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  • 05.02.2018

10.316 Tage mit und ohne Mauer: „Berlin hat die Schönheit der Brüche“

Marianne Birthler und das Team der Graft - Architekten Wolfram Putz, Lars Krückeberg und Thomas Willemeit stellen "Unbuilding Walls" auf der Architekturbiennale  2018 vor. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die ehemalige Stasi-Akten-Beauftragte Birthler und die berühmten „Graft“-Architekten stellen bei der Biennale in Venedig die Mauer aus – und die Neugestaltung der Todeszone danach.

Wo waren Sie, als die Mauer 10.316 Tage nicht mehr stand: Ist das wirklich ein Datum, an das man sich erinnern sollte?

BIRTHLER: Daten wie dieser 28-jährige Spiegelmoment rücken vieles in ein neues Licht. Ich glaube, die Berlinerinnen und Berliner setzen sich immer noch gern mit der Geschichte der Mauer auseinander.

Sie meinen: Sie streiten sich gern darüber?

BIRTHLER: Das Thema Ost-West zieht wieder an. Eine Weile konnte man das ja kaum noch hören, obwohl es wichtig war – nun merken wir, wie sehr und wie lange Prägungen wirken, etwa an unterschiedlichen Wahlergebnissen in Ost und West. Auch die Debatte um den Stasi-Staatssekretär Andrej Holm hat ja in ihrer Heftigkeit viele überrascht. Da ist also offensichtlich noch viel Diskussionsbedarf.

Holt Berlin Verborgenes öffentlich nach?

PUTZ: Jeder, dem wir erzählt haben, dass wir zu diesem Datum den Deutschen Pavillon bei der nächsten Architekturbiennale bespielen, war erstaunt über die zeitliche Dimension: So lange ist das schon her? Dies ist ein Indiz dafür, wie nah uns die Geschichte der deutschen Mauer noch ist.

BIRTHLER: Es ist interessant, dass die Zeit, in der die Mauer stand retrospektiv als viel länger wahrgenommen wird, als die Zeit ohne Mauer. Vielleicht hängt diese Täuschung damit zusammen, dass die Zeit der Teilung als bleierne Zeit, als Stillstand wahrgenommen wurde, während nach 1990 kein Stein auf dem anderen geblieben ist – von der Mauer selbst sowieso nicht, aber auch auch im täglichen Leben, insbesondere der Ostdeutschen.

WILLEMEIT: Und mit jedem neuen Tag gibt es mehr Bürger in der Stadt, die die Zeit vor der Mauer nicht erlebt haben.

Wen interessiert dieses Thema mehr: Ost-Berliner, West-Berliner, Neu-Berliner – oder ist das nur noch Touristen-Folklore?

KRÜCKEBERG: Teilweise wirkt es wie Folklore, aber nicht nur für Touristen. Gerade wurde im Mauerpark ein alter Fluchttunnel ausgegraben. Das wird zelebriert, als hätte man ein neues Grab im Tal der Könige gefunden. Die Mauer ist unsere Archäologie - ein Phänomen, das weltweit in Presse und Politik so gespiegelt wird.

Merken Sie das als Berliner Architekten?

WILLEMEIT: Wir spüren, dass die Stadt um ihre Identität ringt. Von außen wird dieser Prozess anders wahrgenommen: Im Vordergrund stehen da die Freiheiten, die sich in Berlin eröffnet haben. Die Räume, die sich die Kreativszene erobert hat, prägen das Bild der Stadt. Viele Menschen kommen hierher und fragen nach der Mauer, weil sie ein Symbol für wiedergewonnene Freiheit ist. Wissen Sie, was das meistfotografierte Bauwerk Berlins ist? Nicht der Fernsehturm, nicht das Brandenburger Tor. Nein, die East Side Gallery.

Dabei ist sie nur der Fake einer Mauer.

WILLEMEIT: Sogar ein doppelter Fake, weil es nur eine Hinterlandmauer war und erst nach der Wende bemalt wurde.

Ist also der Blick von außen auf die Mauer nur ein großer Fake?

BIRTHLER: Naja, viele Menschen kommen nach Berlin, weil sie neugierig darauf sind: Wie kann ein Land eine Diktatur verarbeiten, wie wächst man zusammen? Viele Leute, die aus einst diktatorischen Systemen kommen, fragen mich: Wie heilt ein Land? Und dafür sind immer die gleichen Fragen wichtig: Was tun wir für die Opfer, wie gehen wir mit den Tätern um, wie kommt man an die Wahrheit ran?

PUTZ: Es gibt noch ein Phänomen, das uns die alte Mauer neu spüren lässt: Die Krim- Krise hat diplomatische Verhärtungen von heute wieder spürbar gemacht, Europa zieht wegen der Flüchtlinge die Grenzen wieder hoch, Donald Trump gewinnt den US-Wahlkampf mit einer Mauer und der Idee von Abschottung. Wir sind aufgewachsen mit der Entmaterialisierung einer Grenze. Nun dreht sich diese Entwicklung international in ihr Gegenteil um.

Heißt deshalb Ihr Kunstprojekt bei der Architektur-Biennale „Unbuilding walls“?

KRÜCKEBERG: Es geht nicht darum, die Mauer bloß zu zeigen – sondern zu erkennen, was wir darauf projizieren. Schauen wir uns an, wie der Mauerstreifen heute aussieht: Manches ist zugebaut, weil man die Wunde der Teilung schnell überdecken wollte. Manche Ecken zeigen, wie man eine Überwindung der Grenze gerade im Leerraum feiert, etwa der Mauerpark. Hier in dieser halbanarchischen Zugänglichkeit findet sich eine neue Berliner Mitte. Das zeigt den Vereinigungswillen stärker als die eilig zugebauten Flächen.

WILLEMEIT: Das ist eine neue Sicht auf die Teilung: Nach ihrem Fall konnte die Mauer gar nicht schnell genug entfernt werden. Heute wird sie eingehegt und ins Museum gestellt.

Wie heilt man denn eine Stadt?

BIRTHLER: Ich benutze den Begriff Heilung gern, weil er den menschlichen Umgang mit dem Thema aufzeigt, auch, dass ein Zusammenwachsen viel Zeit braucht und dass Narben zurückbleiben. Und dass es auf das Engagement von Menschen ankommt und nicht nur auf Politik. Nehmen Sie die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße. Es würde sie heute nicht geben, wenn nicht eine Handvoll Menschen sich vehement dafür eingesetzt hätte.

PUTZ: Die Vielartigkeit des Umgangs mit der alten Todeszone ist ein bleibendes Geschenk für Berlin. Zum Glück hatte niemand einen Masterplan in der Tasche, die Stadt hat ihre Antworten an vielen Orten selbst gesucht. Diese Ambivalenzen sind auch Ausdruck von Demokratie. Jeder heilt anders und zum Glück gibt es für eine lebendige Stadt keinen Chefchirurgen. In Berlin existieren die Ambivalenzen im Umgang mit der Teilung auch städtebaulich nebeneinander: Erinnern und Vergessen, Verbinden und Trennen.

War also Ihre Arbeit umsonst, Frau Birthler? Denn als Stasi-Akten-Beauftragte sollten Sie ja auch innere Mauern einreißen.

BIRTHLER: Ich weiß nicht, wie Sie auf eine solche Frage kommen! Die Öffnung der Archive war vielleicht schmerzhaft, aber sie hat vielen Menschen geholfen, ihr Leben wieder vom Kopf auf die Beine zu stellen. Und die Stasi ist kein reines Ostthema. Wir wissen, dass sie auch im Westen Informationen gesammelt und Einfluss genommen hat. Über die Stase wird zum Glück gar nicht mehr so viel gestritten. Nun gibt es eine andere Debatte: Wie kommen wir miteinander und nebeneinander klar?

PUTZ: Wer Mauern baut, der unterschätzt, wie lange sie auch nach ihrem physischen Verschwinden im Inneren einer Gesellschaft weiterleben. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die wir den Besuchern unserer Ausstellung bewusst machen – gerade in einer Zeit, in der viele darüber nachdenken, Grenzen wieder hochzuziehen.

BIRTHLER: Deshalb kommen in der Ausstellung auch Menschen zu Wort, die aktuell mit echten Mauern leben: in Jerusalem etwa oder in Korea. Aber Schwerpunkt ist die deutsch-deutsche Grenze, vor allem Berlin: Wie sieht es heute dort aus, wo sich einst Mauer und Todesstreifen befanden?


"Am Checkpoint Charlie spürt man den Schauder der Geschichte"

Gab es einen Ort, der Sie überrascht hat?

KRÜCKEBERG: Der Checkpoint Charlie ist ein interessanter Ort. Ich weiß schon, dass er sich vornehmlich zu einem touristischen Zirkus entwickelt hat. Aber das internationale Publikum kommt hierher, weil es erleben will, was eine Teilung mitten in der Stadt bedeutet hat und wie sie sich räumlich ausformt. Die Besucher sind angezogen von der Magie eines Landes, das es geschafft hat, ohne Blutvergießen die Mauer zu überwinden.

Der Checkpoint Charlie hat Magie? Das können Sie keinem Berliner erklären.

WILLEMEIT: In dem offenen Raum, auf dieser halbfertigen chaotischen Kreuzung spürt man vielleicht den Schauder der Geschichte. So hat es John Kornblum mal beschrieben. Und jetzt kann man da ein Foto mit Soldaten-Schauspielern machen.

BIRTHLER: Ich mag das überhaupt nicht, aber ich halte es aus. Als Berlinerin spüre ich die Mauer noch jeden Tag. Wenn ich über die Oberbaumbrücke oder die Bernauer Straße gehe, denke ich daran, dass hier die Grenze war. Das wird so bleiben. Entlang der Gedenkstätte ist immer etwas los, und das gefällt mir. Man kann sich zwar fragen, ob man dort, wo Menschen starben, jetzt auf der Wiese picknicken soll und Witze erzählen. Manche Besucher laufen mit Tränen in den Augen über das Gelände, weil sie an diesem Ort einen Angehörigen verloren haben. Aber diese verschiedenen Situationen und Gleichzeitigkeiten im Erleben der Mauerorte gehören dazu. Für mich sind es magische Orte.

Wie schafft man für alle, die nicht dabei waren, eine Vorstellung von einer Mauer, die es größtenteils nicht mehr gibt?

BIRTHLER: Wir konzentrieren uns in der Ausstellung auf die 28 Jahre nach dem Fall der Mauer, aber wissen natürlich, dass viele Besucher die Geschichte nicht kennen. Das müssen wir berücksichtigen.

PUTZ: Wir holen die Besucher am 9. November 1989 ab und beschreiben, wie eine heterogene Gesellschaft verschiedene Formen der Bewältigung der neuen Situation fand. Wir versuchen, ein Panoptikum der verschiedenen Haltungen nach dem Mauerfall darzustellen und nicht den Bau der Mauer neu zu inszenieren.

Ist die rasante Zeit des Umbruchs das Gefühl, das Berlin viel stärker bewegt?

WILLEMEIT: Deswegen heißt die Ausstellung „Unbuilding Walls“. Interessant ist, was Menschen aus anderen Ländern hier lernen können. Für uns Berliner wiederum ist interessant, wie die Reaktionen von außen auf die veränderte Stadt sind.

Erst der Umbruch machte Berlin sexy?

WILLEMEIT: Ja, denn er hat Berlin zugänglich gemacht. Das kreative Potential, das es in Ost und West schon gab, konnte sich dann entfalten. Besucher, die nach Berlin kommen, erleben wie Unräume in Freiräume verwandelt wurden, weil die Menschen sie sich gegriffen haben – noch heute. Aufgegebene Fabriken etwa. Oder an der Spree entlang, am Holzmarkt, am Freischwimmer. Häufig waren es Areale, von denen keiner so recht wusste, wie man eigentlich mit ihnen umgehen sollte. Dieser Raum war in Berlin so groß, dass sich daneben gleichzeitig sehr dezidierte Haltungen im Stadtbild durchsetzen konnten. Zum Beispiel die Forderung derjenigen, die die gesamte Mauer ausradieren wollten und wieder an die Idee eine Stadt anschlossen, die es so gar nicht mehr gab. Dabei wurden einfach mal 80 Jahre deutsche Geschichte negiert, weil die nicht so schön war und weh tut. Das Hauptthema der Biennale heißt „Freespace“, und Berlin kann ein ganz tolles Lied davon singen.

Ist es nach 28 Jahren ohne Mauer jetzt genau die richtige Zeit, an der Heidestraße in Mitte die Europacity zu bauen? Und war es ein Fehler, Herrn Anschutz damals das Gelände an der Spree zu geben, das heute neben der Mercedes-Benz-Arena mit billiger Architektur vollgestellt wird?

WILLEMEIT: Jedes autoritäre Regime hätte schnell einen Masterplan entwickelt, wie mit Geschichte umzugehen ist. Das ist glücklicherweise in Berlin nicht passiert.

BIRTHLER: Aber vieles hätte man sich anders gewünscht.

WILLEMEIT: Die gewachsene Heterogenität wird sehr deutlich: hier bürgerschaftliches Engagement von unten, dort Pläne von oben a la ’Wir bauen das Schloss wieder auf’. In Berlin sind sehr unterschiedliche Ebenen im Stadtbild sichtbar.

PUTZ: Nach dem Fall der Mauer haben viele internationale Architekten wie Norman Foster gefordert, den Mauerstreifen nicht schnell zuzubauen. Der Blick von außen auf Berlin ist sehr aufschlussreich. Die Debatten und die Grabenkämpfe, die aktuell in Berlin unter Planern und Architekten stattfinden, interessieren da draußen in der Welt niemanden. Das bleibt leider eine provinzielle Auseinandersetzung. Leute von außen stellen hingegen oft fest, dass Berlin seine Potenziale verkennt. Leider hat die provinzielle Sicht auch dazu geführt, dass Architekten, die hier gewirkt und international ausgestrahlt haben, der Stadt den Rücken gekehrt haben – wie Rem Kohlhaas oder Daniel Liebeskind. Kohlhaas ist jetzt zurückgekommen – mit einem Neubau für den Axel Springer-Verlag, der direkt auf dem Mauerstreifen steht und auch in dem Gebäude selbst an die Mauer erinnert.

KRÜCKEBERG: Es sind so viele Israelis in der Stadt wir nie zuvor. Sie kommen nicht, weil sie nur an der Geschichte des Zweiten Weltkriegs oder der DDR interessiert sind. Sie kommen, weil die Stadt zugänglich ist, offen, vielfältig. Mit dem Blick von außen zeigt sich, dass es eine Schönheit der Brüche gibt. Deswegen ist der Mauerstreifen ein riesiger Glücksfall für diese Stadt. Aber in den meisten Fällen waren interessante Projekte solche, die von Bürgern kamen. Und der Mauerstreifen ist so unglaublich groß gewesen, dass es immer noch Potentiale gibt, die ungehoben sind.

Kann es sein, dass in 28 Jahren weitere Graswurzel-Projekte verschwunden sind, weil die wachsende Stadt mehr Flächen benötigt? Wie kann man die Brüche sichern?

BIRTHLER: In mancher Hinsicht ist das gelungen. Der Mauerradweg ist ein Projekt, das bleiben wird. Oder der Mauerpark. An anderen Stellen dagegen braucht es noch politische Energie und Debatten, um Spuren der Grenze zu erhalten.

KRÜCKEBERG: Berlins Aushängeschild ist die informelle Stadt. Wenn wir in Tokio auf einer Konferenz sind, spricht man dort über den Holzmarkt, die Karaoke am Mauerpark oder die Zwischennutzer an der Spree. Wir haben einen tollen Zeitpunkt in der Geschichte Berlins geschenkt bekommen. Es ist verwegen, Freiräume befestigen zu wollen – weil sie davon leben, dass sie informell entstanden sind. Sie dürfen keine Reservate werden. In der Welt fragt man nicht, wie der Potsdamer Platz rekonstruiert wurde. Die Leute draußen wollen etwas über den Untergrund erfahren, angefangen von der Subversivität der friedlichen Revolution, die zur illegalen Kellerbar im Prenzlauer Berg führte, woraus eine offizielle Kultur des Nachtlebens erwuchs. Besucher wollen den Charakter des Improvisierten erfahren.

BIRTHLER: Wir diskutieren ja auch über die inneren Mauern. Das steht auf einer Architektur-Ausstellung nicht im Zentrum, aber wir thematisieren auch, dass es noch unsichtbare, sehr schmerzhafte Mauern gibt. Abgesehen von den mentalen Unterschieden gibt es eine ganze Reihe von faktischen Ungleichheiten zwischen Ost und West – auf dem Arbeitsmarkt, dem Verhältnis zu unserer parlamentarischen Demokratie, den Wahlergebnissen, der Vermögensverteilung, dem Anteil Ostdeutscher an Führungskräften. Die Menschen im Osten spüren, dass überall dort, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden, kaum Ostdeutsche vertreten sind.

Ist die Trennung also noch nicht vorbei?

BIRTHLER: Keiner hat vor 28 Jahren gedacht, dass es so lange dauern würde. Es wird spannend, wie sich die Thematik in den nächsten 28 Jahren entwickeln wird.

WILLEMEIT: Wenn man von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, noch einmal um 28 Jahre zurückgeht, landet man bei 1933. Wie viel Epochales in 28 Jahren passieren kann und was diese Zeitspanne bedeuten kann, ist eine der Lehren, die man aus einer solchen Rückschau ziehen kann.

KRÜCKEBERG: Wir wünschen uns, dass die Leute aus der Ausstellung rausgehen und sich fragen: Was bedeuten Mauern in meiner Stadt, meinem Land und Mauern in den Köpfen? Dazu können sie eine Haltung entwickeln.

Das Gespräch führten Robert Ide und Gerd Nowakowski.

Wo verlief die Mauer? Wo steht sie heute noch? Diesen Fragen können Sie online nachgehen unter: www.tagesspiegel.de/berlinergeschichte. Sie finden dort eine Reihe aus Vorher-Nachher-Bildern, die alte Fotos der Mauer mit neuen Aufnahmen vom gleichen Standort kombinieren.

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