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  • 09.03.2018
  • von Marion Kaufmann

Familien in Brandenburg: Allein, erziehend, arm

von Marion Kaufmann

Alle Hände voll zu tun. Für viele Alleinerziehende ist die Bewältigung des Alltags ein täglicher Kampf. Aber das Familienmodell ist gleichzeitig Alltag: In Brandenburg leben immer mehr Kinder mit nur einem Elternteil zusammen. Foto: dpa

In jeder vierten Familie in Brandenburg leben Kinder mit nur einem Elternteil zusammen. Viele kämpfen mit sozialen Problemen.

Potsdam - Die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie wird in Brandenburg immer seltener. Die Zahl der Familien, in denen nur ein Elternteil mit Kindern zusammenlebt, ist von 2010 auf 2016 um zehn Prozent von 55.400 auf 60.800 gestiegen. Im Jahr 2016 lag der Anteil der der Alleinerziehenden bei 24,5 Prozent. Das heißt, in jeder vierten Brandenburger Familie übernehmen Mutter oder Vater die Erziehung der Kinder allein. Die meisten Ein-Eltern-Familien gibt es in Oder-Spree (26,1 Prozent), die wenigsten im Berliner Umland mit Potsdam (21,3 Prozent). Insgesamt liegt Brandenburg über dem Bundesschnitt. Deutschlandweit sind 20 Prozent der Eltern alleinerziehend.

Die Zahlen für das Land hat die rot-rote Landesregierung nun in einer Antwort auf eine Große Anfrage der Grünen-Fraktion vorgelegt, die mehr als 100 Fragen zur Lage Alleinerziehender von der Kitabetreuung über den Gesundheitszustand bis hin zu Berufschancen umfasst. Dabei wird deutlich: Alleinerziehende leben nach wie vor oft an der Armutsgrenze. Und meist sind es immer noch Frauen, die den Alltag mit Kind ohne Partner bewältigen müssen – auch wenn der Anteil alleinerziehender Männer gestiegen ist und inzwischen bei 13 Prozent liegt.

Alleinerziehende seien keine "defizitären Wesen"

„Diese Familienform ist weiblich“, machte Almuth Hartwig-Tiedt, Staatssekretärin im Sozialministerium, in der Debatte zur Großen Anfrage am Donnerstag im Landtag deutlich. Alleinerziehende seien dabei „keine defizitären Wesen“, betonte sie. Auch wenn viele von ihnen das Gefühl der Überforderung kennen würden. Den Alltag zu managen sei eine Frage der Ressourcen, von Zeit, Geld und Hilfsangeboten. Die Landesregierung sei sich des Unterstützungsbedarfes von Alleinerziehenden bewusst, heißt es in der Antwort auf die Grünen-Anfrage. Dabei gehe es vor allem darum, Maßnahmen gegen Kinderarmut zu treffen, denn laut aktuellem Sozialbericht leben 41 Prozent der Alleinerziehenden mit Armutsrisiko.

„Viele Alleinerziehende stecken im Sozialleistungsbezug förmlich fest“, machte die Abgeordnete der Grünen, Ursula Nonnemacher, deutlich. Hier müsse dafür gesorgt werden, dass Elternteile ohne Partner besser in Jobs kommen. Auch auffällig aus ihrer Sicht: Bei sieben von acht Maßnahmen von Hilfen zur Erziehung waren Single-Familien betroffen. „Mag sein, dass die Zahlen nur bedeuten, dass die Hilfsangebote auch in Anspruch genommen werden“, so Nonnemacher. Sie glaube aber eher daran, dass viele Alleinerziehende dringend Hilfe brauchen und der Gang zum Jugendamt, das dann bei der Erziehung eingreift, für viele „der letzte Ausweg“ sei.

Gute Betreuunng sei wichtig

Die teils prekäre Lage von Alleinerziehenden macht sich auch bei der Gesundheit der Kinder bemerkbar: 69 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden haben bei der Einschulungsuntersuchung einen klinisch relevanten Befund. Insgesamt lebten in Brandenburg 2016 rund 79.700 Kinder nur mit Vater oder Mutter zusammen. 2010 waren es noch 72.800. Qualitativ gute Betreuung in Ganztagsschulen sei für diese Kinder wichtig, so Nonnemacher. Die Eltern wiederum benötigten Unterstützung beim Einstieg in den Beruf, aber auch Kinderbetreuung zu Randzeiten.

„Kindertagesbetreuung spielt im Pendlerland Brandenburg eine große Rolle, speziell auch für Alleinerziehende“, betonte die CDU-Abgeordnete Kristy Augustin. Wenn der Partner fehlt, der das Kind auch mal von der Kita abholt, und keine Großeltern in der Nähe wohnen, kämen viele mit den Standardöffnungszeiten der Kitas nicht zurecht.

Arbeitssuche ist für Alleinerziehende schwer

Ein möglicher Grund dafür, warum viele Alleinerziehende – wenn sie überhaupt einer Beschäftigung nachgehen – nur Teilzeit arbeiten. So waren von den 47,5 Prozent der Alleinerziehenden in Brandenburg, die 2016 einen Job hatten, nur 27,5 Prozent in Vollzeit beschäftigt. Gut bezahlte Arbeit zu finden, ist für viele Alleinerziehende auch deshalb schwer, weil sie oftmals niedrigere Schulabschlüsse vorweisen können. Bildungsstand und berufliche Qualifikation seien etwas geringer als in der Brandenburger Bevölkerung insgesamt, heißt es in der Antwort der Landesregierung.

Für viele Alleinerziehende sei die Bewältigung des Alltags dementsprechend „ein täglicher Kampf“, so die Abgeordnete der Linken, Diana Bader. 13 Wochen Schulferien seien für Elternteile, die arbeiten und ohne Partner für die Kinder sorgen, ein schier unlösbares Problem.

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