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Berlinale 2015

  • 15.02.2018
  • von Andreas Conrad

Zum Start der Berlinale: Kinoträume im Maxiformat

von Andreas Conrad

Ohne Leitern und Arbeitsbühnen kamen Plakatmaler wie Irene Klaube nicht aus. Um die Gesichter der Stars exakt abzubilden, half damals ein Projektor. Foto: privat

Mit ihren riesigen Filmplakaten prägte die Kunstmalerin Irene Klaube die Berliner Kinolandschaft der Nachkriegsjahre in glamouröser Weise mit. Erhalten haben sie sich auf Fotos, die an rasch vergessene Filme und längst geschlossene Filmtheater erinnern – und einen frühen Benefizabend des Tagesspiegels.

Natürlich, „Lili Marleen“. Ein Kriegsheimkehrerfilm ohne Lale Andersen als musikalisches Begleitprogramm, das wäre nur eine halbe Sache gewesen. Lange hatte man in Berlin auf das in US-Kinos bereits Ende 1946 gezeigte, mit sieben Oscars prämierte Filmdrama „Die besten Jahre unseres Lebens“ von William Wyler warten müssen. Nun, am 1. Juni 1948, war es soweit. Aber es war nicht ein Filmstart wie jeder andere. Der Tagesspiegel hatte zugunsten seiner „Heimkehrerhilfe“, einer Vorform der „Menschen helfen“-Aktion der Zeitung, eine Benefizvorführung in der „Neuen Scala“ in Schöneberg organisiert, mit Lale Andersen als Gaststar. Die Karten kosteten zwischen 10 und 50 Mark, damals eine Stange Geld. Rund 33 000 Mark kamen zusammen.

Eine verdienstvolle, heute vergessene Initiative. Doch nun ist ein Foto aufgetaucht, das den Eingang des damals als Varieté und Kino genutzten Gebäudes am Nollendorfplatz, des heutigen „Goya“, offenbar am Tag der Premiere zeigt, darüber die überlebensgroßen Porträts von fünf der Hauptdarsteller, die nur noch wenigen bekannt sein dürften – alle mit strahlendem Lächeln, die vom Glück verwöhnten Stars eben, nicht die leidgeprüften, von ihnen dargestellten Figuren.

Geschaffen hat diese Kinowerbung die Kunstmalerin und Grafikerin Irene Klaube, und viele andere auch: Ihr 1941 in Berlin geborener, in New Jersey lebender Sohn Jörg Klaube besitzt eine ganze Sammlung von Fotos mit Arbeiten der Mutter und hat sie dem Tagesspiegel zur Verfügung gestellt. Zusammen ergeben sie ein eindrucksvolles Bild der Berliner Film- und Kinolandschaft der Nachkriegsjahre, als in den heute geschlossenen oder abgerissenen Filmtheatern des Kurfürstendamms und der Umgebung – Hauptarbeitsbereich der Malerin – komische, heitere und dramatische Unterhaltungskunst dominierte, die mit der zerschundenen Stadtlandschaft in scharfem Kontrast stand. Nur zwei Geschosse waren vom Gebäude Kurfürstendamm 25 mit dem Lokal „Burgkeller“ übriggeblieben. Am oberen wurde für Filme wie „3 Mädchen spinnen“ mit Harald Juhnke und Georg Thomalla oder „Der Fall Rabauser“ mit Hans Söhnker geworben. Das war 1950, dem Jahr, in dem das Kabarett „Die Stachelschweine“ im Burgkeller Quartier nahm.

Im selben Jahr lief im Astor, heute ein Tommy-Hilfiger-Shop, „Sein Engel mit den zwei Pistolen“. Das Plakat zeigte Jane Russell als Calamity Jane in luftiger Kleidung, während Bob Hope begehrlich um die Ecke lugt. Für „Die größte Schau der Welt“ über den Ringling Brothers and Barnum & Bailey Circus, mit Charlton Heston als Direktor, übertraf sich das heute von Zara genutzte Marmorhaus an der Tauentzienstraße mit seiner Werbung – und Irene Klaube auch: Neben dem Plakat grüßte ein Clown vom Vordach, im Film dargestellt von James Stewart, und ein Akrobatenpaar hing an der Fassade über dem Abgrund. Selbst für Leute, die nur schwer ins Kino zu locken waren, hatte das erheblichen Schauwert.

Die Kinoträume im XXL-Format waren für die 1908 in Berlin geborene Irene Klaube ein Broterwerb in harten Zeiten. Nach der Ausbildung an der Kunstgewerbeschule arbeitete sie von 1928 bis 1937 als Werbegrafikerin bei Werthheim am Leipziger Platz, heiratete, bekam drei Kinder, wurde 1944 evakuiert – und stand bei der Rückkehr als Witwe ohne Arbeit und Wohnung da.

Die Kinder musste sie vorerst auf Pflegefamilien verteilen, fand immerhin eine Teilzeitarbeit als Werbegrafikerin und 1947 eine Anstellung als Kino-Großflächenmalerin bei der Firma Puck, die erst hinter der Komödie am Ku’damm, später in der Windscheidstraße ihren Sitz hatte. Dafür war sie eigentlich überqualifiziert, doch etwas, das näher an ihrer Ausbildung lag, war einfach nicht zu finden.

Eine anstrengende Arbeit: Ständig die Leiter rauf und wieder runter, um die Proportionen zu überprüfen, wobei die bis zu zehn Meter breiten Werke aus mehreren Teilen zusammengesetzt waren, wie Irene Klaubes Sohn erzählt. Er hat selbst noch gelegentlich mitgeholfen, die Leinwände zu reinigen. Solche Materialien waren knapp, wurden nach dem Programmwechsel mit Wasser abgespritzt, die Farbe kratzte man ab, bemalte sie neu.

Meist arbeitete die Plakatmalerin, übrigens damals in Berlin die einzige Frau in diesem Metier, während der Nacht, hatte als Hilfsmittel einen Projektor zur Verfügung, mit dem sie „die Köpfe, die den Kinobesitzern am besten gefallen“, auf die Leinwand warf, wie in einem Bericht einer West-Berliner Zeitung von 1965 zu lesen stand. Eine Arbeit im Akkord, die Programme wechselten rasch.

Viel war damit nicht zu verdienen, es reichte gerade so, und erst 1952/53 konnte Irene Klaube ihre Kinder wieder zu sich nehmen. Bis 1964 blieb sie Plakatmalerin, dann gelang es ihr, sich als Kunstmalerin selbständig zu machen – ihr Beruf für die nächsten Jahrzehnte. 1998 starb sie in Berlin, dessen Kinolandschaft sie so lange mit ihren Plakaten mitgeprägt hatte.

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