21.11.2017, 4°C
  • 04.01.2017
  • von Andreas Conrad

„Axel“ fegt heran

von Andreas Conrad

Bislang war der Winter unspektakulär, doch heute ist mit schweren Sturmböen zu rechnen. Vor 30 Jahren herrschte das weiße Chaos

Berlin / Potsdam - Um es gleich in aller Härte zu sagen: Die Aussichten auf Schneeballschlachten und Schneemänner bleiben gering in der Region. Ansonsten aber wird es an diesem Mittwoch und auch tags darauf nach den Erwartungen der Meteorologen sehr ungemütlich in Berlin und Brandenburg. Sturmfluten wie an der Ostsee sind nirgends zu befürchten, viel Regen und schwere Sturmböen aber schon.

Sturmtief „Axel“ nähert sich mit Macht aus Westen, wird nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes mit orkanartigen Böen um 110 Stundenkilometern über Norddeutschland hinwegfegen und das Land kräftig einnässen. Und bei Nässe blieb es auch am Dienstag in Berlin und Brandenburg, Schnee hatte angesichts der gestiegenen Temperaturen fast keine Chance. Nur im Südosten Brandenburgs hatte es in den vergangenen Tagen etwas geschneit, gestern Nachmittag blieb es aber überall bei „flüssigem Niederschlag“, wie die Meteorologen sagen, und die etwas diffuse Schneegrenze verlief etwa entlang der Landesgrenze zu Sachsen. Mittwochfrüh ist allerdings auch in Berlin mit etwas Schnee, vielleicht auch nur Schneeregen zu rechnen, hieß es gestern beim Berliner Wetterdienst Meteogroup. Tagsüber werden Schauer erwartet, vielleicht sogar eine Auflockerung der grauen Wolken.

Die dürften allerdings mit ziemlichen Tempo über Stadt und Land hinwegziehen. Es werde am Mittwochvormittag turbulent: Kräftige Böen, Sturmböen, eventuell sogar schwere Sturmböen – in diesem Spektrum werde es sich bewegen, hieß es bei Meteogroup, man tue also gut daran, auf dem Weg zur Arbeit besonders vorsichtig zu sein, auf dass man nicht von einem möglicherweise herabstürzenden Ast oder anderen Dingen getroffen werde. Nachts werden die Temperaturen sich zwischen vier und einem Grad bewegen, morgen tagsüber zwischen drei und sechs Grad, so die Vorhersage. In der Nacht zu Donnerstag ist aber wieder mit Frost zu rechnen, bei dann noch auf der Straße befindlicher Feuchtigkeit also mit Glätte.

So unliebsam sich „Axel“ also voraussichtlich präsentieren wird – er bleibt wohl nur ein Waisenknabe gegenüber „Agnes“ und „Daniela“. So hießen die zwei Tiefdruckgebiete, die Anfang Januar 1987, vor nunmehr 30 Jahren, sich europaweit austobten und auch Berlin und Brandenburg rekordverdächtig in Eis und Schnee erstarren ließen. Nach tagelangem Dauerregen war kurz nach dem Jahreswechsel die Durchschnittstemperatur in Berlin um elf Grad gefallen, was 16 Zentimeter Neuschnee zur Folge hatte, der sich durch kräftigen Wind auf Fensterbrettern und Balkonen zu weißen Gebirgen türmte. Der Verkehr in Berlin, West wie Ost, lief noch halbwegs normal, im Transitverkehr gab es aber schon stundenlange Verspätungen, besonders auf den Autobahnstrecken gen Süden. Die Straßenmeistereien kamen einfach nicht mehr hinterher, und die DDR-Grenzer standen oft genug vor vereisten Kofferraumschlössern, die erst mühsam mit Feuerzeugen oder Schalen voll heißem Wasser gangbar gemacht werden mussten.

Das war aber nur ein Vorbote des schneeweißen und bitterkalten Chaos, das eine Woche später übers Land, ja sogar über weite Teile Europas hereinbrach. In Berlin habe man mit minus 17 Grad den kältesten Januartag in diesem Jahrhundert gemessen, meldete der Tagesspiegel am 14. Januar, konnte aber tags darauf mit noch tieferen Temperaturen aufwarten: minus 23,3 Grad am Tegeler Fließ und sogar minus 25,3 Grad am Flughafen Schönefeld. Da es in höheren Luftschichten mit minus drei Grad vergleichsweise warm war, eine Inversionswetterlage also, drohte angesichts der vielen Kohlenheizungen massiver Smog, den nur ein scharfer Ostwind verhinderte.

Probleme gab es auch so genug. Die West-Berliner Bewag mahnte sparsamen Umgang mit Strom an, die Sanitärbetriebe hatten Hochbetrieb, da sogar ungünstig in Balkonnähe verlegte Heizungsleitungen einfroren, von schlappen Autobatterien ganz zu schweigen. Sogar in Bayern kam die Energieversorgung an ihre Grenze, besonders aber in der DDR, wo die Medien für die Werktätigen eine „Winterschlacht“ ausriefen. Für die Tagebaue in der Lausitz wurde es immer schwieriger, die eingefrorene Braunkohle abzubauen. „Dort wurden Angehörige der Armee und der Polizei eingesetzt, um die Förderanlagen schnee- und eisfrei zu halten“, war am 11. Januar im Tagesspiegel zu lesen. Die DDR-Nachrichtenagentur ADN berichte von über 30 000 Hilfskräften, die im ganzen Land im Winterdienst eingesetzt seien. Und zu allem Überfluss kam es am 14. Januar im Kraftwerk Boxberg zu einer Explosion, die den Energieengpass massiv verschärfte.

Und doch hatte die DDR schon Schlimmeres erlebt: Im Schneechaos 1978/79 steckten Züge tagelang fest, und Rügen war für Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Die von „Axel“ ausgehenden Gefahren erscheinen da überschaubar.

Andreas Conrad

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