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  • 29.03.2018
  • von Andreas Conrad

Offroad-Touren in Brandenburg: Einfach mal Gelände wagen

von Andreas Conrad

Neues Fahrgefühl. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Bei Offroad-Touren im märkischen Sand früherer Tagebaue und Truppenübungsplätze erfahren Asphaltpiloten, dass es beim Fahren auf Langsamkeit und Balance ankommt

Das fängt ja gut an: Festgefahren! Gerade noch rollte der Wagen gemächlich dahin, in Schräglage zwar, aber unbeirrt vom weichen Sand. 4WD eben, four-wheel drive, was irgendwie cooler klingt als Allradantrieb. Zur Linken Büsche, Strauchwerk, kleine Bäume, wie es hier überall mal aussah, ehe die Bagger kamen. Zur Rechten der nicht gerade sanft abfallende, aber auch nicht bedrohlich wirkende Strand, dann der Bergheider See, ein vollgelaufener Tagebau, der so heißt, weil hier mal das Dörfchen Bergheide stand. Vor uns ist Tourguide Uwe Fankhänel scharf nach rechts abgebogen, dem Wasser entgegen. Die Reifen seines Jeep Cherokee haben tiefe Spuren in den Sand gezeichnet, mahlen sich unnachgiebig hindurch, und da er uns geraten hatte, ihm einfach alles nachzumachen, fahren wir eben hinterher. Aber irgendetwas muss dabei schiefgelaufen sein, jedenfalls geht es nicht weiter, die Reifen drehen sich, aber sie befördern leider nicht mehr vorwärts.

Die Kiste hängt auch noch ziemlich schräg am Hang. Rückwärtsgang also, vorsichtig zurücksetzen für den zweiten Versuch – aber da meldet sich schon Fankhänel, der alles im Blick hat, und gibt übers Funkgerät Tipps, wie jetzt das Lenkrad einzuschlagen sei. Und tatsächlich, der Wagen kommt frei, gräbt sich langsam durch den tückischen Untergrund, es ruckt, und es geht hinunter zum Wasser.

Jeeps im Zebra-Look

Jetzt erst mal aussteigen, die Landschaft bewundern. Vor uns der See mit dem sich zum ursprünglichen Plateauniveau hochziehenden Strand, einem breiten, von Planierraupen glattgeschobenen Streifen, bei dessen Anblick man sich sofort fragt, wie viel davon wohl übrigbleiben wird. Eine Frage, die fast jeder seiner Besucher stelle, sagt Fankhähnel, aber der See habe seine größte Ausdehnung bereits im Mai 2014 erreicht, der Strand bleibe so, wie er ist. Sieht alles etwas fremdartig aus, besonders an den steileren Stellen, wo der Regen kleine Canyons in den Sand gewaschen hat. Erinnert ein wenig an Death Valley oder Grand Canyon drüben im Wilden Westen, und tatsächlich ist hier vor zwei Jahren mal ein Western gedreht worden, „Brimestone“, in dem ursprünglich sogar Robert Pattinson, der Vampir vom Dienst in der „Twilight“-Filmreihe, mitspielen sollte. Wurde leider nichts draus.

Zurück zu den Autos, deswegen sind wir ja hier. In der Offroad-Agentur, die Uwe Fankhänel mit seiner Lebensgefährtin seit 2010 direkt am Besucherbergwerk F60 bei Lichterfeld im Landkreis Elbe-Elster betreibt, hat er einige davon, allesamt Jeep Cherokee, einen sogar im Zebra-Look, als ginge es in die Serengeti. Es sind robuste Transportmittel mit rustikaler Technik, jeweils 175 PS aus vier Litern Hubraum, die über ein Automatikgetriebe auf die Räder übertragen werden. Die Sorge, am sandigen Abhang im Getriebe herumrühren zu müssen, können sich Offroad-Anfänger also sparen.

Und das sind hier viele, Männer wie Frauen, die sich im Schatten der riesigen, nunmehr musealen Braunkohle-Förderanlage F60 zum 4WD-Abenteuer einfinden. Selbst wenn sie in dicken SUVs anrollen, haben sie mit Gelände doch oft keine Erfahrung – und steigen ohnehin lieber auf einen der bereitstehenden Jeeps um. Das eigene Auto dreckig machen, an Dornensträuchern zerkratzen? Gütiger! Fankhänel hat damit keine Probleme. Der Rundfunk- und Fernsehtechniker besitzt in Lauchhammer einen Elektromarkt, aber an den Wochenenden der warmen Jahreshälfte lebt er seine Leidenschaft aus: beim motorisierten Geschaukel durch die kargen Weiten der ehemaligen Lausitzer Tagebaulandschaft.

„Langsamkeit ist das Maß aller Dinge.“

Vor 28 Jahren hatte sie ihn und seine Lebensgefährtin gepackt, als Mitglieder eines von ihnen gegründeten Offroad-Clubs. Gelegentlich gab es schon damals Veranstaltungen in Tagebauen, und von Schaulustigen, die sich bei solchen Gelegenheiten gern einfinden, kam immer öfter die Frage, ob man nicht mal mitfahren dürfe: Die Idee zur professionellen Agentur war geboren. Seit 2010 hat sie ihren Standort am Besucherbergwerk F60, das gern als „liegender Eiffelturm der Lausitz“ bezeichnet wird, obwohl es mit 502 Metern sogar deutlich länger ist als das Pariser Wahrzeichen. Die Abraumförderbrücke ist eine der größten beweglichen Arbeitsmaschinen der Welt, war 1991/92 nur gut ein Jahr im Einsatz, wurde dann aber nicht verschrottet, sondern nach einigem Hin und Her zum touristischen Anziehungspunkt umgewandelt, samt 74 Meter hoher Aussichtsplattform, Restaurant, Veranstaltungsprogramm, dem nahen See, Konzerten und Festivals.

Fankhänel mit seinem Offroad-Angebot kam da den F60-Betreibern als abenteuerliche Ergänzung gerade recht. Jedes Jahr muss es von den Behörden erneut abgenickt werden, ist von der Querfeldein-Fahrerei doch auch der Naturschutz berührt. Die Bereiche, die Fankhänels Cherokees durchpflügen dürfen, sind genau festgelegt. Ab und zu finden sich trotzdem Spuren von 4WD-Desperados auf unzulässigem Terrain, doch er selbst hält sich schon im eigenen Interesse an die Vorgaben. Und seine Gäste können gar nicht anders, denn er bietet ausschließlich geführte Touren an: Vorneweg er selbst oder ein anderer Guide im Jeep, dahinter die Kolonne der Tourteilnehmer, per Funk beim Kurbeln auf weichem Untergrund unterstützt. Eine spezielle Versicherung gibt es dafür nicht, die könne man nicht bezahlen, sagt Fankhänel, vor jeder Fahrt ist daher ein Haftungsausschluss zu unterschreiben. Unfälle? Eigentlich nicht, nur einmal habe ein aufgeregter Fahrer beim Abwärtsfahren Bremse und Gas verwechselt und seinen Wagen in eine Düne gerammt. Man muss sich eben an Fankhänels Wahlspruch halten: „Langsamkeit ist das Maß aller Dinge.“

Starker Daumen gebraucht

Also schön sachte jetzt den Aufstieg durch die engen Sandschluchten nach oben beginnen und wenig später beim erneuten Hinabrollen auf die ausgefahrenen Spuren achten, viel Platz zum Manövrieren ist weder rechts noch links. Aber mittlerweile geht dies ganz gut, das kleine Malheur vorhin im Sandloch bleibt eine Ausnahme.

Umsteigen also auf das nächste Vehikel. Vier Räder hat es ebenfalls, immerhin, dazu einen Motor, einen Sitz für zwei, aber nicht viel mehr: ein Quad, laienhaft definiert als Kreuzung aus Auto und Motorrad, vom taiwanesischen Hersteller Kymco. „Schon mal Motorrad gefahren? Vergessen Sie alles!“, rät Fankhänel bei der Einweisung. Auf einem Quad lege man sich nicht mit dem ganzen, sondern nur mit dem Oberkörper in die Kurve. Aber einiges erinnert doch an ein Krad, die Fußbremse und die Handbremsen am Lenker etwa, von denen man die linke vordere lieber nicht bedienen solle, so wird gewarnt. Nicht dass der wilde Reiter kopfüber abgeworfen wird. Zum Glück muss man auch diesmal nicht schalten. Doch der Gashebel wird – da helfen auch Kraftraderfahrungen nicht weiter – mit dem rechten Daumen bedient.

Von Herzklopfen begleitet

Nun noch rasch die Sturmhaube übergestreift und den Helm aufgesetzt; es liegt in diversen Größen alles bereit. Der angebotene Overall wird abgelehnt, die abgewetzte, eigens für den Ausflug in die Lausitz gewählte Garderobe wird ein paar Schlammspritzer schon vertragen. Wasserdicht ist sie leider nicht. Nieselregen hat eingesetzt, der rasch heftiger wird. Und wenn auch beim Durchqueren der ersten Pfützen die kurz angehobenen Füße noch trocken bleiben - von oben wird man doch unerbittlich eingenässt. Eine Kleinigkeit, es geht ja ums Abenteuer. Was etwa bei Firmenveranstaltungen draufgängerische Büromenschen dazu verleiten kann, es den Kollegen mal so richtig zeigen zu wollen und mehr Gas zu geben als ratsam ist, wie Fankhänel erlebt hat. Aber im Großen und Ganzen gehe es gesittet zu, dafür sorgten schon er und die anderen drei Guides. Und das Tempo solcher Ausflüge werde sowieso den rasch erkennbaren Fähigkeiten der Fahrer angepasst.

In diesem Fall bitte etwas langsamer! Die Anfängerstrecke also, was anfangs schon - warum es leugnen? - von Herzklopfen begleitet ist. Wann kippt solch ein vierrädriger Feuerstuhl eigentlich um? „Nie“, hat Fankhänel versichert, das glaubt man ja gern, aber das beklommene Gefühl in der Kurve, es ist nun mal da. Ohnehin geht der Ritt durchs Gelände dem Ungeübten ziemlich schnell in die Knochen, in die Arme besonders. Die Hose ist inzwischen tropfnass, das Schuhwerk durchweicht. Cherokee, wo bist du?!

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OFFROAD-ANBIETER

Offroad-Agentur Elbe-Elster, Sallgast, Am Turnplatz 3, Tel.: (0172) 793 31 08, angeboten werden Jeep- und Quad-Touren sowie besondere Offroad-Tage zur Einführung, F60-Touren (Lichterfeld) von April bis Oktober, offroad-agentur.de. Das Besucherbergwerk F60 kann ganzjährig besucht werden, www.f60.de.

Offroadpark Berlin-Brandenburg, Teltow-Fläming, Zossen OT Kallinchen, Straße zur Försterei, Tel.: (033769) 20 20 10, www.offroadpark-berlin-brandenburg.de

ADAC-Fahrsicherheits-Zentrum, Potsdam-Mittelmark, Linthe, Am Kalkberg 6, Tel.: (033844) 75 07 50, www.fahrsicherheit-bbr.de

Agentur Lausitz-Safari, Oberspreewald-Lausitz, Senftenberg, Schulstraße 11, Tel.: (0160) 781 44 50, www.lausitzsafari.de

Panzerfahrschule Heise, Oder-Spree, Steinhöfel OT Gölsdorf, Dornröschenweg 1, Tel.: (0160) 96 66 16 97, www.panzerkutscher.de

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