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  • 12.08.2017
  • von Elisabeth Binder

Stadtspaziergang mit Heidi Hetzer: Auf Weltreise im Kiez

von Elisabeth Binder

Keine Zeit für Feinkost. Heidi Hetzer in der Wilmersdorfer Straße. Foto: Mike Wolff

Heidi Hetzer hat den Planeten im Auto umrundet, ihren Heimatkiez an der Deutschen Oper erkundet sie mit uns zu Fuß.

Heidi Hetzer kommt mit dem Segway zur Verabredung vor dem Feinkostgeschäft Rogacki in der Wilmersdorfer Straße. „Sonst hätte ich mich verspätet“, sagt sie lachend. Zur weißen Latzhose trägt sie ein altes Sweatshirt mit dem Emblem der Berliner Olympia-Bewerbung, die sie unterstützt hat. Am Lenker baumelt ihre silberne Opel-Handtasche. Dem Fahrgerät stellt sie an dem dazugehörigen Band, das sie am Arm trägt, lässig den Strom ab. Jetzt ist die Frau, die in den vergangenen Jahren mit ihrem Oldtimer Hudo die Welt umfahren und dabei viele Abenteuer erlebt hat, bereit, ihren Kiez zu zeigen, in dem sie tief verwurzelt ist. Zu Fuß geht es also weiter, ein Stückchen die Wilmersdorfer Straße lang. Den größten Teil ihres Lebens hat sie im Opern-Viertel verbracht.

"Hier kann man gut Latzhosen kaufen"

Zunächst aber erzählt die Rallyefahrerin und langjährige Autohausbesitzerin von der Feier zu ihrem 80. Geburtstag im ehemaligen Meilenwerk in Moabit. 250 Gäste waren da. „Den 75. musste ich ausfallen lassen“, erinnert sie sich. Da suchte sie gerade neue Käufer oder Pächter für den Familienbetrieb. „Dann ist einem natürlich gar nicht zum Feiern zumute“.

In der Zillestraße stoppt sie vor dem „Hamburger Laden“, bedauert, dass der sich offensichtlich verkleinern musste. Früher hat sie da gerne Arbeitskleidung gekauft, auch Sachen für die Kinder. „Latzhosen kann man da sehr gut kaufen“, sagt sie.

Im Krieg hat sie die Oper brennen sehen

Rechts herum geht’s in die Richard-Wagner-Straße. Da die Nummer 1, ihr Elternhaus. Von dort aus hat sie im Krieg die Oper brennen sehen. „Damals sind wir immer in den Keller, bis das Haus ausgebombt war.“ Nach dem Krieg zog die Familie nach Gatow ins Sommerhaus und kam erst 1955 zurück in diese Straße, zog diesmal in die Nummer 3. Sie schaut an dem Altbau hoch.

Vorne befanden sich Kinderzimmer, Esszimmer, Wohnzimmer. Küche und Schlafzimmer waren hinten. „Mein Vater hat mich immer mit in die Oper genommen“, erinnert sie sich. Die Mutter mochte nicht, weil sie schwerhörig war. Als der Neubau eröffnet wurde, war sie gerade auf Reisen, entdeckte Bilder von der ersten Aufführung in einer Zeitschrift. „Und meine Eltern saßen in der ersten Reihe!“ Den Stolz spürt man heute noch.

"Und da bin ich in die Laterne gefahren"

Immer wieder winken Passanten ihr zu. „Toll gemacht“, sagt unvermittelt ein Mann mittleren Alters. „Ich habe alles verfolgt.“ Kein Zweifel, dass er ihre Weltreise mit Hudo meint, die so viele im Internet verfolgt haben. „Den Mann kannte ich gar nicht“, raunt sie leise. Hinter der Oper, vorne die Bismarckstraße lang und nach hinten bis zur Zillestraße, erstreckte sich einst das Hetzer-Imperium. Eine Art Auto-Wahrzeichen war das, bis 1965 das Opern-Viertel neu gebaut wurde und Familie Hetzer mit dem Geschäft an die Stadtautobahn zog.

Sie beschreibt, wo die Buchhaltung war und wo die Autos ausgestellt wurden, wie modern das damals alles wirkte. „Und da bin ich rückwärts gegen die Laterne gefahren.“ Die erkennt sie gleich wieder. Immer ist sie auf der Suche nach alten Nachbarn. Schaut in den Schreibwarenladen hinein, fragt nach. Leider Fehlanzeige. Vor dem Umzug des Autohauses 1965 an die Stadtautobahn kannte sie hier jeden. Als sie 1966 ihren Bob heiratete, einen amerikanischen Geschäftsmann, mit dem sie die Kinder Marla und Dylan bekam, zog sie zunächst an den Ku’damm, später in die Leibnizstraße, wo sie heute noch wohnt. Als Ehefrau blieb sie 24 Jahre mit dem Amerikaner zusammen, befreundet sind sie bis heute.

Kurzer Stopp bei den Autotunern

Sie deutet auf ein auffälliges Geschäft auf der anderen Seite der Bismarckstraße: „Der Teppichladen war immer schon da, der hatte auch immer schon Ausverkauf“, sagt sie trocken. Bei Volklandt, einem Laden für Autoveredelungs- und Tuningteile, muss ein kleiner Stopp eingelegt werden. „Siehst blass aus“, sagt sie zum Besitzer, der gerade ein Rohrproblem hat. Ob sie ihm irgendwie helfen könne? Er solle sich bitte nur melden, wenn sie was tun könne. Weiter geht es zum Karl-August-Platz. Da studiert sie an der Trinitatis-Kirche die Aushänge auf der Suche nach guten Konzerten. In dieser Kirche sei ihre Tochter konfirmiert worden. Inzwischen lebt sie in Eckernförde. Drei Enkelkinder hat sie von ihr, vom Sohn, der in Friedrichshain wohnt, zwei.

Gleich hinter der Kirche befindet sich ihr alter Sonntagsbäcker, „Eis Michel“, wo sie gerne frische Croissants geholt hat. Großes Wiedersehens-Hallo. Man erinnert sich, wie die Jungs hinter der Theke die große Kettenfiliale nebenan „plattgemacht“ haben. Heidi Hetzer duzt sie spontan. „Das habe ich mir unterwegs so angewöhnt, in der Welt duzen sich doch auch alle.“ Dann gerät sie plötzlich ins Philosophieren. „Man braucht viel weniger, als man denkt“, sagt sie und erzählt von den Schuhen für fünf Euro, die sie unterwegs erstanden hat, nachdem Diebe das Auto leer geräumt hatten. „Das sind jetzt meine Lieblingsschuhe.“ Die Sonntagsbäcker mögen sie kaum gehen lassen, die Faszination einer Frau, die gegen alle Widrigkeiten in den entlegensten Ecken der Welt jeden Morgen aufbrach ins Ungewisse mit ihrem weit über 80 Jahre alten Auto, entfaltet sich in ihrem angestammten Kiez zu voller Größe.

Fahren lernen "in ungefähr drei Stunden"

Gerade ist sie auf der Suche nach dem richtigen Auto für die nächste Tour, ein Range Rover soll es sein, ein Defender, 20 Jahre alt. Ihre Begleitung soll dann aber bitte im eigenen Auto fahren. Immer nebeneinandersitzen, das gibt doch nichts aus ihrer Sicht. „Da kann man ja nicht ausreißen.“ Erst will sie „Vatis Tour nach Ägypten“ fahren, eine Strecke, die vor vielen Jahren ihr Vater gefahren ist. Von da aus soll es weitergehen durch den Sudan und die Elfenbeinküste bis nach Kapstadt. „Man muss ja Herausforderungen haben.“ Vor einem Laden für „Feine Mechanik und Design“ bleibt sie noch mal stehen. Spieluhren, Lampen, Zahnräder, das Angebot fasziniert sie offensichtlich. „So was gab’s früher nicht.“ Nebenan liegen Schutzengel im Fenster.

„Talismane hatte ich auch einige, aber die sind alle geklaut worden.“ Da ist sie irgendwann zu dem Schluss gekommen, dass ein Schutzengel im Kopf am allerbesten aufgehoben ist.

Noch mal gibt es eine enthusiastische Begrüßung bei Fahrschule Bungs. Natürlich haben die Fahrlehrer auch ihren Blog verfolgt. Bei den Vorgängern hat sie selber einst das Fahren gelernt, „so ungefähr in drei Fahrstunden“, mehr habe sie nicht gebraucht. Auch den Motorradführerschein hat sie dort gemacht, mit 16 schon. Ihre Kinder und die Schwester waren ebenfalls da. Ihren Führerschein konnte sie dank einer Ausnahmegenehmigung, die ihr Vater für sie erwirkt hatte, weil er sie als Chauffeurin brauchte, schon mit 17 machen: „Da war ich in der Berufsschule natürlich die Königin.“

"Wenn du alt bist, musst du mittags zu Rogacki"

Auf dem Rückweg zum Segway entdeckt sie in der Bismarckstraße in einem Ein-Euro-Laden Drucksprühflaschen. „Genau das, was ich brauche“, ruft sie freudig. „Für Hudos Felgen.“ Der Oldtimer hat Holzfelgen, die täglich mit Wasser eingesprüht werden müssen. Da schlägt sie gleich zu. Im Raumausstattergeschäft, das sich auf dem Grundstück ihres alten Elternhauses befindet, legt sie auch noch ein Stopover ein, erkundigt sich nach dem Ehepaar Beese. „Die waren bei mir Kunden und ich bei denen.“ Sie hat Lust auf Kontakte von früher, auf geteilte Erinnerungen. Dabei hat sie ja so viele Freunde, um die sie sich kümmern muss.

„Wenn du alt bist“, haben Mutter und Kinderfrau ihr damals immer gesagt, „dann musst du mittags bei Rogacki essen.“ Das hat die gerade 80-Jährige auch vor. Allein, noch fehlt ihr die Zeit dazu. Hagen Jensen, ein ehemaliger Rallyefahrer, der zusammen mit ihrer Tochter Marla Breuss ihren Blog in ein dickes Buch für die Familie verwandelt hat, wartet schon vor ihrem Haus in der Leibnizstraße, um letzte Details zu besprechen.

In der Firma klebte mal ein Metermaß an der Wand. Ein Zentimeter für jedes Lebensjahr. Bis 82 ging das, denn das 100. Firmenjubiläum wollte sie unbedingt noch erreichen. Nach den drei Jahren auf Tour kam ihr der angedachte Rest des Lebens plötzlich sehr kurz vor.

Ihr Sohn Dylan hat ihr dann kurz vor dem 80. Geburtstag ein neues Band geschenkt, das bis 100 geht. Das will sie jetzt danebenkleben. Vielleicht schafft sie es ja doch noch mal, zum Mittagessen zu Rogacki zu gehen.

In unserer Reihe "Eine Runde Berlin - Streifzüge durch die Kieze" bereits erschienen: Mit Autorin Jana Hensel in Prenzlauer Berg und am Fernsehturm. Mit Sängerin Inga Humpe am Spree-Ufer in Mitte.

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