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  • 29.03.2018

Verkehrstote in Brandenburg: „Ich bin kein Baum-Mörder“

Allee und hopp? Brandenburg ist das Bundesland, in dem es - gemessen an der Einwohnerzahl - die meisten Verkehrstoten gibt. Und die meisten Alleen hat es auch. Foto: Bernd Settnik

Rainer Genilke, Chef der Landesverkehrswacht, über die vielen tödlichen Unfälle auf Brandenburger Alleen und seine Vorschläge für mehr Sicherheit.

Herr Genilke, Sie werden in mehreren Zeitungen mit dem Satz zitiert: „Wir müssen uns fragen, ob wir in Zukunft noch überall Alleen brauchen, wenn wir wissen, dass wir uns dort tot fahren.“ Ist es wirklich so schlimm?

Ja. Von 78 Menschen, die 2017 in Brandenburg außerhalb von Ortschaften bei Verkehrsunfällen tödlich verletzt wurden, starben 51 an einem Alleebaum. Das war eine Steigerung von fast 70 Prozent zum Vorjahr. Die Zahl der auf Alleen Verletzten stieg um fünf Prozent.

Sind daran die Bäume schuld?

Natürlich nicht. Deshalb habe ich auch nie, wie manchmal fälschlich behauptet wird, gesagt, dass man jetzt Alleen abholzen soll. Aber wir brauchen eine wirksame Strategie, um die Zahl der Unfälle mit Alleebäumen zu verringern.

Wie soll das gehen, ohne sie zu fällen?

Beispielsweise indem man Leitplanken anbringt und somit die Alleen verkehrssicherer macht.

Was ist der Unterschied, ob ein Autofahrer an einen Baum oder in eine Leitplanke kracht?

Er hat wesentlich höhere Überlebenschancen. Unfallforscher weisen seit Langem darauf hin, dass die meisten Autofahrer nicht frontal an einen Alleebaum fahren, sondern seitlich aufprallen, wobei sich das Fahrzeug dann regelrecht um den Baum wickelt. Dieser steht dann sozusagen in der Mitte des Autos, was kaum jemand überlebt. Eine Leitplanke hingegen würde den Aufprall auf der gesamten Breite des Fahrzeugs dämpfen.

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), aber auch grüne und linke Landespolitiker verweisen darauf, dass die Ursachen der Unfälle häufig in überhöhter Geschwindigkeit, Alkohol, Vorfahrtsfehlern, zu geringem Sicherheitsabstand oder anderen Fahrfehlern liegen und man „nicht alles wegreißen soll, was Rasern im Weg steht“.

Die Diskussion halte ich angesichts von 51 Toten im vergangenen Jahr für reichlich zynisch. Unfälle geschehen natürlich fast ausschließlich durch ein Fehlverhalten von Verkehrsteilnehmern. Deshalb appellieren wir als Verkehrswacht stets an die besondere Verantwortung aller Verkehrsteilnehmer für sich und andere. Und wir setzen uns auch für stärkere Kontrollen, höhere Strafen und mehr Prävention ein. Damit hört aber unsere Verantwortung nicht auf. Meinen Grüne, Linke und BUND-Leute etwa, dass alle, die auf einer Allee einen Fahrfehler begehen, den Tod verdient haben? Das sind Menschen: Väter, Mütter, Kinder, Ehepartner. Und was sagen wir dann den Hinterbliebenen von jenen Unfallopfern, die ohne eigenes Verschulden, beispielsweise durch die Raserei anderer, ums Leben oder zu Schaden gekommen sind?

Die aber auch anderswo als in Alleen Unfälle haben und sterben können, oder?

Natürlich. Aber Experten sind sicher, dass Alleen größere Risiken darstellen, weil sie die Reaktionsfähigkeit deutlich einschränken. Das heißt, wenn ich in einer Allee einem Wildtier, einem Raser oder einem herabgefallenen Ast ausweichen muss oder geblendet werde und das Lenkrad verreiße, lande ich fast immer an einem Baum und nicht im Straßengraben oder auf einem Feld.

Und dieses Risiko könnten Leitplanken verhindern?

Die lösen nicht alle unsere Probleme, doch nach einer Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) würde sich die Zahl der Toten etwa halbieren, wenn es keine ungeschützten Bäume am Fahrbahnrand mehr geben würde. Deshalb sind Leitplanken unabdingbar.

Aber sind Alleen nicht auch ein Stück Brandenburger Kulturgut?

Selbstverständlich. Sie sind im 17. und 18. Jahrhundert entstanden – um Handelswege zu verkürzen und um die preußischen Truppen schneller verlegen zu können. Im Winter waren so die Verkehrswege besser erkennbar, im Sommer spendeten die Bäume den Soldaten Schatten. Doch die Welt hat sich weitergedreht. Wir fahren heute nicht mehr mit vier, sondern mit hundert PS durch die Gegend. Auch in Berlin führt inzwischen eine geteerte Straße zur Siegessäule, es gibt Radwege und so weiter. Wenn wir Alleen, wie sie sind, erhalten wollen, müssen wir wieder mit Pferden reisen oder die Alleen der modernen Welt anpassen.

Wie kann das geschehen?

Leitplanken wären schon mal eine gute Maßnahme. Von den etwa 3000 Kilometern Bundes- und Landesstraßen, die in Brandenburg als Alleen gekennzeichnet sind, haben nur 1700 Kilometer Leitplanken. Eigentlich sollten es längst mehr sein.

Was hat das verhindert?

Ich nehme an, dass die Landesregierung nicht bereit ist, das Geld dafür zu investieren.

Wie hoch wären denn die Kosten?

Sie würden sich sicher im hohen zweistelligen Millionenbereich bewegen, je nachdem, welche Qualität die Leitplanken haben. Es gibt da verschiedene Ausführungen von ganz einfach bis hin zum Unterfahrschutz für Motorräder.

Lichten sich denn die Alleen nicht auch durch den natürlichen Alterungsprozess der Bäume oder durch Sturmschäden?

Ja, und das ist das nächste Problem. Brandenburg hat sich selbst die Auflage erteilt, neue Bäume mindestens im Abstand von viereinhalb Metern vom Straßenrand entfernt zu pflanzen. Das ist aber oft Land, das Bauern gehört und ihnen möglicherweise teuer abgekauft werden muss. Und manche Alleen verdienen den Namen dann wirklich nicht mehr, weil nur auf einer Seite Bäume im immer größeren Abstand stehen. In solchen Fällen kann man ja tatsächlich mal überlegen, ob es Sinn macht, sie um jeden Preis zu erhalten. Diese Debatte wird man ja wohl noch führen dürfen.

Wer sollte Ihnen das verbieten?

Manchmal tut es schon weh, wenn man in Hass-Mails als Baum-Mörder bezeichnet wird. Mir geht es ausschließlich um das Leben und die Gesundheit von Menschen. Und die Argumentation, wonach das alles nur Raser sind, ist mir zu platt. Wir sichern ja auch gefährliche Straßenkreuzungen seit Langem mit Ampeln.

Rainald Grebe hat schon vor mehr als zehn Jahren gesungen: In Brandenburg ist wieder einer voll in die Allee gegurkt ...

Ja, und ich finde es sehr bedenklich, dass das Problem schon so lange bekannt ist und so wenig dagegen getan wird. Wie gesagt: 51 Menschen im vergangenen Jahr. Viele waren Pendler, hinterlassen Familien. Ich werde nicht aufhören, mich für mehr Sicherheit starkzumachen.

Das Gespräch führte Sandra Dassler

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ZUR PERSON: Rainer Genilke ist seit 2014 Präsident der Landesverkehrswacht Brandenburg. Der 50-Jährige aus Finsterwalde sitzt außerdem seit 2009 für die CDU im Landtag.

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