet – und zwar erstmals überhaupt an einer staatlichen deutschen Hochschule. Vorgängereinrichtungen, die im Nationalsozialismus geschlossen wurden, waren allesamt privater Natur. Durch eine Bündelung der Ressourcen war vor drei Jahren an der Universität die erste fakultätsähnliche jüdisch-theologische Einrichtung der deutschen Universitätsgeschichte entstanden. Heute studieren hier 140 junge Menschen das Judentum, darunter aktuell auch elf Studierende, die Rabbiner werden wollen und sieben, die das Kantorenamt anstreben. An der Hochschule werden sie auf den akademischen Teil ihres Abschlusses vorbereitet, die geistliche Ausbildung erfolgt am Geiger-Kolleg.

Auch konservative Rabbiner werden demnächst von der Uni Potsdam kommen, am Zacharias Frankel College werden 2017 die ersten Absolventen erwartet. Wobei konservativ nicht orthodox bedeutet. Während im liberalen Judentum das eigene Gewissen stärker im Vordergrund steht, stellt das konservative Judentum Fragen der Auslegung des historischen jüdischen Rechts in den Mittelpunkt. Auch im konservativen Judentum sind heute Frauen und Homosexuelle zum Ordinat zugelassen. Beide jüdischen Konfessionen eint die Überzeugung, dass die göttliche Offenbarung noch nicht abgeschlossen ist. Anders als im orthodoxen Judentum, das weitgehend keine akademische Ausbildung seiner Rabbiner anstrebt, verlangen die liberalen und konservativen Verbände von ihren Rabbinern Hochschulabschlüsse. Das orthodoxe, strenggläubigere Judentum bildet seit einigen Jahren Rabbiner an privaten Schulen in Berlin aus. „Somit konnte an die Infrastruktur Vorkriegsdeutschlands erfolgreich angeschlossen werden“, erklärt Rabbiner Walter Homolka, der Rektor des Abraham Geiger Kollegs und geschäftsführende Direktor der School of Jewish Theology an der Potsdamer Universität ist. „Heute werden wieder Rabbinerinnen und Rabbiner aller drei Richtungen im Judentum in Deutschland ausgebildet“, so Homolka. Damit würde nun auch Dieter Graumanns Traum vom „Rabbiner made in Germany“ wahr, den der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland bei der Ordination des Kollegs 2011 in Bamberg geäußert hatte.

Deutsche Rabbinerin aus der Ukraine

Erstmals nach 75 Jahren wurde 2010 in Deutschland auch wieder eine Frau zur Rabbinerin. Die aus der Ukraine stammende Alina Treiger war als erste Frau in Deutschland nach der 1944 ermordeten Regina Jonas durch das Potsdamer Kolleg zur Rabbinerin ordiniert worden. Ihr geht es nach eigenen Worten darum, für ein positives, in die Zukunft gewandtes Judenbild zu werben. Juden sollten sich durch „positive Erfahrungen“ identifizieren und nicht nur an negative Erfahrungen anknüpfen, so die Absolventin aus Potsdam, die heute den Jüdischen Gemeinden Oldenburg und Delmenhorst vorsteht.

Dieter Graumann hatte 2011 gesagt, dass die Rabbiner den jüdischen Gemeinden den Himmel näherbringen sollten. „Sie fallen aber nicht einfach vom Himmel“, fügte er an. Mittlerweile hat sich die Potsdamer Rabbinerschule jedoch zu einem verlässlichen Garanten für den nicht-orthodoxen Rabbiner-Nachwuchs entwickelt. Auch in diesem Jahr werden wieder zwei Rabbiner und ein Kantor am 1. Dezember in Hannover ordiniert. Das Geiger-Kolleg versucht das geistige Erbe des liberalen Deutschen Judentums mit den Herausforderungen der Gegenwart zu verbinden. Für die Gründung des Kollegs ausschlaggebend war einerseits der Bedarf an Geistlichen, die kulturell und sprachlich mit den Gegebenheiten der jüdischen Gemeinden in Deutschland vertraut sind, andererseits der Wunsch, auch Frauen den Zugang zur Jüdischen Theologie als Studienfach und Beruf zu ermöglichen.

Eine neue Generation

Die Amtseinführung der Potsdamer Rabbiner 2006 in Dresden war die erste Rabbinerordination in Deutschland nach der Schoah. Sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus sah Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bereits damals im Geiger-Kolleg ein „Symbol einer vitalen und wachsenden jüdischen Gemeinschaft“. Ihre Hoffnung, dass es weitere Studierende und Absolventen aus Potsdam geben werden, hat sich mittlerweile mehr als erfüllt. 2015 wurde Merkel dann der Abraham-Geiger-Preis des Potsdamer Kollegs für ihre unverbrüchliche Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft verliehen. Der damalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, sprach zur ersten Ordination von einem „historischen Datum“. Eine neue Generation von Auslegern der Heiligen Schrift für die jüdischen Gemeinden in Deutschland wachse in Potsdam heran. 2014 dann ordinierte das Kolleg 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs erstmals Absolventen in Polen – im ehemaligen Breslau (Wroclaw), wo 1854 das erste deutsche Rabbinerseminar eröffnet worden war, das auch Vorbild für die Gründung der Jüdischen Hochschule in Berlin 1872 war.

Ob die erste Rabbinerordination des Geiger-Kollegs 2006 in Dresden ein Zeichen der vielbeschworenen Normalisierung jüdischen Lebens in Deutschland sei, fragte damals die „Jüdische Allgemeine“. Davon zu sprechen, sei verfrüht, fand Walter Homolka. Dieter Graumann sagte, dass sich Normalität erst einstelle, wenn man nicht mehr darüber sprechen muss. „Drei Rabbiner machen noch keinen jüdischen Sommer.“ Deutschland brauche mehr Rabbiner, „mindestens dreimal 30“, damit die Suche nach Rabbinern im Ausland ein Ende habe. Die ersten 30 sind nun geschafft. Und Graumanns Wunsch, dass die Rabbiner aus Deutschland eines Tages einmal zum Exportschlager werden, erfüllt sich ebenfalls bereits Jahr für Jahr.

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