22.05.2017, 19°C
  • 19.05.2017
  • von Hannes Soltau

Entwicklungszusammenarbeit: Wie schafft man Perspektiven für junge Afrikaner?

von Hannes Soltau

Audrey Namdiero-Walsh, Moderatorin Ulrike Scheffer und Ibou Diop bei der Diskussionsveranstaltung. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Bekämpfung von Fluchtursachen, ein Ende des Brain-Drains: Beim Tagesspiegel diskutierten Experten über neue Ansätze in der Entwicklungszusammenarbeit.

Fluchtursachenbekämpfung ist das Wort der Stunde. Im November 2015 trafen sich auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise Vertreter der EU und afrikanischer Staaten beim Gipfel in Valletta auf Malta. Damals wurde ein Aktionsplan beschlossen, dessen Ziel es ist, die Lebensbedingungen in Afrika durch mehr Bildungsmöglichkeiten zu verbessern. Funktioniert das?

Noch nicht. Allein in den ersten Monaten dieses Jahres flüchteten 45.000 Menschen über das Mittelmeer nach Italien. Das bedeutet einen Anstieg um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die meisten dieser Flüchtlinge stammen aus Afrika. Warum verlassen junge Afrikaner noch immer ihre Heimat auf der Suche nach besseren Lebensperspektiven? Das war die Leitfrage einer Diskussionsveranstaltung zu der „Der Tagesspiegel“ in Kooperation mit der „Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“ (GIZ) unter der Überschrift „Afrika macht Schule“ geladen hatte.

Bildung kein Allheilmittel

Wie wichtig der Faktor Bildung als Fluchtursache ist, schilderte Ibou Diop, Mitglied der Organisation AfricAvenir, zu Beginn. In seinem Herkunftsland Senegal sei der Migrationswunsch der Menschen stark vom Bildungsgrad abhängig. Vor allen junge Leute, die die Schule früh verließen, hätten den Wunsch auszuwandern.

Günter Nooke, persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin, warnte sogleich, dass eine gute Ausbildung zwar ein wichtiger Schlüssel sei, aber kein Allheilmittel. Viele Akademiker ohne Perspektive entschieden sich gerade aufgrund ihres hohen Bildungsniveaus für eine Karriere im Ausland.

Kommt der neue Einstein aus Afrika?

Diesen Brain-Drain, also die Abwanderung ausgebildeter oder talentierter Menschen, aufzuhalten, ist auch eine Kernaufgabe des Next Einstein Forums. Dessen Programmverantwortliche Audrey Namdiero-Walsh schilderte den Anwesenden, dass ihre Organisation gar daran glaube, dass der neue Einstein aus Afrika kommen könnte. Dafür müsse die Wissenschaftswelt aber anerkennen, dass die Forschung in Afrika einen globalen Mehrwert generiere. Ein Beispiel hierfür sei die Impfstoffentwicklung.

Zustimmung erhielt sie dafür von Martin Weiss, Abteilungsleiter Afrika der GIZ. Die GIZ unterstützt das Forschungs- und Lehrnetzwerk der Afrikanischen Union (AU). Ziel ist es, wissenschaftliche Lösungen von Afrikanern, in Afrika und für Afrika zu entwickeln. Auch für ausländische Investoren sei dies ein starker Anreiz: „Fachkräfte mitzubringen ist immer teurer als sie vor Ort anzuwerben.“ Große Hoffnung setzt Weiss dabei in den IT-Sektor. Die GIZ bringe beispielsweise afrikanische Start-Ups mit deutschen Jungunternehmern zusammen. Aber auch traditionelle Berufsfelder wie die Landwirtschaft müssten aufgewertet werden. In Kursen vermittele man daher Bauern Grundkenntnisse der Betriebswirtschaftslehre. "Sie müssen sich als Unternehmer verstehen."

Kolonialisierung wirkt in den Köpfen fort

Nooke pflichtete Weiss in diesem Punkt bei. Der Stellenwert des Handwerks müsse ebenfalls gestärkt werde: „Auch ohne Studium können Menschen zu Wohlstand kommen.“  Ibou Diop verwies in diesem Zusammenhang auf den Kolonialisierungseffekt, der noch immer nachwirke: „Die europäische Vorstellung, dass Erfolg bedeutet, einen Anzug zu tragen, ist fest in den Köpfen vieler Afrikaner verankert.“

Diop betonte die Besonderheit und Diversität der afrikanischen Staaten. Das größte Problem sei, dass in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit noch immer angenommen werde, dass Afrika sich im Tempo Europas entwickeln müsse. Man verkenne dabei aber, dass es sich um einen Prozess handele, der Jahrhunderte gedauert habe: „Die Entwicklung des afrikanischen Kontinents ist aber nicht langsamer, sondern anders." Afrikanische Karrieren funktionierten längst ohne Unterstützung von außen. Ein Diskurs über Bildung müsse auf Augenhöhe stattfinden.

Lösungen aus Afrika für Afrika

Diop verwies auf eine junge, dynamische Generation in Afrika, die die Chancen der Digitalisierung zu nutzen wisse: „Ich kann heute in Dakar sitzen und weiß trotzdem, was gerade in Berlin passiert. Und umgekehrt.“ Einig waren sich letztlich alle Diskussionsteilnehmer in einem Punkt: Die Lösungen müssen in Afrika entstehen. Dabei solle einerseits die Souveränität der Staaten geachtet werden, andererseits aber auch die politische Elite der Staaten stärker in die Pflicht genommen werden.

In seinem Schlusswort betonte Günter Nooke, dass ein prosperierender und friedlicher Nachbarkontinent nicht nur für afrikanische Staatsbürger von Interesse sei: „Es wäre Größenwahn zu sagen: Wir retten Afrika. Aber das Wohl Afrikas liegt auch im Interesse Europas und Deutschlands.“

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!