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  • 14.02.2018
  • von Udo Badelt

Spaziergang mit Michael Barenboim: "Virtuosität ist kein Selbstzweck“

von Udo Badelt

Tee im Café Einstein mit Michael Barenboim. Nebenan ging er zu Schule. Foto: Mike Wolff

Er ist Spross einer Pariser Musikerfamilie, besteht aber darauf, Berliner zu sein. Heute feiert Barenboim selbst große Erfolge als Violinist.

Es ist knackig kalt, als Michael Barenboim von der U-Bahn kommt. Die Februarsonne prangt am Himmel, der leere Winterfeldtplatz leuchtet im Mittagslicht, selbst die „Begegnungszone“ in der Maaßenstraße sieht heute nicht ganz so hässlich aus. Michael Barenboim mag die Gegend um den Nollendorfplatz. Er kennt sie gut, seine ehemalige Schule, das Französische Gymnasium, liegt ganz in der Nähe. „Hier machen ständig neue Läden auf, alles ist im Fluss.“

Dann zeigt aufs Café Berio: „Das war schon immer da gewesen.“ Ein Nebeneinander von Vergänglichkeit und Permanenz, das für ihn sehr Berlin-typisch ist.

"Eigentlich bin ich Berliner"

Was für ein Kontrast zu Paris, wo er 1985 zur Welt kam, in einer scheinbar homogenen, bruchlosen, ewig schönen Stadt. Sein Vater Daniel Barenboim war damals Chefdirigent des Orchestre de Paris. „Aber eigentlich bin ich Berliner“, sagt er voller Überzeugung.

Als er sieben war, 1992, zog die Familie hierher, Barenboim Senior übernahm damals den Posten des Generalmusikdirektors der Staatsoper Unter den Linden, den er bis heute innehat. Mit sieben begann Sohn Michael auch, Geige zu spielen. Ein Lebensweg nahm seinen Lauf, der am Donnerstag in der Philharmonie auf den nächsten Höhepunkt zusteuert: Das Debüt bei den Berliner Philharmonikern, mit dem Violinkonzert op. 36 von Arnold Schönberg.

„Natürlich bin ich aufgeregt“, sagt Michael Barenboim, „wer wäre das nicht bei diesem Orchester?“ Was aber überwiegt, ist Freude: Wie oft hat er die Philharmoniker gehört, jetzt endlich spielt er mit ihnen – auf Vorschlag von Zubin Mehta, der sein Dirigat wegen einer Schulteroperation absagen musste. Ergebnis: zwei junge Debütanten an einem Abend. Denn auch Einspringer Vasily Petrenko dirigiert die Philharmoniker zum ersten Mal.

Barenboim überquert die Bülowstraße. An der Zwölf-Apostel-Kirche hat man erneut die ganze spröde Schönheit Berlins im Blick: Gründerzeit neben 50er- Jahre-Architektur, Baustellenrohre, Möbelhäuser, Parkplätze. Wer nicht vorbeihastet, sondern auch mal anhält und schaut, dem eröffnen sich überall Details.

"Das Unperfekte zieht mich an“

Für Michael Barenboim macht gerade das Disparate das Quartier so interessant: „Der Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf, wo wir früher gewohnt haben, ist einfach nur hübsch, ein Bilderbuchviertel. Das Unperfekte zieht mich mehr an.“ Allerdings wird auch die Kurfürstenstraße kräftig gentrifiziert, Neubauten entstehen gegenüber der Kirche, ihr verkaufsträchtiger Name: „Carré Voltaire“. Das Französische Gymnasium, dem er sich nun nähert, gilt bei Immobilienentwicklern offenbar als Standortvorteil.

Das schmucke, einsame Häuschen vor der Schule ist Überbleibsel einer vergangenen Epoche. Einst war die ganze Gegend am südlichen Tiergartenrand in diesem Stil bebaut. Jetzt wirkt die Villa Maltzahn wie das Pförtnerhäuschen des Gymnasiums, zu dessen nüchterner Backstein-Beton- Fassade sie in seltsamem Kontrast steht – eine Fassade, die nichts darüber erzählt, dass das Lycée Français 1689 für die hugenottischen Flüchtlinge gegründet wurde.

Unterrichtssprache ist Französisch, die Schüler können mit Baccalauréat oder Abitur abschließen oder mit beidem. Barenboim freut sich, dass „Efi’s Imbiss“ gegenüber der Schule noch da ist. „Und dort, an dem Balkon, hing immer die krasseste Weihnachtsbeleuchtung!“

Das Disparate, das ihm so gefällt, es steckt auch in der grüngestrichenen Pumpe, die den Gehweg schmückt und inmitten der 60er-Jahre-Bebauung völlig aus der Zeit gefallen wirkt. Ihre Funktion hat sie lange verloren, doch liefert sie immer noch Wasser. Richtung Landwehrkanal ragt ein Schornstein auf, wurde hier produziert? Je genauer man hinschaut, desto mehr offenbart das Viertel seine Rätsel. Und über allem wacht der Geist von Walter Benjamin, der einen Block weiter, am Magdeburger Platz, zur Welt kam.

"Bei uns im Haus hat ständig jemand geübt"

War es zwangsläufig, dass Michael Barenboim Musiker wurde, bei dieser Familie? Sein Vater ist als Dirigent und Pianist weltberühmt, seine Mutter ist die Pianistin Elena Bashkirova, sein Großvater Dmitri Bashkirov ist Lehrer für Klavier am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium. „Meine Eltern wollten es mir selbst überlassen“, erzählt er. „Aber Musik ist auch Handwerk. Bei uns im Haus hat ständig jemand geübt.“

Immerhin, er hat sich für ein anderes Instrument entschieden, wie auch Bruder David, der Songwriter und Produzent ist. Studiert hat Michael in Rostock, heute ist er Konzertmeister des vom Vater gegründeten West-Eastern Divan Orchestra und leitet die Kammermusikabteilung der Barenboim-Said-Akademie. Vom neuen Pierre Boulez Saal ist er restlos begeistert: „Selbst wenn man nur zuhört, ist es, als ob man mitspielt. Der Saal ist absolut bombe!“

Weiter geht es zum Lützowplatz. Berlinischer geht es kaum. Nichts passt zusammen: Bauhaus-Archiv, CDU-Zentrale, Stiftung Warentest, in der Mitte eine lieblose Grünfläche, Gestrüpp, Skulpturen, Bauzäune. Dann lieber über Musik reden: Warum das Schönberg-Konzert? Michael Barenboim schwärmt davon, weil es eine schier unfassbare Virtuosität erfordert, Akkorde in höchsten Lagen, sehr schnelle Flageoletts – und trotzdem muss es total lyrisch und gesanglich klingen.

„Post- brahmsisch“ nennt Michael Barenboim das 30-minütige Werk. „Schönberg war sehr von Brahms geprägt, und das muss man hören.“ Dass er das beherrscht, davon kann man sich auf seiner Webseite überzeugen, wo er Schönbergs Konzert mit dem 2016 verstorbenen Pierre Boulez am Pult spielt.

"Virtuosität ist kein Selbstzweck“

Im Januar ist Barenboims zweite CD erschienen, mit Paganinis 24 Capriccios, der „Teufelstriller“-Sonate von Tartini, Kompositionen von Salvatore Sciarrino und Sequenza VIII für Violine Solo von Luciano Berio – ein Stück, dass er auch im September auf dem Jerusalemer Kammermusikfestival gespielt hat.

Wer sah, wie er dort furchtlos vertrackteste Passagen meisterte, dem wurde klar: Da hat einer die Musik des 20. Jahrhunderts zu seiner Herzensangelegenheit gemacht. Michael Barenboim nimmt Herausforderungen gerne an. „Aber Virtuosität ist kein Selbstzweck“, erklärt er beim Tee im Café Einstein, „es geht darum, wie sie sich auswirkt: Kontrolle aufgeben, loslassen, einen Eindruck extremer Emotionalität herstellen.“ Dann wirft er kurz einen Blick aus dem Fenster in den Garten, hinter dem sich der Hof seiner alten Schule erstreckt.

Konzerte in der Philharmonie am 15., 16. und 17. Februar. Karten ab 38 Euro unter www.berliner-philharmoniker.de

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